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Zurück in die Zukunft

Vor einem Jahr wurde unser Sohn Lionel geboren. Randnotizen eines co-erziehenden Mannes und Schriftstellers. Eine Bilanz.

Im Gang des Fünfhauser Kindergartens hängen die Porträts der Betreuerinnen in bunten Holzrahmen. 34 sympathisch lächelnde „Kindergartentanten“, wie es bei uns früher hieß. Kein einziger Mann darunter. Während Linda den bürokratischen Teil der Aufnahmeprozedur für die Kinderkrippe erledigt, spiele ich mit Lio auf dem Gang. Wir betrachten die Gesichter seiner zukünftigen Betreuerinnen, machen einen Abstecher zu einer gerade laufenden Kindertheateraufführung, wo sich ein von einer Frau gespielter Bub im Wald verirrt hat. In diesem Kindergarten wird er demnächst seine Nachmittage verbringen. Nach einem Jahr intensiver und erschöpfender Kinderbetreuung übergeben wir, seine Eltern, das Ruder professionellen Händen. Wir freuen uns auf mehr „Luft“. Für mich als co-erziehender Autor mit Brot-Job erscheint ein Licht am Ende des Tunnels nach einem anstrengenden Jahr, in dem ich allerdings tiefe Einblicke in die Abgründe meines Charakters und unserer Gesellschaft gewonnen habe.
Als die Eröffnungswehen der Geburt intensiver wurden, bat mich Linda, sie auf den großen orangen Gymnastikball zu setzen, weil sie so die Schmerzen besser aushielte. Dafür musste ich die EKG-Kabel, welche die Herztöne unseres Kindes überwachten, für kurze Zeit abklemmen. Als die blutjunge wienerische Krankenschwester hereinkam, putzte sie mich zusammen: was ich mir denn erlauben würde, wenn das Kind stürbe, wäre es meine Schuld, et cetera. Wir stritten eine Weile, ich gab schließlich klein bei. Wie sehr sehnte ich mich nach der sanftmütigen Berliner Krankenschwester vom Nachmittag. Im ersten Moment dachte ich, die schnippische einheimische Krankenschwester sei vermutlich frustriert, weil sie lieber Medizin studiert hätte. Glücklicherweise kam dann bald eine slowenische Krankenschwester, sie war sehr herzlich und arbeitete außerdem schnell und kompetent. Heute denke ich, dass meine Reaktion nur das ausdrückte, was gesellschaftlicher Konsens ist: Pflegeberufe gelten nicht viel, sie haben ein schlechtes Prestige. Eine junge Österreicherin, die in einem Pflege-Beruf tätig ist, muss frustriert sein! Hätte sie doch lieber Medizin studiert.
Das Schreckgespenst ihrer Frustration war ein Vorbote meiner eigenen Frustration. Diese trat auf, als ich in den folgenden Monaten häufig als einziger Mann mit Kinderwagen auf der Mariahilferstraße unterwegs war oder im Kindercafé einkehrte. Das unangenehme Gefühl hat sich mittlerweile zu einer persönlichen, statistischen Größe verdichtet: Ob in Ämtern, in der Krankenhaus-Ambulanz, im Kindercafe: Höchstens zehn Prozent Männeranteil unter den Begleitpersonen der Kinder!
Ich entwickelte in den ersten Monaten meiner kinderbetreuenden Vaterschaft enorme Aggressionen auf die Gesellschaft, auf die Männer, zuletzt auch auf mich, weil ich solche Aggressionen bekommen hatte, und offensichtlich in meiner Haltung zu einer emanzipativen, männer-coeducativen (es gibt ja gar kein richtiges Wort dafür!) Erziehung zu wenig gefestigt war. Sonst hätte ich mich ja nicht so geärgert.
Allerdings hatte und habe ich Grund dazu. Im Kreis meiner sechs besten Freunde bin ich der einzige Mann, der ein Kind hat. Die meisten rufen mich seit Lios Geburt nicht mehr an, weil ich keine Zeit, Nerven oder Lust mehr habe, mit ihnen saufen zu gehen. Übrigens kenne ich nur drei Männer, die Kinder haben. Einer von ihnen ist ein Erfolgsschriftsteller, der sich in seinem letzten Buch unter großem Applaus des Feuilletons über seinen mangelhaften Anteil an der Erziehung selbstironisch ausbreitete; der zweite ein Erfolgsgermanist, von dem ich weiß, dass seine Frau die Erziehungsarbeit alleine erledigt, während er seiner Karriere nachgeht. Sie wurde aus Rumänien importiert und soll sich gefälligst mit ihrer Mutterrolle zufrieden geben, hat sie es doch immerhin geschafft, ihre DNA in den reichen Westen herüber zu retten. Der dritte Mann, der penibler als ich darauf achtete, 50 Prozent der Erziehungsarbeit zu leisten, ist mittlerweile geschieden. Scheidungsgrund: unausgesetzte Kritik an seiner Ehefrau. Er hat (aus Sicht seiner Karriereplanung) die wichtigsten Jahre „geopfert“. Die Beziehung zu seiner Tochter scheint schwierig zu sein. Man könnte provokant fragen: Was hat er von seinem sogenannten Opfer und seiner Emanzipation gehabt, wenn es die Gesellschaft einen Dreck schert und seine Beziehung zu den Kindern jetzt vielleicht auch nicht viel besser ist, als wenn er sich gleich ganz absentiert hätte? Denn Kinderherzen fliegen dorthin, wohin sie wollen, unabhängig von der emanzipativen Haltung der Väter. Oder etwa nicht? Werde ich am Ende vielleicht doch mit einer glücklicheren Beziehung zu meinem Sohn belohnt?
In meinem Kopf sammelte sich in diesem einen Jahr also viel Frust an: Was ist hier eigentlich los? Sind wir wieder in den fünfziger Jahren angelangt? Ist das unsere Zukunft? Ich erledigte in diesem Jahr beileibe nicht die Hälfte der Kinderarbeit – die Mutter macht immer mehr –, trotzdem wurde ich dieses düstere und gemeine, von der Neidgesellschaft genährte Gefühl nicht los, als würde ich – von den Erfolgsmännern überholt – auf der Strecke bleiben, während ich den Kinderwagen schiebe und ein ganzes Jahr verliere.
Überhaupt hatte ich das Gefühl, Schreiben und gleichzeitig die Aufgaben eines Familienvaters zu erfüllen, sei unmöglich. Das ganze Boheme-Leben dahin! Der unsäglich egoistische und narzisstische Anspruch auf solch ein Leben gilt wahrscheinlich nicht nur für meine Autorenexistenz, ist doch, wie der Wiener Autor Robert Misik schrieb, die künstlerische Existenzform paradigmatisch für die heutige Gesellschaft schlechthin geworden: Single-Dasein, Sex, Drugs und Rock n´Roll als Matrix künstlerischer Life-Style-Berufe, die einen durch die Magie der ästhetischen Arbeit der grausamen Wirklichkeit entheben, klingt doch cool, oder? Aber, so dachte ich andererseits, Peter Handke hatte es als alleinerziehender Vater seiner Amina doch auch geschafft, seine Existenz als Autor fortzuführen. Aber er hatte genug Geld. Er musste nicht drei Tage in der Woche Deutsch an einer Volkshochschule unterrichten. Woher hatte er das Geld, frage ich mich.
Extra-Geld ist für einen erziehenden Mann und Autor nicht vorgesehen. Hinter vorgehaltener Hand heißt es in den (engen) hiesigen Literatenkreisen: Schreibende Frauen, die ein Kind bekommen, bekommen auch leichter ein Stipendium. Ich kenne Autorinnen, auf die das zutrifft. Aber warum wird das eigentlich hinter vorgehaltener Hand gesagt? Warum müssen sich Autorinnen, die ein Kind bekommen haben, dann vorwerfen lassen, leichter ein Stipendium zu bekommen? Warum haben sie keinen offiziell geregelten Anspruch darauf? Warum gibt es kein Karenzgeld der Literar-Mechana für Schriftsteller? Weil wir nicht Gebär-Schreib-Maschinen fördern wollen? Das hätte was für sich. Aber die vorgehaltene Hand kommt im Zusammenhang mit männlichen Autoren gar nicht vor.
Meine Mutter hat sich vor über 30 Jahren von ihrem damaligen Mann, meinem Vater, wegen seiner Frau-an-den-Herd-Ideologie scheiden lassen. Trotzdem wurde sie nicht müde, in dem ersten, arbeitsintensiven Jahr nach Lionels Geburt immer und immer wieder nach der Fertigstellung meines Romans zu fragen ohne sich meine Dreifachbelastung als Vater, Lehrer und Autor vor Augen zu halten. (Sie fragte: Wie geht es dem Roman? - und nicht: Wie geht es dir mit dem Roman?) Als ehedem alleinerziehende und berufstätige Mutter hätte sie doch wissen müssen, wie viel Arbeit Kinder machen. Und obwohl sie selbst so schlechte Erfahrungen mit einem Pascha-Ehemann gemacht hat, entsprach ihre Erwartungshaltung gegenüber dem Sohn unbewusst jenem Rollenbild, das die Wurzel allen Übels ist: Es sei die primäre Aufgabe des Mannes, im Beruf erfolgreich zu sein! Es ist der Gesellschaft scheißegal, ob wir in der Gestaltung unseres Charakters oder unserer Umwelt erfolgreich sind. Der Berufserfolg muss her! Die biografische Erfolgserzählung muss her! Dann erst ist sie eine Großerzählung. 34 sympathisch lächelnde „Kindergartentanten“! Als sich Lionel am 31. Dezember an der Brust verbrühte, war ich wieder einmal der einzige Mann, der bei seinem Kind im Spital schlief.
Im „Spiegel“ las ich neulich eine zehnseitige Reportage über die Gewaltzunahme unter männlichen Jugendlichen. Angesichts einer Scheidungsrate von 50 Prozent und einer völlig peripheren Partizipation der Männer am Erziehungsalltag stellt man sich heute die Frage, ob nicht gerade die Burschen wegen der Absenz alternativer, männlicher Rollenbilder besonders anfällig sind für die brutal-maskulinen Männlichkeitsklischees, wie sie in diversen Ego-Shooters ausgelebt werden. Viele Burschen kommen nach der vorwiegend von Lehrerinnen dominierten Volksschule wahrscheinlich erst ab dem zehnten Lebensjahr in Kontakt mit männlichen Pädagogen, Lehrern, et cetera. Warum wird nur den Frauen und/oder den Ausländern - von der Krankenschwester in der Entbindungsklinik über die Kindergärtnerin bis zur Volksschullehrerin - die ganze Last der Arbeit mit Kindern aufgebürdet? Wenn man das Ende der traditionellen Familienbilder endlich zur Kenntnis nähme, müsste man schleunigst eine Quote für die Partizipation von Männern an der Erziehungsarbeit im Kindergarten und an den Volksschulen einführen.
Als unser Sohn krabbeln lernte, robbte er eine Zeitlang nur nach hinten. Er bewegte sich wie ein Krebs rückwärts, auch wenn ich ihn immer anfeuerte, doch endlich vorwärts zu krabbeln, was er schließlich auch ohne meine Zurufe von selbst zusammenbrachte. Im Gegensatz zu unserer forsch in die fünfziger Jahre marschierenden Gesellschaft war dieser Krebsgang aber nur ein vorübergehendes Phänomen, denn für Lio gibt es kein Zurück in die Zukunft.
Die vor ihm liegende Zukunft aber könnte eine sein, in der von 17 Kindergartentanten und Kindergartenonkeln und einer Kindertheateraufführung erzählt wird, in der sich ein von einem Mann gespielter Bub im Wald verirrt hat. Das kann doch nicht so schwer sein, oder?

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Archäologe der DDR

Reinhard Jirgl forscht seit 20 Jahren in den DDR-Ruinen von gestern und den deutschen Alltagsruinen von morgen. Von Johannes Gelich

In dem Roman „Plattform“ schreibt Michel Houellebecq darüber, dass sich die Reichen in São Paulo nur noch mit Hubschraubern durch die Stadt bewegen, um den mit Raketenwerfern bewaffneten Straßenbanden gar nicht erst in die Hände fallen zu können. „Der-Reiche ist eine unerbittliche Bestie, der du 1 !Sense in den Leib stoßen od die du über-den-! Haufen schießen musst“ heißt es folgerichtig in Reinhard Jirgls 2005 erschienenem Buch „Abtrünnig“, einem Roman „aus der nervösen Zeit“, in dem der Ich-Erzähler aus dem wuchernden Krebs kapitalistischer Zerstörungswut seine Konsequenzen zieht. Für den zur Feder und nicht zur Waffe greifenden Autor bedeutet das „verbale Brandlegung“, die sich als poetologisch-politisches Programm in einer nahezu manischen Schreibwut manifestiert, die Ruinen der Geschichte gleichsam mimetisch heraufbeschwörend. Und dabei bleibt nicht einmal die Syntax in bester Arno Schmidt-Tradition von dieser Zerstörungswut verschont. Die oft verglichene Nähe zu dem Großmeister der deutschen Avantgarde beschränkte sich laut Jirgl lange Zeit darauf, dass die „Nicht-Teilnahme der Leserschaft die kühnsten Erwartungen übertraf“. Auf seine Leserschaft hat er in der Tat lange gewartet: In den 80er Jahren führte der 1953 in Ostberlin geborene Jirgl eine Schattenexistenz als heimlicher Schriftsteller am Abend, und Beleuchter an der Berliner Volksbühne untertags. Seine Fähigkeit zur Systemkritik hat auch und gerade in der „DeDeR“ Veröffentlichungen verunmöglicht: 1985 wurde sein erster Roman „Mutter Vater Roman“ wegen „nichtmarxistischer Geschichtsauffassung“ abgelehnt. Wie wenig staatstragend und mit den propagandistischen Erwartungen der DDR kompatibel Jirgls Ästhetik war, lässt sich schon an dem mit 17-jähriger Verspätung bei Hanser erschienen Libretto für Stimmen und Vocoder „Mamma Pappa Tsombi“ aus dem Jahr 1985 ablesen: Der vielstimmige, nach einem ausgeklügelten Simultanprinzip angeordnete dramatische Text beschreibt den verkorksten Alltag einer DDR-Kleinbürgerfamilie: das paradigmatisch nur als „Mann“ bezeichnete Familienoberhaupt, Busfahrer und Alkoholiker, hatte zu Beginn des Textes einen Unfall, bei dem er alkoholisiert war. Er hat sich dabei am Bein verletzt und befindet sich, eine enorme Geldstrafe gewärtigend, im Krankenstand; die behinderte und debile Tochter Philine (genannt FINE) vermag nichts anderes als zu sabbern und gelegentlich eines der titelgebenden Wortbrocken herauszustammeln: Mamma, Pappa, Tsombi. „Die Frau“ unterhält ein Verhältnis mit ihrem EX, einem strammen Offizier der Volksarmee; die aus dieser Verbindung stammende, elfjährige Tochter Christine (genannt TINE) lässt all die erlebte Gewalt an der behinderten Halbschwester Fine aus. Der geschilderte „DeDeR“-Alltag könnte trister nicht sein: Man oder „der Mann“ beschießt lärmende Nachbarn mit einem Luftdruckgewehr, um hinterher in Angst vor einer Anzeige des „Ha-Geh-el-Manns“ (HausGemeinschaftsLeitung) zu versinken; Man oder „der Mann“ schaut sich idiotische Zombie-Filme mittels von den Wessi-Verwandten mitgebrachten Videorecorder an; man oder frau verbringt verkorkste Urlaube und schimpft in kleinstbürgerlichster Manier über Schwule, die sich am Strand küssen. Am Ende läuft die Tochter TINE Amok, tötet Mann und Frau, um nach getaner Arbeit mit dem verschmierten Blutmal auf der Stirn auf die Straße und ins „Gewirre der großen Stadt“ zu gehen. Bereits in diesem frühen Text klingen Jirgls wichtigste Motive an: das Saufen als Selbstzerstörung und innerer Privatkrieg, der Krieg der Geschlechter als Bürgerkrieg und der Amoklauf als Ausdruck eines schwelenden, latenten Kriegszustandes der conditio humana. Was Heiner Müller unter Zuhilfenahme und Unterwanderung der Klassiker von den DDR-Zensoren unbemerkt in Gang setzte, wird hier unmissverständlich ausgeschrieben: der Werk-Tätige und Arbeiter als großmäuliger und kleinbürgerlicher Säufer, Vergewaltiger und Totschläger. In der DDR-Publizistik war das unerwünscht. 1990 erschien schließlich nach Vermittlung von Heiner Müller „in aller Stille“ Jirgls erster Roman „Mutter Vater Roman“. Zu sperrig, zu kopflastig, zu schwierig: unverkäuflich – so lautete die Reaktion der Buchhändler. Jirgls Erstling landete mit tausenden anderen Büchern im Hof des Leipziger Zentralversands, deren Lager die Remittentenflut nicht mehr aufnehmen konnte: als meterhoher Bücherberg inmitten geschmolzenen Schnees. „Der Bücherverbrennung von 1933 war die Bücherersäufung 1990 gefolgt. An dem einzigen Ort, wo Kommunismus wirklich herrscht, im Scheiter-Haufen, sind alle gleich.“ meint Jirgl dazu lakonisch. Nach der Wende veröffentlichte er zunächst im Kleinstverlag Roland Jassmann in Frankfurt, 1991 blieb der im Luchterhand Hamburg erschienene Roman „Im offenen Meer“ nahezu unbeachtet. 1993 kam schließlich Jirgls persönliche Wende: für das noch unfertige Manuskript „Abschied von den Feinden“ erhielt er den Alfred Döblin Preis. Die Telefone liefen auf einmal heiß, doch nur Michael Krüger hielt Wort und veröffentlichte den „schwierigen“ Jirgl Roman im Hanser Verlag. Der Kern der Narration ist rasch wiedergegeben: erzählt wird aus der Perspektive zweier Brüder deren (Familien-)Geschichte: der Vater, ein ehemaliger SS-Offizier, hat sich einst in den Westen abgesetzt, die Mutter daraufhin ins Irrenhaus eingewiesen, wachsen die Brüder bei Adoptiveltern in einer kleinen Wohnung für Bahnangestellte am Rande einer mecklenburgischen Kleinstadt auf, verlieben sich in dieselbe Frau. Der eine der Brüder geht in den Westen, der jüngere bleibt, wird Spitzel und verrät Bruder und Freundin; die Freundin, mit einem reichen Stasiarzt verheiratet, wird in der Folge ebenso in eine Irrenanstalt eingewiesen, ihre Kinder zur Adoption freigegeben: Geschichte als ein ruinöses Perpetuum mobile. Auch hier steht am Ende der Tod, wird doch die einstige Geliebte vom älteren Bruder ermordet. Der unerwartete und nicht immer einfach dechiffrierbare Perspektivwechsel, der bisweilen kalauernde Einsatz von norddeutschen Dialektphrasierungen und das Kindheitsmilieu an der Bahnstrecke verweisen ebenso auf Uwe Johnsons Spuren („Mutmaßungen über Jakob“) wie der Beginn des im Jahr 2000 erschienen Romans „Die atlantische Mauer“: so wie Gesine Cresspahl in den „Jahrestagen“ versucht hier eine junge Frau aus Dresden nach einer gescheiterten Liebesbeziehung ihr Glück in New York. Doch schon bei der Einreise in die USA prallt sie an der Atlantischen Mauer ab, wird von den Einreisebehören abgewiesen, da sie ausgefüllte Bewerbungsunterlagen zur illegalen Arbeitsaufnahme als Krankenschwester in New York bei sich führt. Auch hier ist der Irrsinn allgegenwärtig: ihr Ex-Mann, ein in die Psychiatrie eingewiesener Serienmörder, entwischte justament aus jenem Krankenhaus, in dem die Frau gearbeitet hatte und aufgrund dieser Koinzidenz entlassen worden war. Die Frau kehrt schließlich unverrichteter Dinge zurück in die DDR, um beim Bruder, einem Fotografen, einzuziehen. Anhand dieser Begegnung entfaltet Jirgl einen breiten Erinnerungsraum über das gemeinsame Dresdner Elternhaus, das „Toten-Haus“. Mit dem im Herbst 2005 erschienen Roman „Abtrünnig“ hat Reinhard Jirgl sein weit verzweigtes, bisweilen enorm nervendes Erzählsystem gleichsam einem hochkomplexen Schaltplan noch einmal technisch aufgerüstet: neben den ohnehin wie Slalomstangen 1gezogenen Phall-Stricken s-1 Privatorthografie hat Jirgl als Links bezeichnete Kästchen mit Texten aus Sekundärwerken in den Lauftext gesetzt, die, dem Informationsfluss im Internet vergleichbar, neue Wirklichkeitsebenen erschließen sollen. Die ruinöse Geschichte der DDR und die pervertierte Erfahrung des Grenzübertritts bildet auch in „Abtrünnig“ einen Handlungsstrang: ein ehemaliger Grenzsoldat der DDR verhilft der Ukrainerin Valentina bei Nacht und Nebel mitsamt ihrem Bruder zur Flucht in den Westen. Nach seiner Übersiedlung nach Berlin arbeitet er als Taxifahrer in der Hoffnung, Valentina wiederzufinden, was ihm zwar gelingt, doch aus der Liebe wird noch lange keine Beziehung. Der ehemalige Bundesgrenzler strauchelt ebenso wie der Ich-Erzähler der Haupthandlung, ein alkoholkranker Autor, der seiner Therapeutin aus Liebe von Hamburg nach Berlin gefolgt ist. Diese Liebesbeziehung scheitert genauso wie alle Versuche, als Schriftsteller und Journalist – die eigene Biografie lässt grüßen - in der nervösen Zeit Fuß zu fassen. Die Geliebte zieht schließlich das Erbe und die finanzielle Sicherheit einer ungewissen Liebesbeziehung vor, die Macht hält mit dem Geld die wirksamere Waffe in Händen. Am Ende hilft nur noch der Amok-Lauf, auch wenn er lediglich – als Roman im Roman – phantasiert und zu einem grandiosen Stück Zeitgeschichte literarisiert ist.
Im Epilog von Reinhard Jirgls „Mamma Pappa Tsombi“ findet sich ein mit Kinderhandschrift verfasster Schulaufsatz aus der 5. Klasse mit dem Titel „Das Leben im Jahr 2000“: „Die Autos werden besser im Straßenverkehr fahren können. Wenn man auf ein Knopf drückt fliegt das Auto in die Luft und über ein störendes hinweg [...] Damit man schneller voran kommt.“ Der Schlusssatz des Schulaufsatzes könnte perspektivenloser nicht sein: „Vielleicht Leben wir schon nicht mehr.“ Solange es Autoren wie Reinhard Jirgl gibt, trifft diese Mutmaßung wohl noch nicht zu.

Reinhard Jirgl wurde 1953 in Ostberlin geboren, wuchs zehn Jahre bei den Großeltern in der Altmark (Sachsen-Anhalt) auf; 1964 kehrte er zu den Eltern nach Ost-Berlin zurück; Lehre als Elektromechaniker, Abendmatura, Studium und Hochschulingenieur für Elektrotechnik. 1978-1995 Techniker an der Berliner Volksbühne. 1993 erhielt er den Alfred-Döblin-Preis, 1999 den Josef-Breitbach-Preis. Lebt in Berlin.

Besprochene Bücher (Auswahl):

1995: Abschied von den Feinden, Hanser bzw. DTV, 1998, 10,17 EUR
2000: Die Atlantische Mauer, Hanser, bzw. DTV, 2002, 13, 50 EUR
2002: Genealogie des Tötens. Trilogie, Hanser, bzw. DTV, 2002, 28, 00 EUR
2005: Abtrünnig, Hanser, 25,90 EUR

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Weltbürger im Labyrinth

Zum hundertsten Geburtstag des großen Unbekannten der spanischen Literatur: Max Aub.

Der Romanist und Übersetzer Albrecht Buschmann nannte ihn einen Weltbürger zwischen den Kulturen. Doch was sich auf den ersten Blick als die Lebensstationen eines Kosmopoliten liest, ist doch nichts anderes als die bittere Geschichte der Wanderschaft wider Willen, der rastlosen Flucht vor den antisemitischen Mordbrennern des 20. Jahrhunderts: Geboren in Paris als Sohn des deutschen Handelsvertreters für Luxusjuwelen Friedrich Aub und der Französin Susanne Mohrenwitz, wächst Max Aub im Umfeld einer großbürgerlichen Familie auf. Mit Ausbruch des 1. Weltkrieges wird der Vater zur Person non grata. Die Familie Aub flieht nach Spanien, nach Valencia. Max Aub wird erst in später Jugend von seiner jüdischen Abstammung erfahren. 1915 schreibt der junge Aub sein erstes Gedicht auf Spanisch. Mit 21 Jahren entscheidet er sich für die spanische Staatsbürgerschaft. Das Studium ist nichts für den angehenden Autor der umfangreichsten Chronik des Spanischen Bürgerkrieges. Das Stigma der Wanderschaft bildet sich auch in seiner Berufswahl ab: Er tritt in die Fußstapfen des Vaters und wird Vertreter. Auf seinen Handelsreisen quer durch Spanien und Europa knüpft er Kontakte mit führenden Vertretern der Avantgarde, die später auch seine Freunde werden: Jorge Guillén, Gerardo Diego, Federico García Lorca oder Luis Bunuel. Doch nicht nur intellektuelle, sondern vor allem jene Begegnungen mit den unterschiedlichsten Repräsentanten aller sozialer Schichten im Spanien unmittelbar vor Ausbruch des Bürgerkriegs, verschaffen Aub für sein späteres Opus Magnum ein ungeheures Wissen. Diese „Vertreter-Poetik“ schlägt sich im „Magischen Labyrinth“ durch eine Vielzahl an dialogischem Material nieder, das ein breites Panoptikum der spanischen Zivilgesellschaft dokumentiert. Seine ersten experimentellen Theaterstücke und Prosatexte veröffentlicht er in der Zeitschrift „Revista de Occidente“, herausgegeben von dem Philosophen Ortega y Gasset. Mit dem Aufstieg der faschistischen Diktatoren in den 30er Jahren verlagert sich das ästhetische Bewusstsein des Experiments in Richtung politischer Agitation: Zwischen 1934 und 1936 leitet er das ambulante Studententheater „El Buho“ (Die Eule). Er stellte damit wie etwa Federico García Lorca mit dem Wandertheater „La Barraca“ oder Alejandro Casona mit dem „Teatro de las Misiones Pedagógicas“ die Ästhetik in den Dienst der Republik: Man machte Theater in den entlegensten Dörfern, um den Bauern in Erinnerung zu rufen, dass die Republik auf sie nicht vergessen hatte. Allein, es blieb vergeblich. Lorca wurde 1936 von den Falangisten ermordet. Aubs Studententheater mutierte im Bürgerkrieg zum Fronttheater. Erfahrungen, die auch in den zweiten Band des Magischen Labyrinths „Theater der Hoffnung“ (Campo abierto) eingeflossen sind. Hier ging es nicht mehr um ein Experiment, die Kunst trat wieder einmal in den Dienst der Aufklärung. Nach der Erhebung der Faschisten in Spanien wurde Aub als Kulturattaché nach Paris berufen. Von ihm stammte der Auftrag an Picasso, ein Wandgemälde für den spanischen Pavillon der Weltausstellung in Paris 1937 zu schaffen: „Guernica“ wurde geboren. Doch die politischen Machthaber zeigten sich unbeeindruckt von dem riesigen Ölgemälde, das die Verwüstungen durch die Bombardements der deutschen Legion Condor in dem gleichnamigen Dorf veranschaulichte. Die Appeasement-Politik der Zugeständnisse an die Faschisten warf ihre ersten Schatten. Max Aub unternahm einen zweiten Versuch: 1938/39 dreht er zwischen den Bürgerkriegsfronten mit André Malreaux den Film „Sierra de Terruel“, auch dies ein Versuch, der Weltöffentlichkeit ein Bild von den Verheerungen durch den spanischen Bürgerkrieg zu vermitteln. Doch die totale Verfolgung und Vernichtung aller republikanischen Kräfte durch die siegreichen Falangisten machte auch nicht vor Aub halt: Nachdem ihm die Flucht nach Frankreich gelungen war, wurde er als Kommunist denunziert und im Stadion Roland Garos, bzw. im Konzentrationslager Le Vernet interniert. Laut vorsichtigen Schätzungen wurden nach Francos Einmarsch in Madrid noch 200 000 Republikaner in Lagern und Gefängnissen ermordet. Aub hätte einer von ihnen sein können. Aus dem algerischen Konzentrationslager von Djelfa gelang ihm dank der Intervention von John Dos Passos endlich die Flucht nach Mexico.
Auf der Überfahrt von Casablanca nach Vera Cruz im September 1942 arbeitet Aub an dem späteren fünften Band des Labyrinths „Am Ende der Flucht“ (Campo francés)“. In einer Vorbemerkung schreibt Aub lakonisch „Dabei wechselte ich direkten Weges vom Filmset ins Konzentrationslager“. Der Einfluss der filmischen Montage in der Prosa ist hier evident: die Kunst des Kinos hätte den Roman seiner Zeit sehr geprägt, so Aub: „Sie liegt in der Tätigkeit des Regisseurs mit räumlichen und zeitlichen Dimensionen zu operieren.“ In der drehbuchartigen Szenenmontage werden Kino-Wochenschauen, Radio-Nachrichten, Zeitungsnachrichten, neben Kameranweisungen und Dialogpassagen zusammengestellt. Es beginnt mit der Überstellung spanischer Truppen in französische Konzentrationslager. Kern der Geschichte bildet hier die Verwechslung des ungarischen Immigranten Jules, der versehentlich für seinen Bruder Jean, einem Teilnehmer am Bürgerkrieg gehalten und inhaftiert wird. Die Nähe zur eigenen Weltenfremdung liegt hier auf der Hand. Erich Hackl nannte Aubs filmische Ambitionen im Krieg „eine Kunst der Dringlichkeit, die auf unmittelbare Wirkung abzielt“. Für Aub war der Bürgerkrieg nie wirklich zuende, er schrieb weniger von einem Ort der Verbannung aus, als „in einer gedachten Verlängerung der kriegerischen Umstände“ (José Luis L. Aranguren). Die Beherrschung der filmischen Montagetechnik kam ihm da zugute, wo er reales und fiktives Materials verdichtet wie noch deutlicher im letzten Band des Labyrinths „Bittere Mandeln“ (Campo de los Almendros)
sichtbar: Der Band erschien 1968, nachdem Aub 15 Jahre lang alle verfügbaren Zeitzeugen zu den letzten Kriegstagen in Alicante befragte, dem letzten offenen Hafen der Republikaner, in dem die Flüchtlinge vergeblich auf Evakuierungsschiffe der Engländer und Franzosen warteten. Die Schicksale von bekannten Figuren, aber auch von Namenlosen werden hier verfolgt. Hier zerfließt auch eine klare zeitliche Ordnung innerhalb der Romanstruktur: die Zeit und die Schicksale verlieren sich in einem ziellos und bedeutungslos gewordenen Geflecht einer menschenunwürdigen Raum-Zeit-Unordnung: Die Faschisten haben gesiegt. Inmitten von Menschenmassen voller atomisierter und zerstörter Existenzen erübrigt sich die Suche nach einem ordnenden Erzählstrang, Figuren flackern auf und verglimmen wie die Pechkugeln auf den Hörnern des Feuerstiers von Viver de las Aguas. Der Autor ist von dem Gewicht der Geschichte erdrückt, unsichtbar geworden und lässt sein Material aus dem Formenfundus aus Theater, Film , Nachrichten, Kolportage, Wochenschau für sich stehen. „Campo“ – so das magische Wort, das alle Romantitel im Original durchzieht, heißt auf deutsch „Feld, Erde“, aber auch „Lager“. Hier im letzten Band wird das Gewicht dieses Wortes noch einmal betont: „Ich glaube, die Erde ist aus dem Staub der Toten gemacht“.
In seiner neuen Heimat arbeitete Aub in den 40er und 50er Jahren neben der schriftstellerischen Produktion kontinuierlich im Filmgewerbe: als Drehbuchautor, Regisseur und Übersetzer. Und er unterrichtet Filmtheorie und Filmtechnik. Daneben war er in den Jahren 1965 und 1969 Jurymitglied der Filmfstspiele Cannes. Sein Werk, das annähernd 40 Theaterstücke, 12 Romane und ebenso viele Erzähl- und Essaybände umfasst, wurde in Mexico wohlwollend aufgenommen, doch mit Fortdauer des Exils in Mexico kamen ihm sowohl die Leser wie auch die spanische Gesellschaft abhanden. Sogar 1958, als seine Mutter stirbt, wird ihm vom Generalissimo Franco die Einreise verweigert. 1969 betrat er erstmals wieder spanischen Boden. In seinem Tagebuch „Das blinde Huhn“ schrieb er: „Du weinst, [...] weil hier keiner dein Werk kennt, es hat hier kein Zuhause.“ Max Aubs Zuhause war die Unrast und deren Verortung: im Labyrinth.

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7. April 2007, Neue Zürcher Zeitung

Wassermann

Von Johannes Gelich

Ich habe eine gefährliche Affinität zum Wasser. In düsteren Momenten dachte ich früher oft, dass ich einmal ertrinken würde, weil es für eine Wasserratte wie mich das logische und folgerichtige Ende wäre, wie für einen Piloten, der abstürzt. Berufsrisiko sozusagen. ...
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Ich habe eine gefährliche Affinität zum Wasser. In düsteren Momenten dachte ich früher oft, dass ich einmal ertrinken würde, weil es für eine Wasserratte wie mich das logische und folgerichtige Ende wäre, wie für einen Piloten, der abstürzt. Berufsrisiko sozusagen. Die Geschichten liegen bei mir nicht auf der Strasse, sondern unter Wasser. In jedem Gewässer lauert schon eine Geschichte.

Die erste Todeserfahrung machte ich im Pool meines Elternhauses: Es war Februar, und ich stieg als Vierjähriger auf die schon brüchige Eisfläche, nachdem meine ältere Schwester behauptet hatte, ich würde mich das nie trauen. Prompt brach ich ein und versank bis zum Hals in dem eiskalten Wasser. Meine Schwester zog mich heraus und stellte mich unter die Dachrinne an die sonnige Hausmauer und sagte: «Siehst du diesen Eiszapfen? Wenn er geschmolzen ist, bist auch du wieder trocken.» Sie liess mich bibbernd vor Kälte stehen, bis mich meine Mutter schon ganz blau im Gesicht von dieser ersten Wasser-Mutprobe erlöste.
HERR IM POOL

Als ich schwimmen konnte, war ich endlich Herr im Pool und schuf mir meinen eigenen Kosmos. Das Spiel ging so: Ich hüpfte unter Wasser von einem Beckenrand zum anderen wie Neil Armstrong unter Wasser. Was Armstrong auf dem Mond konnte, konnte ich unter Wasser schon lange. Ich hatte meinen eigenen Planeten unter Wasser entdeckt, unter Wasser war alles leichter, die Schwerkraft nahezu aufgehoben, keine elterlichen Befehle oder Schreie drangen in meine vom Wasser abgedichteten Ohren.

Das ging so weiter: Bei den Segeltörns auf der Jacht meines Vaters an der Küste Griechenlands wollte ich nicht an den sinnlosen Gesprächen über Navigation oder das Segeln teilnehmen, ich sass oder besser: hing im Bugkorb und starrte singend stundenlang auf die Oberfläche des Wassers, um gleichsam wie ein Hypnotiseur oder Magier Unterwassergeister aus den Tiefen des Meeres heraufzubeschwören. Und in seltenen Augenblicken gelang dieses Wunder, wenn auf einmal ein Schildkrötenpanzer oder die Flipper von Delphinen an die Wasseroberfläche kamen. Ich führte das auf meine magischen Kräfte zurück. An den Küsten der Kykladen entdeckte ich so die Magie der Phantasie und erfuhr meine Verwandlung zum Orpheus.

Mein erstes Rendez-vous (der Hades stand unter Wasser, und Eurydike schwamm darin) verlegte ich mit einem Freund ins Hallenbad: Wir luden unsere Angebeteten zum Schwimmen ein, doch von unseren feuchtnassen Annäherungsversuchen waren die jungen Nixen überhaupt nicht begeistert: Das Anspritzen oder der Versuch, ihnen den Oberteil ihres Bikinis (wo war der Verschluss?) herunterzuziehen, kam überhaupt nicht gut an, und es blieb bei diesem einen Abenteuer unter Wasser.

Als ich endlich motorisiert war, hätte man meinen können, dass für meine sexuellen Abenteuer jetzt lauschigere und trockenere Plätzchen in Frage kämen, doch weit gefehlt. In einer lauen Sommernacht hatten ein Freund und ich unsere Eroberungen vom Seefest schon auf den Hintersitzen unserer Vespas verstaut, doch uns fiel nichts Besseres ein, als auf den Spuren von Klimt eine Ruderpartie bei Mondschein vorzuschlagen. Unsere juvenile Geilheit vermochte nicht die Schwerkraft ausser Kraft zu setzen, und wir landeten alle vier im See. Die anschliessende Fahrt ins Seehaus war zwar romantisch, aber die Mädchen waren viel zu geschockt (und durchnässt), um sich von uns unter der Bettdecke aufwärmen zu lassen.

In meiner Studentenzeit gingen wir meistens im Bermuda-Dreieck (das klingt nach Sturm) der Innenstadt aus. Das gefürchtete Grätzel lag am Donaukanal, und wenn es sehr spät wurde, übernachteten wir bei einem Freund, der im zweiten Bezirk, am Kanal flussabwärts, wohnte. Da wir meistens auch das Geld fürs Taxi versoffen hatten, nahmen wir manchmal eine der Rettungszillen, die am Kai für Ertrinkende bereitstanden, und liessen uns flussabwärts treiben, bis wir quasi vor der Haustüre meines Freundes wieder an Land gingen.

Eines Nachts waren wir zu betrunken und hielten die Zille nicht in der Mitte des Donaukanals auf Kurs, sondern gerieten in eine Strömung an der Kaimauer und trieben unaufhaltsam auf den Bug der «Sisi» oder «Franz-Josef» zu. Die Zille donnerte an das hier vertaute Tanzschiff oder Restaurantschiff der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft, wir kenterten und hätten tatsächlich leicht ertrinken können, aber mittlerweile war ich längst Rettungsschwimmer geworden, denn die Abenteuer waren ja nicht im Kopf (wie eine österreichische Radiowerbung für das Lesen als Abenteuer im Kopf suggeriert), sondern im Wasser.

Als ich endlich mein sinnloses geisteswissenschaftliches Studium zu Ende gebracht hatte und mit dieser Qualifikation eine Stelle als Berlitz- Sprachlehrer (Ist das ein Fisch? Nein, das ist ein Tisch!) gefunden hatte, geriet mein Leben in einen schweren Sturm. Ich hatte Beziehungsprobleme und soff zu viel (nicht Wasser), ich war ein Wrack, als ich mich auf meine alten Wassermann- Qualitäten (obwohl ich Löwe im Sternzeichen bin) besann und anfing, nach der Arbeit ins Schwimmbad zu gehen. Und hier entdeckte ich (wieder einmal) meine bessere Welt. Fast ein Jahr dauerte diese Zeit meines evolutionären Rückwärtsganges in den Uterus hinter Glas: Ich schwamm und las und schrieb und schwamm, ich erholte mich, unter Wasser konnte das Leben nicht so zuschlagen wie draussen, da war alles langsamer, überschaubarer auch.

DIE WAHRE FREIHEIT

Als ich Jahre später meinen ersten Roman über diese Zeit schrieb und wieder im Hallenbad lebte, diesmal zu Recherchezwecken, lernte ich beim Probetauchen einen Mann kennen, der jede Woche im Hallenbad tauchen ging. Er hatte weder im Sinn, den Tauchschein zu machen, noch hatte er es je auf ein Tauchabenteuer im Meer angelegt. Auf meine Frage, warum er das macht, antwortete der Mann in bestem Wienerisch: «Das ist für mich wahre Freiheit! Du schwebst wie ein Astronaut im All unter Wasser. Hier kann ich mich entspannen!» Und ich dachte, Mann, du bist nicht allein. Ich bin mittlerweile überzeugter Indoor-Sportler, und die Natur schütze ich, indem ich nicht hingehe.

Als am 20. Jänner die Fruchtblase meiner Freundin (sie hat als sensibler Fisch Verständnis für meine Wasser-Affinität) geplatzt war, spekulierten wir Stunden vor der Geburt über das Sternzeichen unseres Kindes. Am 21. Jänner hätte der Wassermann begonnen, «Halt durch», sagte ich, «es muss ein Wassermann oder eine Wasserfrau werden. Für mich», beschwor ich sie. Unser Sohn weigerte sich, Wassermann zu werden, und kam um 21 Uhr 30 als Steinbock auf die Welt. Zur Strafe nannten wir ihn Lionel, den kleinen Löwen. Zuerst war ich enttäuscht, aber jetzt denke ich, es ist gut so, ich glaube ohnehin nicht an Sternzeichen, und ertrinken möchte ich jetzt auch nicht mehr. Aber die Sache mit Lionel und seiner Weigerung, Wassermann zu werden, wird auf jeden Fall eine längere Geschichte.

Johannes Gelich, 1969 in Salzburg geboren, lebt in Wien. 2006 erschien im Droschl-Verlag sein Erstlingsroman «Chlor».

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