Das Herz am Abgrund
30.04.2004
Rumänien ist mehr als Straßenkinder-Adresse und Kriminalitätstourismus - es ist ein Land, das einen bedeutenden Beitrag zur europäischen Kulturgeschichte leistet. Die moderne Großstadt Bukarest versucht sich ein neues Profil zu geben.
FRIEDEMANN BACHLEITNER-HOFMANN
Die Assoziationen stellen sich schnell ein: Rumänien steht für unlösbar scheinende Probleme in Gesellschaft und Politik, für beachtliche Ambitionen und Ansätze zur Erreichung der Normen, die von der EU vorgegeben werden, aber gleichermaßen für die enormen Hindernisse auf dem langen Weg dahin. Der Wille europaorientierter Politiker scheint von der Vergeblichkeit, die das Land kennzeichnet, konterkariert zu werden.
23 Millionen Einwohner, über 230.000 Quadratkilometer Fläche, davon 63% landwirtschaftlich genutzt - so teilt sich das Land in 40 Verwaltungsbezirke auf, beherrscht von der einzigen Metropole, Bukarest. Wo einst der Diktator Ceausescu wie die römischen Imperatoren residierte, versucht sich eine moderne Großstadt ein neues Profil zu geben und internationale Forschung-, Bildungs- und Kulturinstitutionen zu etablieren, wie auch wirtschaftlich und ökonomisch Anreize zu schaffen. Österreichs Literatur bekannt machen Österreich unterhält in Rumänien drei Bibliotheken des Außenministeriums, die der Vermittlung der deutschen Sprache, aber vor allem dem Bestreben dient, österreichische Literatur bekannt zu machen. Hier recherchieren Wissenschafter nicht nur die Wurzeln der österreichischen Literatur, die vielfach in den osteuropäischen Ländern liegen - so stammt etwa Elias Canetti, einer der Klassiker der modernen heimischen Literatur aus Bulgarien - hier entstehen auch literarische Bezüge, wie sie Johannes Gelich in seinem neuen Roman "Die Spur des Bibliothekars" veranschaulicht:
Der verschollene, aus Wien stammende Bibliotheksleiter Tanzer muss scheitern, an der Vergeblichkeit, die er in diesem Land empfindet, an den Ambitionen der Bevölkerung, an den eigenen kriminellen Versuchungen, an der Liebe zu einer undurchschaubaren Frau und an der Unergründlichkeit des weiten Landes.
Der Besucher ist Grenzgänger zwischen zwei Welten, er kehrt zurück mit einem bitteren Unterton, jedoch mit der Erkenntnis, an etwas Unantastbarem gerührt zu haben.
Auf der Flucht und auf der Suche Die Künstler Rumäniens haben oft ebenfalls den Weg aus ihrem Land gesucht, wie etwa auch der Theaterrevolutionär Eugen Ionescu. Sie waren auf der Flucht vor repressiven Gängelungen durch politkonforme Vereinigungen und Akademien, oder einfach angezogen von dem Glanz der europäischen Metropolen; im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts führte ihr Weg nach Paris.
Nicht ohne vorher den Umweg über Zürich zu nehmen und dort die Dada-Bewegung aus der Taufe zu heben, gelangte der geniale Tristan Tzara als einer der ersten modernen Künstler Rumäniens in die französische Hauptstadt, die ab den 1920er Jahren zum Zentrum des Surrealismus wurde. Gefolgt von Constantin Brancusi und später von Victor Brauner, hatte Tzara schon das Fundament für eine weite, freie, spielerische und subjekte Kunstauffassung gelegt.
Seine verlegerische Tätigkeit ermöglichte es den Protagonisten der surrealistischen Literatur, ihre Texte zu publizieren und mit Illustrationen ihrer Künstlerkollegen zu versehen.
So hatte auch der fantastische Maler, Zeichner, surrealistische Bild-Erfinder Victor Brauner ein adäquates Medium gefunden.
Er war insgesamt drei Mal nach Paris aufgebrochen, immer wieder unterbrochen von der Rückkehr in seine Heimat. Es war nicht allein die Sehnsucht nach seinen Wurzeln (die Metapher vom Lebensbaum und seinen Wurzeln greift Brauner in seinen Bild-Geschichten wiederholt auf), die ihn zum Pendler zwischen Ost und West werden ließ, sondern existenzielle Not und die Furcht vor rassistischer und politischer Verfolgung.
Victor Brauner hat seine Herkunft aus den rumänischen Karpaten nie verleugnet. Die mystische Kultur der Einwohner dieses ausgedehnten Waldlandes hatte ihn beeinflusst, ebenso die schaurigen Sagen aus dem transsilvanischen Dracula-Umfeld und die eigenständige ländliche Kultur der Bauern und Handwerker.
Sein Interesse galt okkulten Praktiken und Geheimwissenschaften, der Freud’schen Traumdeutung wie der jüdischen Kabbala, dem magischen Kartenspiel des Tarot wie den Wand- und Felsmalereien einfacher Kulturen.
Die surrealistischen Künstler kamen aus allen Weltgegenden nach Paris und brachten die jeweiligen Eigenheiten ihrer Herkunftsländer mit. Es fand keine unmittelbare Assimilierung statt und keine Gefolgschaft unter eine starre Ideologie, auch wenn sich André Breton, der Surrrealistenpapst, als letzte Instanz die Entscheidung über "surreal" oder nicht vorbehielt.
Dennoch war der Surrealismus ein weiter Begriff, der alle Möglichkeiten von Bizarrerien, Skurrilitäten und Exotismen begierig aufgegriffen hatte.
Picasso als Sympathisant gern geduldet Joan Miró und Salvador Dalí hatten aus ihrer spanischen Heimat das Dunkle, Schwere einer von Inquisition und Katholizismus geprägten Historie mitgebracht, der Kubaner Wifredo Lam und der Chilene Matta das Gefährliche und Heftige ihrer südamerikanischen Heimat. Picasso war nie Mitglied der surrealistischen Bewegung gewesen, dennoch war er als Mitarbeiter und Sympathisant gern geduldet, wenn auch nur für ein kurzes Gastspiel, durch das er seinen gewandten, erzählerischen Zeichenstil einbrachte.
Victor Brauner brachte das Unergründliche, Mythische seiner rumänischen Heimat mit, das sich mit dem generellen Interesse der Surrealisten für das Abgründige der Seele, für die Psychoanalyse und das Unterbewusste traf. In ihm vereinigen sich spiegelbildlich die Dramen der rumänischen Avantgarde: der Widerspruch zwischen althergebrachten Traditionen und umstürzlerischen Neuansätzen, die Diskrepanz zwischen autochthoner ländlicher Kultur und vorwärts drängender Urbanität.
Lebenslange unstillbare Sehnsucht Aus diesem Zwiespalt gestalteten auch die rumänischen Literaten des vergangenen Jahrhunderts ihre Texte, wie Gellu Naum und Ilarie Voronca, derer sich auch westliche Zeitschriften und Verlage angenommen hatten und mit denen Brauner in lebenslanger Verbindung geblieben war.
Sehr poetisch wirken die märchenhaften Illustrationen, die Brauner für die surrealen Gedichte des französischen Lyrikers Robert Rius anfertigte: der Stein der Weisen, der wundersame Kristall aus alchimistischen Wunderkammern ist das Objekt der Begierde, das den Menschen verführt, das aber auch Unheil und lebenslange unstillbare Sehnsucht hervorrufen kann.
Brauner trug sein Herz am Abgrund, wie seine männlich-weiblichen Zwitterfiguren ihre magischen Blumen, Spiegel, Tierwesen in der Hand tragen und damit bereit sind, "finstere Grenzen zu überschreiten".
Rumänien blieb seine innerste Heimat, ein Land, das er verlassen musste, um es mit der Seele neu zu finden.
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AUS: www.rezensionen.at
Tanzer, Christian
Gelich, Johannes
Die Spur des Bibliothekars
Novelle
Johannes Gelich
Salzburg
O. Müller, 2003, 215 S.
ISBN 3-701-31064-5 fest geb. : ca. Eur 16,00
An die Ränder / Johannes Gelichs Novelle "Die Spur des Bibliothekars"
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erhöhte die Republik Österreich in den Ländern des ehemaligen Ostblocks die Zahl an akademisch geprüften Germanisten, die als Lektoren nicht nur in Zentren wie Budapest, Prag, Warschau landeten, sondern auch in Kreis- und Bezirkshauptstädten, deren Namen die Österreicher seit den Tagen der Donaumonarchie langsam vergessen hatten. Deshalb nimmt es nicht wunder, wenn die angehenden "Kulturbotschafter Österreichs", wie sie gerne bei den alljährlichen diplomatischen Empfängen bezeichnet zu werden pflegen, zunächst einmal ihren Mittelschulatlas zu Rate ziehen müssen, um zu ergründen, wohin es sie für die nächsten ein, zwei oder mehr Jahre verschlagen und der in vielen Fällen sicheren Arbeitslosigkeit in Österreich enthoben hat. Vielleicht wird auch der 1969 in Salzburg geborene Johannes Gelich seinen neuen Dienstort Ias¸i zunächst einmal mit vor Aufregung leicht zittrigen Fingern auf der Landkarte gesucht haben. Zwei Jahre hat er Ende der neunziger Jahre in der im Nordosten Rumäniens gelegenen Stadt an der Pruth als Lektor gearbeitet und gelebt, die dortige Österreich-Bibliothek in Schuss gebracht, Jugendtheater organisiert, rumänische und dann auch moldawische Autoren für den deutschsprachigen Raum entdeckt und - mittlerweile nach Wien zurückgekehrt - den Sprung vom taxifahrenden Nebenerwerbsgermanisten zum Zeitschriftenredakteur und Jungautor geschafft. Dass sein literarisches Debüt, die Novelle "Die Spur des Bibliothekars", die in Wien und vor allem in Ias¸i spielt, sich thematisch dieser Erfahrung eines randständigen Teiles von Europa verdankt, zeigt, in welch verzweigten Formen dieses verstärkte kulturpolitische Engagement Österreichs, das nicht zuletzt in einer Vielzahl von neuen Österreich-Bibliotheken seinen Niederschlag fand, Früchte zu bringen vermochte. Eben eine solche Österreich-Bibliothek ist der symbolträchtige Schauplatz einer Dreiecksgeschichte, allerdings haben wir es dabei nicht mit einem Schmuckstück österreichischer Kulturvermittlung zu tun, sind doch Gebäude samt Bücherbestand in einem bedenklichen Zustand und der Initiator und Leiter dieser Bibliothek unter ungeklärten Umständen verschwunden. Auf dessen Spur wird sein Nachfolger, der dreißigjährige Florian Servaes, gesetzt. Er, der in Wien einer Oblomow-Existenz frönt, die er auch während seiner Tätigkeit als pragmatisierter Bibliothekar der Wiener Städtischen Büchereien weniger unterbricht als fortführt, scheint den Einsparungszielen des durch die politische Wende in Österreich hochgeschwemmten Vorgesetzten untragbar. Das überraschend an ihn herangetragene Angebot, die Österreich- Bibliothek in Ias¸i zu übernehmen, nimmt er emotionslos an, ohne den damit verbundenen Auftrag, den untergetauchten Vorgänger Tanzer ausfindig zu machen, zunächst sonderlich ernst zu nehmen. In Ias¸i ändert sich an Servaes Lebensstil vorerst wenig. Die desolate Bibliothek wird mit schlaftrunkener Beharrlichkeit wieder benützbar gemacht, die Öffnungszeit allerdings in den Nachmittag verlegt, denn nach dem Aufstehen begibt sich der apathische Held zielstrebig auf sein Kanapee, von dem aus er ein an das Haus angrenzendes Brachland mit einer Bauruine überblicken kann. Das, was er dabei beobachtet, wird von Gelich mit erstaunlicher Meisterschaft in kleinen Skizzen festgehalten. In ihrer losen Folge sich zu einem atmosphärisch dichten Bild zusammenfügend, spiegeln diese Szenen zugleich die Fremdheit und Faszination, die von der unbekannten, teils exotisch anmutenden Welt der rumänischen Provinz ausgehen. Erst spät wird er selbst die Bühne dieses freien, offenen Feldes betreten und damit vom Beobachter zum Akteur werden. In Bewegung gerät er durch die Liebe zu einer rumänischen Lehrerin, die sich jedoch mehr für den verschwundenen Vorgänger Tanzer interessiert. Das Schicksal des auf Karriere getrimmten sprachenkundigen Osteuropa-Experten und reformorientierten Machers Tanzer bleibt zunächst ebenso rätselhaft wie das Interesse Ilinkas für ihn, das erst auf der letzten Seite in einer überraschenden Wendung völlig offengelegt wird. Geschickt entfaltet Gelich die Dreiecksgeschichte als Wechselspiel von Anziehung und Distanzierung um den abwesenden Pol Tanzer, auf dessen Spur sich Servaes schließlich setzt, weniger um das Geheimnis um ihn zu lüften (Selbstmord oder doch ein Verbrechen?), sondern um Ilinka aus der Verstrickung mit seinem Vorgänger einen Weg zu öffnen. Wie ein aus der Zeit gefallener Ritter der traurigen Gestalt träumt der verliebte Servaes von einem beschaulichen und einfachen Leben in einem rumänischen Dorf und erregt dabei stets Ilinkas Zorn, die sich verbittet, die Armut in ihrer Heimat unter einem zivilisationsmüden Blick in eine Idylle verkehrt zu sehen. Mit Hilfe von Ilinkas Hinweisen und von Tanzer selbst hinterlassenen Spuren erfährt Servaes schließlich von dessen Machenschaften als Ikonenschmuggler und spürt ihn im Labyrinth des Donaudeltas auf, ohne dadurch Ilinka für sich zu gewinnen. Die Suche nach Tanzer wird für Servaes zu einer Reise zu sich selbst. Dass Gelich die Begegnung der beiden auf einen kurzen Blick reduziert, stört zwar nicht die Logik seiner Novelle, lässt aber doch den Wunsch aufkommen, der Autor möge bei künftigen Werken sich auch solch heiklen Herausforderungen stellen. Servaes chronologischer Bericht seiner Reise mit all den Konflikten, in die der Erzähler während seines Aufenthalts geriet, wird immer wieder durchbrochen durch kursiv gesetzte Notizen und Reflexionen des nach Österreich Zurückgekehrten. Die mitgebrachten Dokumente (vor allem Fotos von Ilinka und Mitschnitte von Gesprächen mit ihr) stets aufs Neue befragend, beendet er seinen Bericht und vollzieht damit eine für sein Leben entscheidende Wende: "Jetzt ist die Geschichte aufgeschrieben. Ich habe mich aufgelöst in der Schrift. Ich kann die Geschichte vergessen." Angesichts der Einsicht in die völlige Überflüssigkeit seiner Existenz hier in Wien, stehen die gepackten Koffer bereit und seine vermutlich endgültige Rückkehr nach Ias¸i bevor. Mit erzählerischem Fingerspitzengefühl baut Gelich einen Spannungsbogen, der die Novelle ebenso zusammenhält wie ein sorgfältig ausgebreitetes Netz an Motiven. Den für ein Debüt nicht ungewöhnlichen autobiographischen Schwung seines Erzähldranges bändigt er in unprätentiösen und sparsamen, aber stets auf Genauigkeit zielenden Sätzen. So wie Servaes, dem es mit der Niederschrift seines Berichtes gelingt, den vielen angelesenen Geschichten seiner Leserexistenz eine eigene Geschichte entgegenzustellen, schafft es Gelich nicht nur, Spuren seines Lesekanons - von Cervantes bis zu Conrad - reizvoll in seinen Text einzuweben, sondern gleich mit seinem literarischen Debüt der vielstimmigen österreichischen Literatur eine gänzlich eigenständig neue hinzuzufügen. *LuK* Christian Tanzer
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902 11.Novelle
Martina Lainer
Gelich, Johannes
Die Spur des Bibliothekars
Novelle
Johannes Gelich
Salzburg
O. Müller
2003, 215 S.
ISBN 3-701-31064-5 fest geb. : ca. Eur 16,00
Ein Lethargiker geht aus Liebe zu einer Frau dem Verschwinden ihres Geliebten nach. (DR)
Er ist Bibliothekar der Wiener Büchereien und bekleidet dort eine bedeutungslose Funktion. Er nimmt das Angebot, in der rumänischen Stadt Iasi die Leitung der Österreichischen Bibliothek zu übernehmen, an. Mit diesem Posten übernimmt er auch einen Auftrag: Er soll seinen Vorgänger, Hans Georg Tanzer, der spurlos verschwunden ist, suchen. Er, das ist Florian Servaes, ein etwa 30-jähriger verträumter, unentschlossen-passiver und langweiliger junger Mann. Aufgewachsen bei seinen Tanten, stellt er fest, dass er immer von Geschichten anderer umgeben war. In Rumänien setzt sich dieser Trend fort. Sein Vorgänger hat Spuren hinterlassen, die mehr mit Florians Leben zu tun haben, als es anfangs den Anschein hat. Die Verbindung stellt die Lehrerin Illinka dar, die mit Tanzer liiert war und nun über den neuen Bibliothekar wieder Anschluss an den Geliebten finden möchte. Endlich rafft sich Florian auf, den Spuren zu folgen. Als er ihn findet, ist Illinka fort und auch der Auftraggeber erklärt den Auftrag für nichtig. Johannes Gelich hat diesen Text als Novelle gestaltet und damit der eigenwilligen Geschichte den idealen Rahmen geboten. In einfachen Sätzen wird die monotone Lebensweise des Icherzählers demonstriert, eingebaut sind seine Berichte, die lebendiger und engagierter wirken. Ein wahrer Oblomov ist dieser Held, versorgt mit einem österreichischen Gehalt in Rumänien, braucht er nicht um ein bequemes Leben zu bangen, die Bibliothek ist in heruntergekommenem Zustand und niemand scheint an ihrer Existenz wirklich interessiert zu sein. Erst durch Illinka und seine zögernd erwachende Liebe zu ihr, setzt er sich in Bewegung, gibt er seine Lethargie auf. Seine Träume werden indess nicht Wirklichkeit. - Sehr zu empfehlen. *bn* Martina Lainer
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