ALLE HEISSEN MARIA

älteste frau

08.05.2015: DIE PRESSE – SPECTRUM Von Johannes Gelich

Alle heißen Maria

Die erste Pflegerin hieß Maria, und für Gerhard K.s Mutter hießen auch die folgenden 16 Pflegerinnen Maria, weil sie sich die Namen nicht mehr merken konnte. Ein Fallbeispiel aus der Hauskrankenpflege.

Prinzipiell muss ich sagen, dass sie alle gut zur Mama waren“, erzählt Gerhard K., auch wenn er sich an die vergangenen fünf Jahre mit 17 wechselnden Hauskrankenpflegerinnen nicht wirklich gerne erinnert. Gerhard K. ist selbst von Beruf Krankenpfleger, mit 18 hat er in der Psychiatrie auf der Baumgartner Höhe begonnen. Er hat Patienten mittels Herzmassage das Leben gerettet, er hat Selbstmörder vom Strick geschnitten, und er hat Sterbenden den Puls gefühlt, während sie ihren letzten Atemzug getan haben. Grundkrankenpflege, psychiatrische Krankenpflege seit über 40 Jahren, er weiß, wovon er spricht, und in diesem Fall spricht er von seiner eigenen Mutter.

Seine Mutter Elisabeth ist von Beruf Näherin gewesen, vor fünf Jahren musste sie sich einer Herzoperation unterziehen, die zwar gut verlief, aber ihre Präsenilität entwickelte sich zu einer schweren Alzheimer-Erkrankung. Begonnen hatte alles schleichend. Als sich seine Mutter eines Tages nicht mehr an ihr altbewährtes Kuchenrezept erinnerte und den Teig nicht mehr hinbrachte, wusste er, was es geschlagen hat. „Da ich sie fürchterlich liebte und sie mich auch geliebt hat“, wie Gerhard K. betont, „habe ich ihr lange vorher versprochen, dass sie so lang zu Hause leben darf, wie es mir möglich ist.“ Leisten konnte er es sich, weil er einen Zusatzverdienst hat, und der floss fünf Jahre lang in die Pflege seiner Mutter.

Die erste Pflegerin hieß Maria, und für seine Mutter hießen auch die folgenden 16 Pflegerinnen Maria, weil sie sich die Namen nicht mehr merken konnte. Die erste Maria hatte zwar wie die meisten anderen kein Diplom, aber sie pflegte gut und war eine herzensgute Frau, die der Sohn von einem Bekannten seiner Mutter, der gestorben war, übernommen hatte. Erschwerend kam hinzu, dass seine Mutter eine nicht einstellbare Diabetikerin war, viermal täglich gemessen werden musste, da aufgrund der Gefahr eines hypoglykämischen Schocks der Zucker variabel einzustellen war. Und am täglichen Spritzen des Insulins scheiterte das Beschäftigungsverhältnis mit der ersten Maria, die sich nicht zutraute, diese Verantwortung zu übernehmen. Es folgte ein Schlaganfall, und ab diesem Zeitpunkt musste die Patientin jeden Morgen vom Bett in den Rollstuhl gehoben werden, keine leichte Arbeit für eine Frau alleine.

Die zweite Maria war eine junge Frau und eine sehr gute Pflegerin, sie übertrieb nur mitunter die eigene Körperpflege: etwa als die Mutter aufgrund eines hypoglykämischen Schocks ins Krankenhaus eingeliefert werden musste und Maria sich vorher noch schnell die Wangen schminkte und die Augenbrauen nachzog, sodass sogar der Oberarzt auf sie abgeflogen sei. Die hätte der Sohn behalten, aber nach eineinhalb Wochen verlautbarte sie, dass sie in Salzburg mehr verdienen würde, womit das Arbeitsverhältnis beendet war.

Nur heulend in der Küche

Die nächste Maria war nur vier Wochen da, sie sei schlicht überfordert gewesen und nur heulend in der Küche gesessen, weil sie Heimweh hatte und zurück zu ihrem Mann und ihrer Tochter nach Rumänien wollte. Die nächste Maria war ein ängstlicher Typ. Als es zum ersten Mal Probleme gab, ging sie zur Nachbarin, wo sich folgender Dialog entspann: „Hast du Mann?“ – „Ja.“ – „Hast du ihn zu Hause?“ – „Ja.“ – „Gibst du mir Mann?“ Diese Aussage bedeutete, dass die Nachbarin doch ihren Mann bitten möge, zu ihr herüberzukommen und ihr dabei zu helfen, die auf den Boden gerutschte Mama wieder in den Rollstuhl zu heben. Eines Tages kam Gerhard K., von den Pflegerinnen nur Herr Gerhard genannt, zu seiner Mutter ins Haus in Niederösterreich – er wohnt in seiner Wohnung in Wien – und suchte die Pflegerin im ganzen Haus. Er fand sie schließlich im Keller, wo sie drei Sessel zusammengestellt und sich niedergelegt hatte, um die Waschmaschine zu bewachen. Als sie ihn Tage später völlig aufgelöst anrief, dass die Waschmaschine kaputt sei, und er eine neue Waschmaschine anliefern ließ („Wenn man so dumm ist, gehört einem nichts anderes“), stellte sich heraus, dass sie nur die Drehzahl verstellt hatte und die Waschmaschine doch einwandfrei funktionierte.

Die nächste Maria konnte nicht kochen und war etwas männerorientiert. Am Anfang kümmerte sie sich sehr gut um seine Mutter, doch mit Fortdauer ihres Aufenthaltes fuhr sie immer öfter mit dem Taxi fort und kam mitunter mit einem Pelzmantel zurück. Tage später fuhr dann auf einmal eine Möbelfirma vor und lieferte Möbel. Als Herr Gerhard reklamierte, dass er die Möbel nicht bestellt habe, erklärten ihm die Möbellieferanten, die Pflegerin seiner Mutter habe die Möbel bestellt. Die Pflegerin wollte die Möbel in die Slowakei transportieren lassen, aber irgendetwas funktionierte nicht mit dem Transport, sodass die Möbel bei der Patientin im Haus herumstanden. Außerdem lud sie immer wieder Männer ein, eines Tages kam Herr Gerhard ins Haus, als gerade sechs Männer mit Maria im Garten saßen. „Als ich ihr erklärte, dass ich keine fremden Männer im Garten will, saßen sie das nächste Mal in der Küche, und als ich ihr erklärte, dass ich auch keine fremden Männer in der Küche haben will, standen sie vor der Einfahrt und sahen der guten Maria dabei zu, wie sie im Garten oben ohne lag.“

Der Großteil der Pflegerinnen könne nicht kochen, das gewichtigste Problem bestehe laut dem Sohn darin, den Pflegerinnen Deutsch beizubringen, weil sie teilweise ohne Deutschkenntnisse ihren Dienst antreten. Er müsse ihnen jedes einzelne Wort beibringen, um einen Arzt anrufen zu können, er müsse ihnen auf Zetteln aufschreiben, wer sie sind und was zu tun ist.

Bei einer der folgenden Marias war das Gegenteil der Fall: Sie hatte zuvor einen Kochkurs gemacht und wollte die erlernten Kochkünste bei seiner Mutter anwenden, sie servierte ihr die ausgesuchtesten und aufwendigsten Speisen mit Obershäubchen, Verzierungen und Dekorationen. Dieser Sonderservice für seine Mutter schlug sich natürlich im Tagesbudget nieder. Und die Grundkosten waren nicht unerheblich. „Die Pension war weg, das Pflegegeld war weg, meine Mutter hatte Pflegestufe sechs, und ich legte noch einen Tausender drauf, für die Vermittlung zahlte ich einer Agentur noch einmal 500 Euro extra.“ Die Dauer des Aufenthaltes der Pflegerinnen war sehr unterschiedlich, manche blieben nur vier Wochen, um schnelles Geld zu verdienen. Für das Geld, das sie hier in einem Monat verdienen, können sie in Rumänien, Polen, der Slowakei drei Monate leben. Ein Tag kostete Gerhard K. 75 Euro, 60 Euro erhielten die Pflegerinnen, zehn Euro zusätzlich für die Versicherung und fünf Euro für die Reisekosten.

Bei der nächsten Maria kam es wegen einer verschwundenen Geldtasche zu einem heftigen Streit. Die Geldbörse lag normalerweise in einer Lade, das Geld war für die Fußpflege und die Friseurin vorgesehen. Als Herr Gerhard eines Tages die Lade aufzog und die Geldtasche vermisste, fragte er die Pflegerin, wo die Geldtasche sei, worauf sie zu ihrem Kasten lief, die Geldtasche herauszog und ihn zu beschimpfen begann: „Ich habe nur gefragt, wie das Geldbörsel meiner Mama in ihre Tasche kommt, da rannte sie vors Haus und schrie und brüllte mich an, ich beschuldige sie.“

Die nächste Maria sei sehr gut gewesen, und eines Tages habe sie Herrn Gerhard gefragt, ob ihr Freund kommen und bei ihr im Haus wohnen könne. Er würde im Gegenzug einige Arbeiten im Haus übernehmen. Gerhard K. hatte nichts dagegen, doch das Paar stritt in der Folge ununterbrochen, weil der Mann im Haus doch nicht Hand anlegte.

Aber was unterscheidet eigentlich eine gute von einer schlechten Hauskrankenpflegerin? „Die Guten wuschen die Mama dreimal am Tag, schnitten ihr regelmäßig die Nägel und sprachen viel mit ihr, auch wenn Elisabeth nicht mehr viel mitzubekommen schien. Bei einer guten Pflegerin saß die Mama schon am Morgen im Rollstuhl. Da sie viel lag, schaute ich schon drauf, dass sie kein rotes Fleckerl am Körper hatte.“

Die österreichischen Pflegerinnen waren ihm zu teuer, die konnte er sich nicht leisten. Um 75 Euro arbeite keine Österreicherin und schon gar kein Österreicher. Da müsse man fast das Doppelte rechnen. Wenn die Rumäninnen, Slowakinnen und Polinnen zwei Monate dablieben, komme schon eine ordentliche Summe zusammen. Manche würden zu Hause das Haus renovieren, eine Pflegerin habe freudig ausgerufen: „Jetzt krieg ich neue Fliesen.“ Eine andere Maria wollte das Geld alle 14 Tage auf das Konto überwiesen haben, damit sie es sofort nach Rumänien weiterleiten konnte. Und sie wollte eine Rechnung, weil sie für ihre 16-jährige, in Rumänien lebende Tochter in Österreich auch Kindergeld bezog.

Solcherart sind die Rechnungen der Gegenwart, die auf dem Lohngefälle zwischen Ost und West basieren. Wirtschaftliche Notwendigkeiten, begleitet von einem großen kulturellen Vakuum und interkulturellen Desinteresse. Es geht ums Geld und um die Früchte des medizinischen Fortschritts der Wohlstandsgesellschaft, die eigentlich niemand mehr bezahlen kann.

Ein Lift für das Bett

Der neu eingebaute Lift für das Bett erleichterte die Pflege wesentlich, der Lift hob die Patientin in den Rollstuhl, eine Tätigkeit, die sich bei den Pflegerinnen schnell aufs Kreuz schlug. Seit der Lift da war, funktionierte auch die Pflege besser; mit den beiden letztenMarias, die sich jeden Monat mit dem Dienst abwechselten, schien es endlich zu funktionieren. Als er einmal eine der Schwestern fragte, ob alles in Ordnung sei, gab sie zur Antwort: „Ja, ich pflege deine Mama, wie wenn ich Gott pflegen würde.“

Gerhard K. war froh, dass er endlich die zwei Marias gefunden zu haben schien, die auch länger bleiben wollten: „Es gab immer Probleme: Die eine sah nur fern, wenn sie ihre Tage hatte, die andere ernährte sich nur von Cola und Zigaretten und gab der Mama nichts Anständiges zum Essen, die dritte hat so streng gerochen, die hat’s mit dem Waschen nicht so gehabt, dass du nicht gewusst hast, ob sie oder die Mama inkontinent ist.“

Sind das nicht harte, unerbittliche Worte für Frauen, die es selbst nicht leicht haben und die ein zwar mangelhaftes, aber immerhin funktionierendes System aufrecht erhalten, das ohne diese Frauen zusammenbrechen würde? „Ich habe Selbstmörder, die noch geatmet haben, vom Strick geschnitten“, winkt Gerhard K. ab, „ich habe Herzinfarktpatienten 45 Minuten bis zur totalen Erschöpfung reanimiert, bis sie wieder kamen, und mir hat in den 40 Jahren als Krankenpfleger auch niemand Danke gesagt. Manche waren gut zur Mama, manche weniger gut, sie bekamen ein anständiges Gehalt. Aber dankbar? Ich scheiß‘ auf die Dankbarkeit.“ Das klingt fast ein wenig so, als hätte er sich als Krankenpfleger manchmal auch mehr als einen feuchten Händedruck gewünscht.

Aber Gerhard K. ist kein Heuchler. Die Realität, in der wir heute leben und sterben ist so und nicht anders. „Und wenn’s nicht die Frauen aus Rumänien wären, dann eben welche aus Thailand oder von den Philippinen, die Hautfarbe ist mir völlig wurscht.“

Frau Elisabeth K. ist mittlerweile verstorben. Ungeachtet seiner Trauer ist Gerhard K. mit dem Ende versöhnt: Sie ist sanft eingeschlafen und hatte kein einziges rotes Fleckerl, mehr kann man nicht verlangen. ■

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.05.2015)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

neunzehn − 7 =