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Chlor

Bei den Umkleiden überrascht mich eine der Frauen im weißen Kittel. Während ich nackt vor meinem Spind stehe, geht sie an mir vorbei. Sie blickt wie durch mich hindurch und macht ein gutmütiges Breughel-Gesicht, das eine Schnapsfahne umspielt. Ich staune immer wieder über den desinteressierten Gleichmut der hier angestellten Frauen beim Anblick nackter Männer. Hier herrscht ein wohltuend unerotisches Einverständnis zwischen Mann und Frau, vielleicht liegt das daran, dass ausnahmsweise nackte Männer den Blicken angezogener Frauen ausgeliefert sind. Die Männer benehmen sich ungewohnt kleinlaut wie in einer atavistischen Ehrfurcht vor der Mutter, wenn eine der Frauen im weißen Kittel gleichgültig an den Kabinen vorbeistreicht. Als ich wieder auf meinem Steinsitz liege, beobachte ich ein Mädchen auf dem Sprungsockel Nr. 6, das ihren weißen BH zurechtzupft, weil ihr eine Brust aus dem Bikini-Oberteil gesprungen ist. Sie ist völlig ungeniert, und ich gratuliere ihr zu dieser Schamlosigkeit. Andererseits frage ich mich, ob ihre Ungeniertheit nicht doch nur einer dummen Ignoranz entspringt. Ihre Brustwarzen scheinen durch den nassen Stoff ihres Bikinioberteils hindurch. Das Mädchen lacht seiner Freundin auf Sprungsockel 7 zu. In dem ausgewachsenen Körper einer 17-Jährigen lebt die Naivität eines Kindes. Erfreulicherweise fühle ich keine sexuelle Frustration beim Anblick der Frauen in den Bikinis. Vielmehr erfreue ich mich an meiner sexuellen Interesselosigkeit. Die Betrachtung der Frauenkörper erhitzt mich nicht. Vielleicht erlebe ich im Becken schwimmend eine zerstreute Form der Sexualität. Im Gegensatz zur rein visuellen Betrachtung von Werbeplakaten oder Werbephotos mit Frauen in Unterwäsche, frustriert mich der Anblick der halbnackten Frauen in Badekleidung nicht, obwohl ich über kein intaktes Sexualleben verfüge. Das Schwimmen mit den Frauen im Becken empfinde ich wie eine Teilhabe an der Gesamtheit ihrer Körper, die mir für den Augenblick genügt. KLING KLANG KLING KLANG KLING KLANG KLING KLANG KLING KLANG KLING KLANG KLING KLANG KLING KLANG Die Trainerin der Synchronschwimmer schlägt mit ihrem Ring an das Aluminiumrohr der Badeleiter. Wie viele Nanomillimeter kleiner Goldpartikelchen ihres Eherings jetzt wohl in das Wasser sprühen? Vielleicht schluckt man einen von diesen unsichtbaren Goldpartikeln, wenn man jetzt am Beckenrand vorbeischwimmen würde und Wasser in den Mund bekäme? Die sechs Synchronschwimmer bilden einen Kreis, dann heben die Männer ihre Partnerinnen aus dem Becken, ein sprudelnder Wasserwirbel, und die Frauen recken ihre durchgestreckten Beine wie Schwanenhälse ohne Köpfe in die Höhe. KLING KLANG KLING KLANG KLING KLANG KLING KLANG KLING KLANG KLING KLANG Ein dürrer junger Mann in einer weißen Badeshort auf Bahn 6 holt mich zurück in die Realität der Halle. Er taucht seine kraulenden Oberarme mit vollendeter, langsamer Behutsamkeit ins Wasser. Ich beneide ihn um seine Körperbeherrschung. Vom Drei-Meter-Brett springt ein massiger Junge und dreht seinen Körper im Flug. Ich nehme sein Spiel als Aufforderung an, stehe von meiner warmen Sitzbank auf und springe vom Beckenrand ins Wasser. Im Becken schwimmend, spricht mich eine junge Frau an, ob das Becken jetzt schon gesperrt würde. Ich bestätige ihr, dass mittwochs die Halle immer früher gesperrt werde - wegen der Wassersportler. Ich schwimme, bis der Bademeister über Lautsprecher den Badeschluss ausruft, trockne mich lässig ab und gebärde mich, als gehörte ich zu den professionellen Wassersportlern. Schräg unter mir steht schon der Wasserballtrainer am Rand des Beckens. Eine Handvoll dicker Jungen bildet einen Halbkreis um ihn. Sie wirken, als wären sie zum Wasserballspielen überredet worden. Irgendwann wird man als Schüler überredet, etwas zu spielen: ein Ballspiel oder ein Musikinstrument. Der Wasserballtrainer dreht den harten orangefarbenen Wasserball auf seinem Zeigefinger, während er auf seine Schüler einredet. Einer der jungen Wasserballer hat seine Brille vergessen und hat Angst, dass er die Kontaktlinsen im Wasser verliert, wenn ihm bei einem ruppigen Zweikampf die Schwimmbrille herunterrutschen würde. Ich höre sein Fluchen bis hinauf auf die Steingalerie. Immer wieder zischt er: Scheiße, Scheiße, Scheiße, während er am Beckenrand nervös auf- und abgeht und seinen Teamkollegen zusieht, die einer nach dem anderen zum Aufwärmen ins Wasser springen. Er schüttelt den Kopf, dreht vom Rand des Beckens ab und sagt wieder: Scheiße, Scheiße, Scheiße. Der Trainer bellt ihn an: Los, jetzt. Der Junge sagt, er kann nicht mit den Kontaktlinsen. Wenn ich die verliere! Sein Trainer kümmert sich nicht mehr um ihn, klatscht in die Hände und ruft seinen Schwimmschülern zu: Los! Warmschwimmen! Fünfmal Kraul! Fünfmal Brust! Der Junge mit den Kontaktlinsen weiß nicht, was er machen soll. Er dreht sich um seine eigene Achse. Dann setzt er endlich seine Schwimmbrille auf, zögert ein letztes Mal und springt zu seinen Teamkollegen ins Wasser. KLING KLANG KLING KLANG KLING KLANG KLING KLANG KLING KLANG Die Trainerin der Synchronschwimmer schlägt wieder mit dem Ehering auf das Rohr der Badeleiter. Im Wasser vor der Trainerin üben zwei junge Synchronschwimmerinnen, die zusammen wahrscheinlich so alt wie ich sind. Das eine Mädchen mit Akne hat eine schiefe Nase und hervorstehende Eckzähne Das andere Mädchen hat eine hübsche Stupsnase, ihre blonden Haare sind glatt nach hinten gebunden und die blauen Augen strahlen aus dem nassen Gesicht hervor. Sie wird es später eher auf den Cover eines Sport-Magazins schaffen als ihre Partnerin. Die Hübschere ist ehrgeiziger, denn sie braucht wahrscheinlich das Lob, das sie dank ihrer Schönheit gewohnt ist, häufiger als die hässlichere. Sie ist flinker und ihre Bewegungen federn leichtfüßiger. Die Hässliche hinkt im Rhythmus immer wieder nach und schielt nach den Bewegungen der schönen Ehrgeizigen. Ich wünsche der Hässlichen, dass gerade sie beim Wettkampf alles richtig macht, und dafür die Schöne, gefangen in ihrem Ehrgeiz, an einer schwierigen Stelle patzt. Ich frage mich, ob erwachsene Synchronschwimmerinnen mit ihren Partnern wie die Haie Liebesspiele im Wasser treiben: Beim Paarungsritual schwimmen die Haie synchron um einander herum und das Hai-Männchen beißt dabei das Weibchen als Vorspiel in den Rücken. Wenn das Weibchen aufhört zu schwimmen, sinken sie gemeinsam auf den Meeresgrund. Die zentimetertiefen Gebissabdrücke am Rücken sind der Knutschfleck der Haie. Wenn sich am Körper des Hai-Weibchens noch keine Schrammen zeigen, hat die Paarungszeit noch nicht begonnen. KLANG KLING KLANG KLING KLANG KLING KLANG KLING KLANG KLING Ob verheiratete Synchronschwimmer synchroner zusammenleben als andere Menschen und sich dem Lebensrhythmus ihrer Partner besser anpassen können? Vielleicht synchronisiert sie ihr Sport aber auch so stark miteinander, dass sie ein krankhaftes Zusammenleben entwickeln und alles gemeinsam machen müssen. Und los! Und hin! Und her! Und vor! Und zurück! Und alle sechs! Die Trainerin peitscht jetzt den Rhythmus ein. KLING KLANG KLANG KLING KLING KLANG KLANG KLING KLING KLANG KLANG KLING Auf der Rampe des Zehn-Meter-Bretts stehen jetzt zwei kleine Buben, die herüber zur Galerie schauen. Zwei Reihen unter mir sitzen ein Mann und eine Frau auf der Steingalerie. Sie winken den Buben auf der Rampe und machen groteske Gesten, mit denen sie die Buben zum Hinunterspringen ermuntern wollen. Der erste läuft an und springt mit Verrenkungen hinunter in die Tiefe, doch die Erwachsenen beachten den tollen Sprung überhaupt nicht und richten ihren Blick schnell wieder nach oben. Dort steht jetzt offensichtlich ihr Sohn. Die Erwachsenen unter mir gestikulieren wild und schreien über die ganze Breite des Beckens hinweg, hinauf zum Zehn-Meter-Turm: Spring! Spring doch! Der kleine Junge trippelt vorsichtig zum Rand der Rampe und schaut skeptisch in die Tiefe. Die Eltern beobachten ihren Jungen starr und bewegungslos. Jetzt springt der vermeintliche Vater von seinem Sitz auf und macht dem Jungen am Beckenrand eine Kerze vor. Er presst seine Arme seitlich fest an den Körper und macht kleine Sprünge vorwärts. So! So! Schau! Spring so! Dann setzt er sich mit rotem Schädel wieder neben seine Frau. Sie blicken mit zähnefletschender Freundlichkeit nach oben. Der Junge schüttelt den Kopf und weicht vorsichtig nach hinten zurück. Ich möchte nicht an seiner Stelle sein. Der Vater schreit jetzt wieder nach oben: Nimm das Siebener! Das Siebener! Der Junge achtet nicht auf die Zurufe und steigt kopfschüttelnd die Treppe am Sprungturm nach unten. Die Eltern sind sprachlos. Ich bewundere den Jungen für seine Angst, die über seinen Elterngehorsam gesiegt hat. Ich würde dem Jungen gerne applaudieren, doch die Eltern empfänden diese Geste vielleicht als zynische Parodie auf ihren Ehrgeiz. Und ich will keine Auseinandersetzung. KLING KLANG KLING KLANG KLING KLANG KLING KLANG KLING KLANG KLING KLANG Die jungen Synchronschwimmerinnen kommunizieren überhaupt nicht miteinander, wenn man ihre gleichgeschalteten Bewegungen außer acht lässt. Sie reden kein Wort miteinander und registrieren sich gegenseitig nur, wenn ihre Trainerin sie auf ihren mangelhaften Synchronismus aufmerksam macht. Mit ihren Gliedmaßen wird offensichtlich auch ihr Schweigen synchronisiert. Ich mache heute früher Schluss, denn ich fühle mich zu den Schwimmsportlern nicht wirklich zugehörig.

Aus: Chlor, Droschl-Literaturverlag, Graz, 2006.

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