AKTUELLES | BIOGRAPHISCHES | LESEPROBEN | HÖRPROBEN | BEITRÄGE | REZENSIONEN | PRESSE | LINKS | KONTAKT
weblog teil 27



Johannes Gelich

Stadtschreiber von Hermannstadt (Sibiu) vom 1. September 2008 bis 28. Februar 2009

Das Hermannstaedter Journal
weblog aus rumaenien

Vlad und das Trinkgeld

Es gibt Momente, da findet sich Vlad als sein eigener Zuseher wieder, der immer wieder vor- und zurückspult und die Zukunft in einer Folge von Überarbeitungen, Abänderungen und Revisionen so lange variiert, bis er sich ganz zerfressen und zerstreut wie eine zersprungene Glaskugel (eine wie sie Hellseher verwenden) fühlt. Dies passiert ihm mitnichten bei den schwierigsten, folgenreichsten, zufälligen Ereignissen und Abenteuern, die gewichtige Entscheidungen erforderten, sondern bei den alltäglichsten Handlungen wie dem Trinkgeldgeben heute Abend. Die Rechnung beträgt 23,50 Lei (Es ist 23:30, und wenn er diesen Gedanken zuende gedacht hat, wird es 23:50 sein [und er wird wissen, was der Unterschied zwischen einem Beistrich und einem Doppelpunkt ist]), und er bezahlt mit einem hunderte Lei Schein. Sein erster Impuls sagt ihm: Lass die 5er Note liegen. Schon will er zufrieden über seine Großzügigkeit aufstehen, als ihm das Trinkgeld überhöht erscheint. Er sucht in seinem Anorak nach Münzen, um die vom Kellner herausgegebene 1 Lei Note mit Münzen zu einem in allen Reisführern empfohlenen, wohl bemessenen 10 prozentigen Trinkgeld aufzufetten. Doch auch das stellt ihn nicht zufrieden. Vlad spult in seinem Inneren zurück, da ihn ein Ekel über seine eigene Kleinbürgerlichkeit befallen hat, und lässt die 5 Lei Note nun schließlich doch liegen. Die ursprüngliche, unmittelbare Begeisterung über seine eigene Großzügigkeit, die er zunächst am ganzen Körper verspürt hat, ist jedoch mit einem Schlag einem von seiner Kleinbürgerlichkeit herrührenden schalen Nachgeschmack gewichen. Nichts mehr ist von der adeligen Großzügigkeit seines jahrhundertealten Fürstengeschlechtes übrig geblieben. Wutenbrannt steht er auf, verschließt seine Faust über der 5 Lei Note, zerknüllt sie und wirft sie über seine Schulter nach hinten an die Wand, wie es die Russen auf feuchten Festen mit den Champagnergläsern machen. Als er draußen vor dem Wirtshaus seinen Mantelkragen hochschlägt und in die eisige Nacht davongeht, verspürt er auf einmal eine milde Zufriedenheit in sich aufsteigen. Eins mit sich selber und glücklich über die List, mit der er sich selber überrumpelt hat, schreitet er in der Dunkelheit davon und würdigt die Auslage, in der sich Videorecorder, Hifi-Geräte und Computer stapeln, nicht eines Blickes.

24. Februar 2009