Das Hermannstädter Journal – weblog aus rumaenien 

Stadtschreiber von Hermannstadt (Sibiu) vom 1. September 2008 bis 28. Februar 2009 

weblog teil 1

Es ist wieder mein Land, dachte ich bei der Ankunft auf dem Bukarester Flughafen. Beim Anblick der von einem gigantischen Kabelsalat ueberwucherten Kamera am von Wasserflecken gezeichneten Plafond in der Empfangshalle des Flughafens wieder die Gewissheit, man fuehle sich hier froehlich empfangen vom Improvisierten, Unperfekten. Der kleine Flughafen Baneasa – die Billigflieger landen hier – wirkt wie der Flughafen einer Provinstadt, klein, chaotisch, familiaer und nicht wie der Flughafen einer europaeischen Millionenmetropole. Es geht ganz schnell, dass ich wieder erinnert bin, an dieses hier angenehm Unfertige, nicht Funktionierende, Kaputte. Der Geldautomat funktioniert nicht, die Frau beim Exchange-Schalter quatscht mit ihrer Nachbarin vom Kiosk, sie hat keine Eile zurueckzukehren an ihre Arbeit. Bukarest, Baustelle, der Asphalt zur Zufahrtsstrasse zum Flughafen ist aufgerissen, Erdwaelle, die als Gehsteige benuetzt werden, schier unpassierbare, aufgeschuettete Strasse auf dem Weg zum Bus, die wunderschoenen, hauchduennen alten Bustickets, die man mittels eines Lochers im Bus entwertet. 1 Lei (30 Cent) fuer die Fahrt vom Flughafen zum Bahnhof, anstatt der 30 Euro, die die Taxifahrer haben wollen. Im Bus mir gegenueber ein backenbaertiger Mann, vielleicht ein verstaubter Gelehrter, der ein schwarzes, abgetragenes Hemd mit einer silbernen Krawatte und einem Schlapphut traegt, eine alte Stoffumhaengetasche um die Schulter, der Mann wirkt wie aus den 70er Jahren konserviert, als haette er seine Sachen auch schon vor 30 Jahren so getragen, dasselbe Hemd, dieselbe Krawatte, derselbe Bart, ja ich rieche foermlich den Naphtalingeruch seiner Kleidung zur jahrzehntelangen Abwehr der Motten. Und dieser unzeitgemaesse Mann ist auch ein Vorzeichen, dass man hier Gleichzeitigkeiten, parallele Zeiten und Lebenswelten erfahren wird koennen, turbokapitalistische, hypermoderne Konsumtempel des Postindustriezeitalters neben Rentnern mit vielleicht 50 Euro Mindestpension pro Monat, oder langsamen, von dem wildgewordenen Verkehr gefaehrdeten Pferdefuhrwerken auf der Landstrasse. Die Vergangenheit lebt mit, und das nicht als touristisch erschlossenes Museumsstueck. Am Hauptbahnhof (Gara de Nord) treffe ich den Uebersetzer Michael Astner. Wir fahren gleich weiter nach Sibiu. Ich bin untergebracht in einer Wohnung gegenueber der Mitropolie, der orthodoxen Kirche im Zentrum, in einem Haus, das der evangelischen Kirche gehoert, und der Innenhof dieses Hauses ist geradezu kitschig schoen, vertraeumt, die Katzen liegen herum, der reife Wein ueberdacht auf Draht aufgespannt einen Teil des Innenhofes, das abgewohnte Haus im ersten Stock von einer Pawlatsche* durchzogen, wilde Blumen und einige Baeume zwischen altem Steinpflaster, manchmal bleiben Touristen stehen und fotografieren hinein. Waehrend wir durch die, zur Nominierung als Kulturhauptstadt Europas (2007) aufwaendig renovierte und herausgeputzte Innenstadt Sibius spazieren gehen, meint Michael, die Stadt werde das Schicksal Salzburgs erleiden, noch ist es nicht so weit, es sind vor allem auch rumaenische Touristen hier, aber ich frage mich, wie die rein touristisch-kommerzielle Praegung einer Stadt verhindert werden koennte, andererseits, wir in Oesterreich verdanken unseren Reichtum dem ungebremsten Tourismus, nur welchen Reichtum haben wir (vor allem in der Provinz, wo der Toursimus brutaler zuschlaegt als in der Grossstadt), was haben wir durch diesen Reichtum verloren, in den Wiener Aussenbezirken spuerst du (auch dank der vitalen Immigrantenkultur) vom Tourismus wenig, auch hier wird das noch laenger so bleiben, aber was Salzburg zu etwas Unlebendigem macht (da spuerst du die Re-Praesentierwut auch noch in der vorstaedtischen Huettenarchitektur) ist die Absenz vitaler Subkulturen oder Parallelkulturen, Immigranten, Punks, alternative Kulturen sind hier nicht praesent, das koennte zumindest ein Ansatz sein, das zu foerdern, wie auch immer. Auf diesem morgendlichen Spaziergang haben wir herrliche Krapfen gegessen, GOGOSI, und ich lernte von Michael praktische Hausmittel, seine Mutter habe etwa Karotten ins Oel gegeben, weil dadurch das Oel nicht so schnell verbrennen wuerde. Er weiss viele Tricks, ueberlieferte Traditionen fuer den Hausgebrauch, etwa Aspirin fuer Marmelade als Konservierungsstoff. Oder die Schwefelprobe im Holzfass: brennt der Schwefel, ist das Fass sauber. Am Nachmittag fahren wir weiter in das etwa 30 Kilometer von Sibiu entfernt gelegene, siebenbuergische Dorf Hamlesch (rum.: Amnas), wo Michaels Hof liegt, den er als einziger noch regelmaessig bewirtschaftet, oder besser gesagt: besucht, bewohnt und das Obst erntet, nachdem seine Mutter und seine Schwestern schon vor Jahren nach Deutschland ausgewandert waren. 

*Die Pawlatsche ist ein Begriff, der aus dem Tschechischen über das Wienerische (so wird zumindest östlich von St. Pölten behauptet) ins österreichische Deutsch eingeführt wurde. Das tschechische Wort pavlač meint einen offenen Hauseingang. Im Wienerischen wird der Begriff für die arkadenartigen offenen Umgänge der typischen Wiener Hinterhöfe benutzt. In den sogenannten Pawlatschenhäusern erfolgt ein Zugang zu den Wohnungen ausschließlich über die Pawlatschen (den offenen Rundgängen) um den Pawlatschenhof. Die Erschließung von Mietshäusern über Pawlatschengänge wurde in Wien nach dem Brand des Ringtheaters 1881 untersagt. Der Vorteil liegt in der besseren Ausnutzung der erschlossenen Wohnungen, da Dielen und Flure innerhalb des Hauses entfallen (Wikipedia). 

7. September 2008

weblog teil 2

Fahrt nach Hamlesch* (Amnaş) 
Im Zug nach Hamlesch sitzen Zigeuner in unserem Abteil, der Schaffner kommt herein, auch er vielleicht einer der ihren, entwertet unsere Fahrkarten, schaut unsere Mitreisenden an, und verschwindet ohne ihre Karte zu ueberpruefen, eine halbe Stunde spaeter beobachte ich, wie der Zigeuner-Junge ihm am Gang – sehr unauffaellig – einige Scheine zusteckt, somit ist beiden geholfen. Mick erklaert, dass etwa 40% der Zugpassagiere dem Schaffner etwas zustecken; da hat die EU also ein schoenes Betaetigungsfeld fuer ihre Antikorrupitonseinheiten; aber was, wenn so ein (etabliertes) System gerade dazu dient, alle, auch die Aermsten, in ihren Moeglichkeiten am Alltag teilhaben zu lassen, an der Mobilitaet, an allem, was als die Grundbeduerfnisse zu bezeichnen waeren, so wie lange Zeit, und teils auch noch heute im rumaenischen Gesundheitswesen, wo Patienten Aerzten etwas zusteckten oder, wenn man nichts anderes hat, schon einmal ein Huhn mitbrachten. Ist das amerikanische System tatsaechlich so anders, wo Leute – wer mehr zahlt, kommt zuerst dran – aus privater Tasche den Aerzten allerdings exorbitante Summen fuer Behandlungen und Operationen zustecken. Wo ist da das funktionierende, gerechte, nicht korrumpierte Gesundheitswesen? Korrumpiert ist beides. 
Der Uebersetzer fragt sich, in welchem Zug Tanja Dueckers gesessen haben will, wenn sie in ihrem schoenen Essayband mit Texten ueber Bukarest und Hermannstadt von der Modernitaet der rumaenischen Zuege schwaermt. Sie sind zwar modern, aber ihre Gepaeckfaecher, obwohl es sich um Fernzuege handelt, sind so klein dimensioniert wie jene von S-Bahn-Garnituren. Das Gepaeck quillt ueberall heraus, muss zwischen die Beine in den engen Freiraeumen vor den Sitzen genommen werden. 
Auf dem Fussmarsch von Saliste nach Hamlesch nimmt uns ein Mann in einem Gelaendewagen mit, er hat Mtleid gehabt, sagt er laechelnd, weil wir beide gehinkt haetten. Er ist in Temeswar geboren und hat in Texas, New York und wo sonst noch als Moebeltischler gearbeitet. Hier wird man leicht mitgenommen, erklaert Michael, es kommt selten vor, dass mich keiner mitnimmt, und ich den ganzen Weg zum Bahnhof Saliste laufen muss. 
Als wir im Hof der Familie Astner in Hamlesch, zu Rumaenisch AMNAS ankommen, laufen wir als erstes in den Garten, der sich hunderte Meter nach hinten erstreckt, und essen von den sonnenwarmen Himbeeren, die teilweise schon reif sind, dann klauben wir Aepfel auf, der Uebersetzer aergert sich, dass die Nachbarn nicht wie vereinbart das hohe Gras gemaeht haben. Sie haben eine Vereinbarung: die Nachbarn maehen das Gras und bekommen dafuer das Heu. Draussen riecht es verbrannt, und Michael erkennt den Geruch sofort: Das sind Huehnerfedern, die habens gut, bekommen ein frisches Huhn auf den Teller. Er zeigt mir das Haus, den Schuppen, wo auch das grosse Fass fuer den Schnaps steht: das Nebengebaeude hat der neuerdings im Dorf viel beschaeftigte Zimmermann repariert. Die Mutter des Uebersetzers ist nach der Wende weggegangen, wegen der Kinder, sie ist jetzt 82 und lebt in einem Pflegeheim in Freiburg. Sie wuerde schon noch einmal gerne zurueck nach Hamlesch kommen, aber es muss nicht sein, und wer von den Geschwistern wuerde sich dieser Strapaze unterziehen? 
Den alten VW, der jahrelang unbenutzt im Schuppen stand, hat Michael vor Jahren dem Pfarrer billig verkauft. Komischerweise schaut er ihn seit damals gar nicht mehr an, wenn er mit dem VW vorbeifaehrt. 
Als wir zu den Nachbarn gehen, um sie zu begruessen, bekommen wir Brombeeren und Eier in einem Nylonsack, den Michael spaeter, als wir wieder auf seinem Hof sind, wiedererkennt: Wenn er aus Iasi oder Deutschland nach Hamlesch kommt, bringt er den Nachbarn immer Nylonsaecke mit, die er etwa vom Kaufland in Iasi sammelt, jetzt geben ihm die Nachbarn ihre Brombeeren und Eier in seinem Kaufland-Nylonsack wieder zurueck. Waehrend des Besuchs bemerke ich, dass ich nicht weiss, was ich mit meinen Haenden machen soll, es erscheint mir absurd sie wie gewohnt in den Taschen der Short zu vergraben. Der etwa 70-jaehrige Nachbar weiss auch nicht, was er mit seinen Haenden machen soll: Er hat Parkinson und die Haende wippen unkontrolliert auf seinen Oberschenkeln auf und ab. Seine Krankheit ist ein Katastrophe fuer die Familie, er kann nichts mehr arbeiten, kein Gras mehr maehen, und das Heu holt auch keiner herein. 

*Amnaş (deutsch Hamlesch, ungarisch Omlás) ist ein Ort in Siebenbürgen/Rumänien und ist nördlich der Nationalstraße Nr. 1 zwischen Sebeş (Mühlbach) und Sibiu (Hermannstadt), im Unterwald gelegen. Politisch-administrativ gehört es heute zur Stadt Sălişte (dt. Selischte). Der Ortsname Hamlesch stammt von dem ungarischen Wort „Omlás“, was „Rutschung“ bedeutet. Weitere urkundlich bezeugte Namen sind: 1309 Omlas, Humlesz; 1378 Homlas; 1460 Omlus, Omlascha; 1492 Homlosch. Die Gründung von Hamlesch gehört sehr wahrscheinlich auch zur ersten Ansiedlungswelle deutscher Siedler, die zum Schutz der ungarischen Krone in den Jahren 1141-1161 von König Géza II. nach Siebenbürgen gerufen wurden. Erwähnt wird bereits bei den Tatareneinfällen (1242) „Das Städtchen vor dem dunklen Walde“, welches an einem Sonntag im April zerstört wurde und ca. 1 km vom jetzigen Ortskern entfernt liegt. Die ehemals mehrheitlich von evangelischen Siebenbürger Sachsen bewohnte Ortschaft war namensgebend für das mittelalterliche „Hamlescher Lehen“ und fungierte vermutlich zeitweilig als dessen administrativer Hauptort. Das „Hamlescher Lehen“ wurde im 14. und 15. Jahrhundert vorübergehend an die Woiwoden der Walachei (unter anderem Mircea cel Bătrân) vergeben. Ab Ende des 15. Jahrhunderts war Hamlesch wieder Teil des siebenbürgisch-sächsischen politischen Einflussbereiches Hermannstadts (Wikipedia). 

9. September 2008

weblog teil 3

Nachrichten aus der ADZ vom 30.8.: 

EU stoppt 30 Millionen Euro Agrarhilfen – Grund seien fehlende Schritte gegen Misswirtschaft. 

Rumänien könnte EU künftig mit Reis versorgen. Nach dem zweiten Weltkrieg hätten die Kommunisten in den 70er Jahren den Reisanbau großflächig forciert, wobei Rumänien die Erfahrungen der Reisbauern in Nordkorea und in China genutzt hat. 

Machbarkeitsstudie für den neuen Bukarester Flughafen: Allein im vergangenen Jahr war die Zahl der Fluggäste auf den beiden Bukarester Flughäfen um rund 40% gestiegen. Die Europäische Behörde für Flugsicherung EUROCONTROL geht davon aus, dass der Flugverkehr in Rumänien im Zeitraum 2008 bis 2014 um 6,9% pro Jahr wachsen wird. 

Esten gewannen WM im Handy-Weitwurf. Wie die Veranstalter aus Narva im Osten Estlands mitteilten, gewann der heimische Timmo Lilium bei den Männern mit 85 Metern und bei den Fraün seine Landsmännin Valeria Kodorovwa mit 41 Metern. 

Hamlesch 2 
Das Hamlescher Haus. Man sagt eigentlich Hof. Ich liebe die verwilderten Gärten, die man überall hier antrifft, auch in den Städten, auch in Bukarest. Ich frage den Übersetzer nach dem Begriff der Gstättn, er kennt ihn nicht. Ich sage, die Rumänen haben keine Angst vor der Gstättn, und erzähle ihm von unserem Haus am Stadtrand von Salzburg, die Villa, in der ich meine ersten 6 Lebensjahre verbrachte. Uns gegenüber wohnten die Schulzes, und im Gegensatz zu unserem Garten war bei denen das Gras nicht immer gemäht, im Haus war es unordentlich, im verwilderten Garten blühten wilde Blumen. Das waren unsere Nachbarskinder, und es wurde gar nicht gern gesehen, dass wir bei denen spielten. Als wir uns einmal mit den Nachbarskindern zerstritten, war der Vater zufrieden. Und als die Frau Schulze den vorderen Teil des Grundstücks verkaufte und nach Wien zog, um dort Psychoanalytikerin zu werden, und das Grundstück bald von einem praktischen Arzt verbaut wurde, war mein Vater noch zufriedener, dass er nicht mehr auf das verwahrloste Schulze- Haus blicken musste. Einmal fuhr mich meine Mutter mit dem Auto nach Morzg, sie wechselte mit meinem Vater ein paar Worte , und als sie über das frisch verbaute Grundstück sprachen, dem auch einige uralte Nussbäume zum Opfer fielen, sagte sie: Endlich ist die Gstättn weg. Rumänien ist eine Gstättn. Die Rumänen, und auch nicht die Rumänien-Deutschen, haben nicht das Geld und auch nicht diesen deutsch-österreichischen Ordnungs- und Kontrollfanatismus, den die westeuropäischen Kleinbürger in ihren Gärten im Umgang mit der Natur an den Tag legen, indem sie alles Wachsende niedermähen, einzäunen, umpflanzen und ihrem Willen unterordnen. Also eigentlich Hof und nicht Haus. Michaels Vater war Müller, der nicht viel von der Landwirtschaft wissen wollte. Doch Micks Mutter hielt das Geld zusammen, auch als Michaels Vater längst nicht mehr arbeitete. Sie verkauften ihre landwirtschaftlichen Güter auf dem Markt und hielten sich über Wasser, ohne die Ersparnisse anzutasten, die noch in den Achtzigern so hoch waren, dass sie sich damals drei weitere Höfe hätten kaufen können. Ersparnisse in rumänischen Lei, die nach der Wende in kürzester Zeit gar nichts mehr wert waren. Vor zwei Jahren wurde im Haus eingebrochen. Der Verdacht fiel natürlich sofort auf die Zigeuner, die zum Teil in von Aussiedlern zurückgelassenen Häusern leben. Sie erwischten die Diebe, und es waren in der Tat Zigeuner, nur dass der Kopf der Bande ein Rumäne war. Mick erzählt, dass oft dubiose Geschäftsleute durch die Dörfer gefahren kommen und nach alten Bauernmöbeln fragen. Die Bauernmöbel der Siebenbürger, die schon immer qualitativ hochwertige Handwerksprodukte herstellten, sind sehr begehrt. Als wir einen Spaziergang durch das Dorf machen, erzählt Mick, dass die evangelische Kriche einen Blitzableiter hat, und so auch ihr Haus immer gegen Gewitter geschützt war. Leider ist die Uhr letztes Jahr stehen geblieben, sagt eine Sächsin, die vor dem Wassergraben das Gras rächt. Das war immer so angenehm, meint sie melancholisch, man hat immer hinaufgesehen und gewusst, was es geschlagen hat. Vor einem Jahr hat eine Frau aus Bukarest den Kirchhof und die Schule für eine Laufzeit von angeblich 20 Jahren gepachtet, unter der Auflage allerdings, dass etwas renoviert wird. Aber es passiert nix!, die macht nix, das Dach ist unlängst eingesackt, meint die Sächsin verärgert. Es stellt sich heraus, dass sie mit Michael anverwandt ist, aus der siwwenten Suppenscheassel, wie man hier in Hamlesch sagt. Letztes Jahr ist die Mutter der Sächsin gestorben, die wollte auch nicht weggehen, sie erzählt von einer Hamlescher Nachbarin, die im grün gestrichenen Haus gegenüber vom Brunnen lebt. Deren vier, in Deutschland lebende Söhne sagen immer zu ihr: Wenn die Firma in Deutschland in Konkurs geht, dann kommen wir zurück zu dir. Wir lassen dich nicht in Stich. Ihre Söhne lassen sie nicht in Stich, sagt sie mehrmals wie zu sich selber. Wir essen Caş, Käse von der Büffelkuh. Michäl erzählt, dass einer der viel zitierten Stadtväter, Samuel von Brukenthal*, nach dem auch das deutsche Gymnasium, das Michael besuchte, benannt ist, Büffel aus Ägypten nach Siebenbürgen brachte. Das seien anspruchslose Rinder, die auch heute noch gezüchtet würden – allerdings nicht mehr in Hamlesch – und die sich gerne im Schlamm suhlen. Als Michäls Grossvater noch lebte, hatten sie auch eine Büffelkuh, aus deren Milch sich sehr schmackhafter Käse gewinnen lässt. Michael ist dieses Jahr mit der Kartoffelernte nicht zufrieden, er erntet nur ganz kleine, teils murmel- teils tischtennisballgrosse Kartoffeln. Es ist ein schlechtes Jahr. Früher wurden die kleinen Kartoffeln gekocht und den Schweinen verfüttert, als sie noch Schweine am Hof hatten, oder Hühner, die vor dem Plumpsklo, einem windig zusammengezimmerten Holzverschlag, herumliefen. Man konnte beim Scheißen den Hühnern zusehen, wie sie gackernd durch den Hof liefen, heute kann man nur noch die Schnecken und die Maulwürfe beobachten, während man sich in dem Holzverschlag auf einem Holzbrett mit Loch, dem Donnerbalken, entleert. 

*Samuel von Brukenthal (* 26. Juli 1721 in Leschkirch (rum. Nocrich, ung. Újegyház, Siebenbürgen); † 9. April 1803 in Hermannstadt) war Baron und 1774–1787 Gubernator (Gouverneur) von Siebenbürgen. Er war der einzige Siebenbürger Sachse, der dieses Amt je bekleidete. Brukenthal entstammt einer Beamtenfamilie aus Siebenbürgen, die 1724 in den Adelsstand erhoben wurde. Er studierte in Halle und Leipzig, wo er die Fächer Rechtswissenschaften, Verwaltung, politische Wissenschaften und Philosophie belegte. Am 6. Dezember 1743 gründete Brukenthal, der in Halle einer Freimaurerloge der Lehrart „Zu den drei Weltkugeln“ beigetreten war, in dieser Stadt die Studenten-Freimaurer-Loge „Zu den drei goldenen Schlüsseln“ („Aux trois clefs d’or“) derselben freimaurerischen Lehrart und bekleidete dort das Amt des „abgeordneten Meisters“. Nach dem Studium trat Brukenthal unter Maria Theresia in den österreichischen Staatsdienst, wurde Gubernialrat, hierauf Provinzialkanzler, dann Vorstand der Siebenbürgischen Hofkanzlei in Wien und 1774 Gouverneur von Siebenbürgen mit dem Sitz in Hermannstadt. Während seiner Wiener Jahre hatte er sich verschiedene Sammlungen (Pinakothek, Kupferstichkabinett, Münzsammlung) und eine wertvolle Bibliothek aufgebaut, die er nach Hermannstadt mitnahm und nach seinem Tod unter dem Namen Brukenthalsches Museum der Nationsuniversität Siebenbürgens vermachte. In Hermannstadt ließ er sich an einem repräsentativen Platz, dem Großen Ring, das bis heute bestehende Brukenthal-Palais errichten. Wegen seiner Einwände gegen Josephs II. harsche Reformen wurde er 1787 vom Kaiser pensioniert. Josephs Nachfolger Leopold II. schätzte ihn mehr und verlieh 1790 auch Brukenthals Nachkommen den Freiherrentitel. Das deutschsprachige Gymnasium in Hermannstadt wird seit 1921 Brukenthal-Lyzeum genannt (Wikipedia). 

10. September 2008

weblog teil 4

Nachrichten aus der ADZ vom 9.9.08: 

Der rumänische Präsident Băsescu warb bei der feierlichen Einweihung des Sitzes des neuen Rumänisch-Orthodoxen Bistums in Rom dafür, dass die rumänischen Gastarbeiter wieder in ihre Heimat zurückkehren. Rumänien habe in den vergangenen Jahren ein bermerkenswertes Wirtschaftswachstum verzeichnet und in drei oder vier Jahren würden die Löhne in Rumänien annähernd so hoch sein wie in Italien. Das von den im Ausland arbeitenden Rumänen überwiesene Geld spiele zwar nach wie vor eine wichtige Rolle in der rumänischen Volkswirtschaft, in den kommenden Jahren sei es jedoch wichtiger, dass die rumänischen Gastarbeiter für die sich rasch entwickelnde Wirtschaft im eigenen Land zur Verfügung stünden. 

Abschied von Hamlesch
Ich verlasse Hamlesch (rum.: Amnaş) ohne Michael und marschiere durch das Dorf, trinke noch einen Schluck Wasser vom Dorfbrunnen, von wo ich immer das frische Wasser geholt habe. Ich komme an kürzlich renovierten Häusern vorbei und erinnere mich an das Jahr 2000, als ich das erste mal nach Hamlesch kam. Damals sah es trister aus, irgendwie noch verlassener, und man hatte den Eindruck, es könnte gut sein, dass dieses Dorf in naher Zukunft einmal völlig verlassen sein könnte – und solche vollkommen verlassenen Dörfer gibt es, wie man immer wieder hört, tatsächlich. In Hamlesch war dem aber nicht so. Mittlerweile sind auch manche Aussiedler aus Deutschland zurückgekehrt. In Sibiu gibt es sogar einen Verein, der sich um die Rückkehrer kümmert. Und es wird zum Teil äusserst intensiv renoviert, allerdings nicht immer zum besten der Häuser. Leute, die Geld haben, zeigen dies mittels greller türkiser, gelber oder rosa Fassaden, der grasbewachsene Graben zubetoniert, hässliche, eckige Metallltüren mit scharfen Zacken anstatt der großen, oben abgerundeten, einladenden Holztore, die so groß waren, um mit Heu beladenen Pferdefuhrwerken Einlass zu gewähren. 
Nach dem Dorf führt der Weg hügelaufwärts durch einen kühlen Wald, ich gehe EAN DER HILL, oben an der Hügelkuppe angekommen bin ich OAF DER HILL, sächsischer Dialekt, Hamlescher Variante. Ich erinnere mich, wie mir Mick die Dialektnuancen beibrachte. Das Wort „Ja“ etwa, im Hamlescher Dialekt mehr ein CHJA, in Grosspold ein CHJO und in Urwegen ein CHE. Leute, die früher in Siebenbürgen viel herumkamen, hörten aus jedem Dialekt das spezifische Dorf heraus, lexikalisch verstand man sich immer, nur aß man eben BRUIT in Hamlesch und BREJT in Zeiden.
Als ich mit meinem, von den zugesteckten Äpfeln und Michaels hausgemachtem Wein beschwerten Rucksack schnaufend oaf der Hill ankomme, kurvt ein weisser Mercedes nach oben, und ich mache mir keine Hoffnung, dass er mich mitnimmt. Mercedesfahrer? Sicher nicht. Der Mercedes bleibt aber stehen, drinnen sitzt ein junger Grünschnabel und lädt mich ein, einzusteigen. Der Junge, stellt sich heraus, ist 18 Jahre und war gerade ein halbes Jahr in Deutschland, wo er als Kellner in der Nähe von Kaiserslautern gearbeitet hat. Jetzt ist seine Arbeitserlaubnis abgelaufen, und er verbringt den Rest des Jahres in Hamlesch. Zuhause hat er sich offensichtlich gleich mit einem alten Mercedes eingedeckt. Der Junge spricht gut deutsch, er hat das deutsche Gymnasium in Großpold besucht, denn viele Rumänen schicken ihre Kinder jetzt lieber auf die deutschen Schulen, da sie erkennen, dass diese Schulen zum Teil besser und die deutsche Sprache hilfreich sein würden. Ich frage ihn, wie es ihm in Deutschland gefallen hat, und er antwortet, in Deutschland sei alles so sauber. Sehen Sie sich diese Straßen an, meint er resignierend, in Rumänien ist alles so schmutzig. Und die Mädchen in Deutschland. Er habe immer geglaubt, dass es nur in Rumänien schöne Mädchen gäbe. Ich frage ihn, wo er künftig leben wolle, und er meint, er habe sich noch nicht entschieden.
Der Bahnhof von Salişte wirkt wie ein aus der Zeit gefallener Bahnhof aus Zeiten der Monarchie, hier könnte man ohne viele Umbauarbeiten einen Ödön von Horvath-Stoff verfilmen. Feldblumen wachsen zwischen den Gleisen, die Farbe blättert von der Fassade, das Bahnwärterhäuschen wirkt seit Jahrzehnten unverändert. Nur der Mistkübel erinnert an einen Versuch, sich als moderner Staat der Europäischen Union zu präsentieren: Es gibt einen Einwurfschacht für Papier, einen für Plastik und einen für den Restmüll. Allein, es gibt für jeden einzelnen Schacht keinen eigenen Behälter, sondern im Inneren des Mistkübels vermischen sich die verschiedenen Müllsorten wieder ungeniert, was mich an den Ausspruch eines Wiener Bekannten erinnert, der einmal meinte: Die Welt wird nicht durch die Mülltrennung gerettet – sie geht eher unter dadurch. 

13. September 2008

weblog teil 5

Deconstructing Tank 
Sibiu. Bei dem Gespräch mit der Journalistin Hannelore Baier erinnerte ich mich an einen Vorfall in Iasi aus dem Jahr 2000, als ich einmal beim Überqueren einer Straße beinahe in einen (ungesicherten) Kanalschacht gestürzt wäre. Der Kanaldeckel war einfach abgenommen worden, geklaut wahrscheinlich. Ich erzählte damals rumänischen Freunden davon, bzw. erweiterte ich diese Erzählung mit einem Gegenbeispiel aus Wien, das ich auf einem damaligen Zwischenbesuch quasi als Kontrast erlebt hatte: Ein Glas Gurken war in einer Wiener U-Bahn-Station zu Boden gefallen, und die U-Bahn-Bediensteten hatten den Tatort, wie man sagt WEITRÄUMIG abgesperrt, indem sie gelbe Plastik-Warnständer aufgestellt hatten, auf denen zu lesen stand: ACHTUNG RUTSCHGEFAHR. Das kostete meinen rumänischen Zuhörern nur Hohngelächter, sie sind härtere Bandagen gewohnt.
In Rumänien wird auch heute noch viel Eisenhaltiges geklaut: Man hörte von Eisenbahnschienen, die abmontiert und abtransportiert wurden, sodass eine Lok einfach im Sand stecken blieb, einmal wurde sogar die Oberleitung eines Obusses oder einer Strassenbahn geklaut, weil da wertvolles Kupfer drinnen ist; und unlängst wurde ein ganzer Tank in Schellenberg dekonstruiert. Drei Männer im heiratsfähigen Alter zwischen 25 und 38 Jahren zerschnitten einen ausrangierten Panzer mit einer Flex und verkauften die handlichen Teilchen an einen Eisenwarenhändler weiter. Der bereits skellettierte Panzer stand herrenlos auf einem ehemaligen, mittlerweile unbewachten Truppenübungsplatz in Schellenberg herum. Bereits vor den drei Männern dürften sich einige Eisenhändler daran schadlos gehalten haben, denn der Panzer war schon ziemlich dekonstruiert gewesen, als die Verdächtigen vollständig zerlegten und abtransportierten. Da die Teile bereits verkauft worden waren, konnten sie auch nicht wieder restituiert werden (um das Panzerskellett wieder zu rekonstruieren?). Drei Verdächtige wurden angezeigt, einer von ihnen ist aus Sibiu, die anderen stammen aus der Umgebung, sie haben im Falle einer Verurteilung mit einer Freiheitsstrafe zwischen 3 und 15 Jahren zu rechnen. Bei den Verdächtigen handelt es sich, wie mir die Pressesprecherin der Polizei versicherte, nicht um Zigeuner.
In diesem Zusammenhang kommt mir ein Gedanke Marshall McLuhans in den “Magischen Kanälen” unter: “Sobald wir beginnen, tiefenpsychologisch auf das gesellschaftliche Leben und die sozialen Probleme der zum Dorf gewordenen Welt zu reagieren, werden wir zu Reaktionären. Die Beteiligung als Begleiterscheinung unserer instantanen Technik verwandelt alle, auch noch so “sozialbewusste” Menschen in Koservative.” 

17. September 2008

weblog teil 6

Aus der Hermannstädter Zeitung: 

24h-Pfleger in Österreich 1.500 Euro/Monat Wir legalisieren und vermitteln Pfleger, 4 Wo. Arbeit – 4 Wo. Frei. Gratis Sozialversicherung, gratis Transver. Bedingungen: gute Deutsch-Kenntnisse und a) Praxis als Pfleger oder b) 3 Monate Pfleger Kurs, Kursfinanzierung möglich. Monatl. Bewerbungen in Hermannstadt/Sibiu, Org. ALTERN IN WÜRDE 

Sibiu-Wien
Auf dieser Strecke bleibst du nie allein, ob es dir recht ist oder nicht. In Mediaş komme ich mit einem Maurer ins Gespräch, er ist etwa 50 Jahre alt, sieht älter aus, er erzählt mir, dass er nach Slowenien fährt, dort verdient er 4 Euro in der Stunde, 700 bleiben ihm nach Abzug von Unterbringung und Essen, er ist in der größten Baufirma Sloweniens untergekommen, in der Nähe von Ljubljana. Wenn er nach einem Jahr nach Rumänien zurückkommt, decken seine Ersparnisse 46 Monate des monatlichen Mindestlohnes in Rumänien ab. 
Während wir in der nassen Kälte auf dem Bahnsteig auf den verspäteten Nachtzug nach Wien warten, bieten mir Burschen Bier zum Trinken aus ihrer Zwei-Liter-Plastikflasche an. Einer von ihnen arbeitet als Fischer in Rom und nimmt zwei seiner Freunde aus der Gegend mit, ja wozu, Zum Fischen, frage ich, Geldfischen, Frauenfischen, alles, grölen sie zurück. Der Bursche, vielleicht 25 Jahre, erzählt, er ist in Deutschland aufgewachsen, nachdem seine Eltern während der Revolution ausgewandert waren, seit Jahren arbeitet er in Rom als Fischer auf einem Kutter, hat schon eine Menge römische Freunde gefunden, fährt morgens mit dem Boot raus. Schließlich kommt der Zug, und der Maurer will unbedingt meine Telephonnummer, er rührt sich, wenn er in Wien ist, ich finde mein Abteil und bin mit einer etwa 35-jährigen Frau untergebracht. Der Wienerische Schaffner sagt: Und morgen wird geheiratet. Man kann nie wissen, erwidert meine Abteilnachbarin. Später erzählt sie, sie sei auf dem Weg nach Wien, habe eine Adresse in der Tasche, sonst wisse sie nichts von dem Auftrag; die Frau, die sie betreuen wird, ist nicht so alt, aber halbseitig gelähmt, schaut nach einer guten Adresse aus, sie wird zwei oder drei Wochen dort sein und 24-Stunden nonstop rund um die Uhr ihren Dienst versehen. Alles legal, wie sie versichert. In Rumänien arbeitet sie nicht mehr, besser so, Teilzeit in Österreich, dann lebt sie wieder eine Zeit lang in Rumänien.
Nachdem ich von dem 1000 Seiten starken DDR-Jahrhundert-Roman „Der Turm“, dem vom deutschen Feuilleton jahrzehntelang erwarteten, und nun endlich erschienen Wende-Roman des Großschriftstellers Uwe Tellkamp gelesen hatte, schrieb ich in mein Notizbuch: „Er möchte auch einen Roman schreiben über Einen, der auf einem Pulverfass sitzt, er fragt sich, wie das Pulverfass aussehen könnte, auf dem er sitzt. Er ist nicht im Kommunismus aufgewachsen, und die Pulverfässer vom letzten Krieg sind in seinem Land in den Kellern, Museen oder Literaturarchiven wasserfest verstaut. Und doch wird er den Eindruck nicht los, er säße ebenso auf einem Pulverfass. Schließlich gibt er die Frage auf, nachdem sie ihm schon Kopfzerbrechen bereitet hat, er schaltet den Computer ein und betrachtet das Holzfass auf dem Monitor, das kreiselnd von einer Bildschirmecke in die andere schwebt, gefüllt mit Wein oder Schießpulver oder Pixel, wer weiß das schon, ehe das gräuliche Schwarz des Bildschirmschoners auch diese Betrachtung begleitet von einem müden Schnaufer des Gebläses bis auf weiteres beendet.“

28. September 2008

weblog teil 7

Auf Lesung 
Er denkt, das Fragezeichen sei ein der Situation angemessenes Konstrukt (oder eine Zeichnung), es könnte eine zersprungene Null (denn es läuft auf nichts heraus) oder eine Variation eines indischen Ornamentes sein, das normalerweise querliegen müsste, eine Null, die vielleicht am harten Steinboden der Buchhandlung oder beim missglückten Versuch, durch das geschlossene Schaufenster zu entkommen, zersprungen und in Form eines Fragezeichens liegengeblieben ist, oder auch ein abgefallenes Ohr mit einem Tropfen Blut, oder der Kot einer Schlange, in diesem Fall einer Gedankenschlange, in der stickigen Luft des Veranstaltungsraumes der Buchhandlung jedenfalls bleibt ungeklärt, warum sich die Fragezeichen derart schnell vermehren und in Form von interessanten Beiträgen aus dem Auditorium auf ihn einprasseln, Sind Sie der Erzähler, Herr Gelich, und stimmt es, dass Sie sich, Herr Gelich, an ihrer Geburtsstadt rächen wollten, Herr Gelich, und warum schreiben Sie nicht einmal eine Biografie, und könnte eigentlich, Herr Gelich, das, was sie erzählen, woanders spielen, und wie kommt es, was mir erst jetzt aufgefallen ist, dass der Humor so eine tragende Rolle, wobei bei Jonathan Littell eine wirklich ähnliche Figur in ähnlicher Form, das hat mich stark erinnert, und haben Sie das alles selber erlebt, das heißt, Herr Gelich, stecken Sie nicht doch hinter dem Ich-Erzähler?¿?¿?¿? All das hört er nicht mehr, weil die Katze, die sich eben noch in den Schwanz gebissen hat, durch ihr Schnurren die interessanten Beiträge längst übertönt, nachdem sie die köstlichen, am Boden liegenden Fragezeichen mit großem Appetitt aufgefressen und deren Reste sogar aufgeschleckt hat. 

30. September 2008

weblog teil 8

Wien-Sibiu 
oder
Die Qualität der Gleise 
Nach Budapest wird der rumänische Speisewagen angehängt, und schon befällt mich wieder dieses Rumänien-Feeling. Der Restaurant-Wagen mit seinen länglichen Bänken und dem geschwungenen Tresen vorne erinnert mich an Kubricks Odysse 2001, der Kellner starrt immer wieder in seinen Monitor, macht keinerlei Anstalten mich zu bedienen. Ich gehe zur Theke und bestelle ein Wasser, gerade dass er von seinem Bildschirm, wo ein amerikanischer Spielfilm läuft, aufsieht. Weng später wankt er auf mich zu und knallt mir die Wasserflasche auf den Tisch, geht zurück in seine Raumstation und trinkt aus einer Zwei-Liter-Plastikflasche Schnaps, der scheißt sich nichts. Wahrscheinlich verdient er 150 Euro im Monat, ich weiß es nicht genau, aber diese kommunistischen Relikte, dass die Leute arbeiten und gleichzeitig noch ein Eigenleben entfalten, kann man noch immer beobachten, immer weniger, auch wenn den meisten Rumänen dieses Image wahrscheinlich peinlich ist und es ihnen klischeehaft erscheinen wird, was ich schreibe. Ich sehne mich auch nicht danach, ich stelle es nur fest. Mir ist auch in Wien eine unfreundliche Verkäuferin lieber als eine zuckersüße. Den kapitalistischen Verfremdungsakt, der sozusagen in die Seele der Arbeiter eingreift und auch meint, ein Anrecht auf Steuerung ihrer Stimmung zu haben, empfinde ich als infam. Später trinke ich ein Bier, und ist es der Alkohol oder meine frivole Stimmung, mit jedem Schluck Bier erscheint mir die Ähnlichkeit des Kellners mit dem jüngst verstorbenen Germanisten Wendelin Schmidt Dengler frappierender zu sein. Ich stelle mir vor, dass der ständig überarbeitete und sich im Tempo des Denk- und Redeflusses ständig überholende, überschlagende Germanist in diesem rumänischen, Schnaps trinkenden, Sonnenblumenkerne kauenden, bei der Arbeit amerikanische Spielfilme schauenden Speisewagenkellner wiedergeboren wurde. 
Ich bin geflüchtet vor Engelbert, mit dem ich mein Schlafwagenabteil teile. Er war in der österreichischen Handelsvertretung in Bukarest angestellt, ehe er in Pension gingt. Er kommt aus dem Steirerdorf*, und war gerade in Wien, wo er sich eine neue Hüfte einsetzen ließ. Jetzt pendelt er zwischen Wien und Bukarest. Er hat einiges zu erzählen, wie man sagt, wir kommen auf Helmut Schmidt zu sprechen und das Abkommen zwischen der Bonner Regierung und dem rumänischen Diktator, laut dem in den 80er Jahren pro Kopf etwa 5000 – 7000 DM für die Ausfolgung eines Reisepasses und die Ausreisegenehmigung eines Rumäniendeutschen bezahlt wurde. Engelbert winkt ab, Franz Josef Strauß habe viel mehr getan, der ja mit Ceauşescu auch gerne auf die Jagd gegangen sein soll. Im August 1981 sei Franz Josef nach Bukarest zur Eröffnung einer Flugzeugmesse gekommen, man hätte ein reichhaltiges bayerisches Buffet aufgebaut, das aber keiner der geladenen Gäste angerührt habe. Franz Josef habe gefragt, wie das möglich sei, dass die Rumänen, wo sie doch nichts zu fressen hätten, nichts von dem bayerischen Buffet aßen, als man ihm indigniert antwortete, in der orthodoxen rumänischen Kirche werde vom 1. August bis zu Mariä Himmelfahrt strengstens gefastet. Darauf habe Franz Josef scheinbar mit Ceauşescu telephoniert, und der hätte ihm 50 Leute geschickt, die das Bayerische Kulturgut auch wirklich gefressen hätten. Seine Frau, so Engelbert, die eine streng gläubige Orthodoxe sei, quäle ihn auch mit dem Fasten, er sei strenger Katholik, aber die Katholiken fasteten nicht im August, aber was solle er machen, seine Frau sei schön und 13 Jahre jünger. Er erzählt von Adenauer, der inhaftierte deutsche Kommunisten zum Austausch von 20 verhafteten rumänischen Pastoren angeboten habe. Der Gefangenenaustausch habe dann tatsächlich in Nickelsdorf stattgefunden. Man sieht, an dem Klischee vom neutralen Österreich als Agentendrehscheibe während des Kalten Krieges ist was dran. Von den 20 deutschen Kommunisten seien später aber wenige in Rumänien geblieben. Mein Vater hatte auch immer gesagt, die Kommunisten sollten sich in die Sowjetunion schleichen, wenn sie unbedingt am Aufbau des Kommunismus mitarbeiten wollten. Beim Stichwort Kommunisten kommt Engelbert in Fahrt: Ab 1930 seien 90% der Mitglieder der KP Juden gewesen, und vor dem verheerenden Pogrom in Iasi** hätten die jüdischen Agenten in der ganzen Stadt Unruhe gestiftet, an verschiedensten Orten, was dann schließlich zu dem Pogrom geführt hätte. Engelbert traf auch Gerhard Schröder in Berlin, wo dieser ihm ein Exemplar seines gerade erschienen Buches*** über Russland geschenkt hätte. In dem Buch gehe es um ein Zurechtrücken des schlechten russischen Images, das die Deutschen von den Russen hätten, aber Schröder sei ein Diversionist – wie die jüdischen Agenten. Ich versuchte dem alten Mann zu erklären, dass der Kommunismus bei uns etwas anderes bedeute als in Rumänien, dass die Intellektuellen hierzulande Sympathien für die Kommunisten aufbrächten, weil sie die einzigen waren, die bewaffneten Widerstand gegen die Nazis leisteten, zum Beispiel in Salzburg, wo ich geboren wurde, in der Halleiner Papierfabrik,. Er hörte mir interessiert zu, dann fuhr er fort, über einen Historiker mit namen Pelin oder so ähnlich zu sprechen, der das Iasier Pogrom in ein rechtes Licht gerückt habe. Etwas später erzählt Engelbert, dass in seiner Familie alle Nazis gewesen seien, außer seinem Vater, sein Onkel sei sogar bei der SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division Waffen SS Prinz Eugen**** gewesen, während des Krieges hätte ihm Franco einen Reisepass angeboten, was dieser abgelehnt habe. 
Als ich den Redeschwall Engelberts nicht mehr aushielt, flüchtete ich hierher in den Speisewagen. Ich ärgerte mich, dass ich zu wenig weiß über die rumänische Geschichte. Man müsste mehr wissen, um da mitreden zu können, und natürlich sollte ich nicht Bier trinken und den Kellner anstaunen. Stattdessen lese ich den Falter und notiere den Satz: 
„Heute, wo wir selbst beim Chinesen mexikanisch essen können, während im Hintergrund Reggae läuft und im Fernsehen gleichzeitig eine sowjetische Sendung über den Fall der Berliner Mauer, (…) hat sich die Aufgabe des Realismus verwandelt. Um einen ähnlichen Erkenntnisschub zu erzielen wie vor hundert Jahren, müsste realistische Literatur eigentlich im Bekannten das Fremde aufdecken, müsste paradoxerweise das, was wir für real halten (…) in die dreiminesionale Welt zurückführen, also aus den flachen Images des Fernsehens die verlorengegangene Wirklichkeit rekonstruieren.“ 
David Foster Wallace
Am Morgen weckt mich der Schaffner zu spät, und ich verpasse die Station Simeria und steige in Alba Julia aus. Vor Jahren fuhr ich einmal nach Temeswar, wachte auf, als der Zug auf der Station stand, packte meine Siebensachen zusammen, und schleppte meine 40 Kilo schwere Tasche durch den Zugskorridor. Der Zug fuhr an, ich sprang wie im Wilden Westen aus dem Waggon, stürzte, und der Schaffner warf mir die Tasche hinterher. Filmreif. Schöne Erinnerung. 
Während wir im Morgengrauen in Richtung Alba Iulia fahren, steht Engelbert ausgeschlafen neben mir. Wir reden über Familien und Scheidungen und er meint, wenn einmal ein Kind da sei, dann dürfe es keine Scheidungen geben, er sei ein strenger Katholik. Wenig später flüstert er mir vertraulich zu, zwischen 54 und 64, da habe er es wild getrieben, zu wild, seine Frau, die ja eine streng gläubige orthodoxe Christin sei, hätte ihn nur dienstags und donnerstags drübergelassen, was hätte er machen sollen, onanieren? Er habe viele Frauen gehabt, die seien damals williger gewesen, als heute. Ja Wien, als Kind habe er immer das Bild des Riesenrades vor sich gebaht, aber er sei noch immer nicht mit ihm gefahren. 
Als der Lokalzug in Richtung Alba Iulia in einer Kurve gewaltig quietscht und ruckelt, fällt mir der Schweizer ein, der bei der Fahrt nach Wien letzte Woche im Abteil neben uns schlief und mit seiner Bemerkung über die rumänischen Gleise den Vogel abgeschossen hatte. Er und seine Gefährtin hatten ihre Fahrräder mit im Abteil, er gertenschlank im Fahrraddress, geradezu magersüchtig. Er wollte mit mir ins Gespräch kommen und meinte, er und seine Frau seien Vegetarier, er beklagte, wie schwer man es in Rumänien habe als Vegetarier. Nachdem ich nichts antwortete, weil ich in dem Moment der Ankunft in Wien voller Vorfreude auf meine junge Familie für mich bleiben wollte, sagte er: Man merkt schon, dass man wieder in Österreich ist, die Gleisqualität im Vergleich zu Rumänien ist schon enorm, da ruckelt es ganz schrecklich. Es war der falsche Beginn eines Gespräches mit mir. 

*Anina (deutsch Steierdorf-Anina, ungarisch Stájerlakanina) ist eine Stadt in Rumänien, Bezirk Caraş-Severin mit einer Bevölkerung von 9.172 Personen. Die Stadt liegt im Banater Gebirge und war im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts ein wichtiges Zentrum des Steinkohlebergbaus. Ein großer Teil der deutschen Minderheit wanderte in den 1980er und 1990er Jahren nach Deutschland aus (Wikipedia).

** Das Pogrom von Iaşi [Bearbeiten]Deutsche und rumänische Truppen hatten im Juli 1941 Transnistrien eingenommen. Ein zwischen Deutschland und Rumänien geschlossener Vertrag unterstellte das Gebiet rumänischer Verwaltung. Bereits im Sommer 1941, noch vor dem Krieg gegen die Sowjetunion, der so genannten „Operation Barbarossa“ und vor der Berliner Wannseekonferenz, hatte Marschall Ion Antonescu einen „Masterplan“ entwickelt, der auf die „ethnische Säuberung“ des rumänischen Territoriums abzielte. Der Pogrom von Iaşi am 29. Juni 1941 war der erste Schritt auf diesem Weg. Verstärkte antisemitische Agitation in der lokalen Presse, öffentliche Schuldzuweisungen gegenüber der jüdischen Bevölkerung, für die sowjetischen Bombardierungen verantwortlich zu sein, ließen die antisemitische Stimmung in der Stadt wachsen und endeten schließlich in einem Massaker, dem mindestens 13.000 Juden zum Opfer fielen. Der Pogrom von Iași wurde in erster Linie von der lokalen Polizei, Soldaten der rumänischen Armee, Paramilitärs und der Zivilbevölkerung ausgeführt. Beteiligt waren aber auch in Iași stationierte Einheiten der Wehrmacht, die das Massaker auf Hunderten von Fotos, die heute im United States Holocaust Memorial Museum in Washington archiviert sind, festhielten. Der deutsche Einsatzplan hatte einen solchen Übergriff nicht vorgesehen, die Initiative ging von Antonescus „Masterplan“ aus, der die „Evakuierung“ aller Juden von Iași und schließlich die Ermordung aller rumänischen Juden vorsah. Von den 127 Synagogen der Stadt überstand nur eine die Zerstörungen. Über dieses Massaker und die Judenverfolgung im Lande allgemein wurde in Rumänien lange Zeit, vor allem während der kommunistischen Herrschaft, nicht offiziell gesprochen. Seit dem Jahr 2003 wurde mit der Aufarbeitung begonnen. Der damalige Präsident Ion Iliescu berief die Internationale Kommission zur Erforschung des Holocaust in Rumänien unter der Leitung des Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel ein. Die Wiesel-Kommission legte ihren Abschlussbericht Ende 2004 vor. Sie bestätigte den spezifisch rumänischen Holocaust; ein Elie-Wiesel-Institut wurde gegründet und der 9. Oktober als Holocaust-Gedenktag festgelegt (Wikipedia). 

***Gerhard Schröder hat meines Wissens nie ein Buch über Russland geschrieben, möglicherweise handelt es sich bei dem zitierten Werk um seine Autobiographie „Entscheidungen. Mein Leben in der Politik“ 

****Die 7. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division „Prinz Eugen“ war eine Divisionen der Waffen-SS, die vor allem im nordserbischen Banat aus Volksdeutschen aufgestellt wurde. Sie wurde vor allem durch ihre zahlreichen Kriegsverbrechen im Partisanenkrieg in Jugoslawien bekannt. Dadurch prägte sie das Geschichtsbild vom Krieg der deutschen Wehrmacht und Waffen-SS in Jugoslawien (Wikipedia). 

1. Oktober 2008

weblog teil 9

Heute gibt es nichts zu sagen.

weblog teil 10
Schaut in die Zukunft 

Die philippinischen Näherinnen der Bekleidungsfirma Mondostar sind im rumänischen Hermannstadt ins Gerede gekommen. In Manila angeworben traten sie die lange und teure Reise nach Rumänien an, um hier für eine bessere Zukunft zu arbeiten. Versprochen wurde ihnen viel, gehalten wurde wenig. 

Heute ist Chas Tag. Oder auch nicht. Nach zähem Hin und Her zwischen Firmenleitung und Arbeiterinnen, begleitet von diplomatischen Interventionen, konnten Cha und ihre Kolleginnen heute endlich aus dem Vertrag mit der Firma Mondostar aussteigen und die Vertragsauflösung unterschreiben. Sie heißt nicht wirklich Cha, aber sie hat Angst vor dem langen Arm der Firma und möchte lieber anonym bleiben. Cha gehörte der dritten Tranche philippinischer Arbeiterinnen an, die Anfang Mai nach Sibiu gekommen waren. Ein Jahr musste sie warten, bis die Papiere zur Ausreise fertig waren und ein Traum in Erfüllung gehen sollte: Arbeiten in Europa. Sie bezahlte etwa 2500 $ für die Anwerbung und den Transfer durch eine Agentur in Manila. Um diese für philippinische Verhältnisse exorbitante Summe aufzubringen, musste Cha wie viele ihrer Kolleginnen einen Kredit aufnehmen. Sie unterzeichnete noch vorort in Manila einen Vertrag, der ihr 400 $ pro Monat und 100% Überstunden-Zuschlag zusicherte, Kost und Logis inklusive. In Rumänien angekommen, mussten sie neuerlich einen Vertrag unterzeichnen, indem eine 70 Dollar Reduktion für die Unterbringung und weitere Abschläge für Essen und Krankenversicherung festgehalten wurden. In den Philippinen wurden sie über diese Abschläge naturgemäß nicht informiert. Als Cha im Juni ihren ersten Lohn erhielt, staunte sie nicht schlecht: Die Überstunden waren nicht bezahlt worden, ihr blieben 250 $ pro Monat. Im Juli und August wurden aus den 250 $ noch weniger. Das letzte Gehalt im September lag bei 154 $, 390 RON (Rumänische Lei), nachdem sie und ihre Kolleginnen sich geweigert hatten, weiterhin unbezahlte Überstunden zu leisten. 
Zu Beginn arbeiteten sie von halb sieben Uhr in der Früh bis 6 Uhr abends, Samstags eingeschlossen. An die 80 unbezahlte Überstunden pro Monat. Die Anzüge, die die Arbeiterinnen nähen, werden für Firmen wie Strellson (Sitz in der Schweiz) oder Leineweber (Berlin) zum Export in die EU hergestellt. 280 hochwertige Anzugshosen mit Nadelstreifen und 400 Hosen ohne Streifen bzw. 300 Sakkos stellt Cha mit ihrer Gruppe von 43 Näherinnen pro Tag her. Cha begann mit 21 Jahren im Ausland zu arbeiten, sie war bereits in Taiwan oder Namibia, aber das hier, sei das schlimmste, was sie je erlebt habe. Hermannstadt und seine Bewohner gefallen ihr, meint die junge Frau, sie habe schon viele Freunde hier gefunden, allein die Firma Mondostar sei das eigentliche Übel. 
Auf der Homepage von Mondostar verweist man stolz auf den steilen Aufstieg der Firma und die steigenden Direktinvestitionen schweizerischer und deutscher Unternehmen: „Heute verfügt die Firma Mondostar über eine monatliche Kapazität von ca. 80.000 Teilen, ein Personal von 1.100 Angestellten und ein Kundenportofolio mit einer internationalen Rezonanz.“ Die Arbeiterinnen wie Cha haben wenig von der glänzenden Geschäftsentwicklung, viele haben Probleme mit dem Magen, weil das Essen derart schlecht ist. Seit sie hierher gekommen ist, wurde das Mittagsmenü, das völlig unregelmäßig und oft erst um ein oder zwei Uhr ausgeliefert wird, noch nie ausgetauscht. Der Reis sei kalt, und manchmal würden sie gar nichts zu Mittag essen, weil sie es nicht mehr aushielten. Als eine ihrer Kolleginnen nach Manila zurückgekehrt ist, haben sie ihre Verwandten kaum wiedererkannt, so abgemagert sei sie gewesen, sagt Cha lachend. Das könnte vielleicht eine Geschäftsidee für garantiert erfolgreiche Abmagerungskuren für Philippininnen sein: Sie brauchen nur bei der rumänischen Firma Mondostar anheuern. Das schlimmste ist, dass ihnen verboten ist, Essen in ihre kleinen Schlafkojen mit 8 Personen pro Zimmer mitzunehmen, um sich ihr eigenes Süppchen zu kochen, weil die Firma in diesem Fall hohe Auflagen im sanitären und gesundheitlichen Bereich erfüllen, und in der Folge Investitionen tätigen müsste. Eine weitere Infamie der Firmenleitung betrifft die Arbeitspausen: Außerhalb der regulären Mittagspausen ist es den Arbeiterinnen nicht gestattet, die Toilette aufzusuchen, weswegen viele von ihnen abgeschnittene Zwei-Liter-Plastikflaschen verwenden, um hineinzupissen. 
Im September haben die Arbeiterinnen beschlossen, aus dem unwürdigen Vertrag auszusteigen und in ihre Heimat zurückzukehren, obwohl die Firma sie nicht so ohne weiteres gehen lassen wollte. Heute war es so weit, und die Arbeiterinnen unterschrieben unter Polizeibegleitung den Ausstieg aus dem Vertrag. Dabei zwang sie die Firma vor den Augen der Polizei ein weiteres Papier zu unterschreiben, das ihnen verbietet, bei einer anderen rumänischen Firma anzuheuern. Der rumänische Personalausweis, der ihnen bis Mitte des Jahres 2009 Visum und Arbeitserlaubnis zusicherte, wurde eingezogen, sie haben 30 Tage, um Rumänien zu verlassen, andernfalls landen sie im Gefängnis. Wie Cha je ihren in Manila aufgenommenen Kredit zurückzahlen soll, kümmert niemanden; die rumänischen Behörden hätten den Arbeiterinnen doch immerhin eine Aufenthaltserlaubnis erteilen können, um die bereits bewilligtete Arbeitsgenehmingung bei einer anderen Firma anwenden zu können. Mitnichten, auf Solidarität seitens der Behörden wartet Cha vergeblich. „Ich habe bereits bei einer anderen Firma einen Vertrag unterschrieben“, sagt Cha zerknirscht, „aber es ist zu spät. Sie haben uns schon die rumänischen Personalausweise abgenommen.“ Die Firma hätte ihr 300 Euro geboten, was sie sofort angenommen hätte. Und Arbeitsplätze im Billiglohnsektor dürfte es in Rumänien zuhauf geben, hat doch Präsident Băsescu bei seinem jüngsten Besuch in Rom zum Anlass der feierlichen Eröffnung einer rumänisch-orthodoxen Kirche, seine rumänischen Landsleute aufgerufen, in ihre Heimat zurückzukehren, weil sie beim Aufbau der rumänischen Wirtschaft dringend gebraucht würden. Doch um diesen Hungerlohn will (und kann) nicht einmal ein Rumäne arbeiten. Seitdem die Arbeiterinnen sich weigern, Überstungen zu machen, haben sie mehr Zeit für sich. „Wir müssen hinausgehen, sonst zerspringt uns der Kopf“, sagt Cha und hält sich die Hände an die Schläfen. „Als wir nach zwei Monaten unbezahlter Überstunden nur noch acht Stunden arbeiteten, gingen wir in den Park oder ins Internetcafe, machten Spaziergänge durch die Stadt, worauf uns einer der Chefs der Firma fragte, ob wir etwa als Touristen hierher gekommen seien.“ 
Als das Management der Fabrik Mondostar von den Abwanderungsgüchten seiner Näherinnen erfuhr, machte es ihnen ein neues Angebot. Es versprach hoch und heilig, in Zukunft die Überstunden zu bezahlen. Die Näherinnen glaubten ihnen nicht und fragten, warum sie ihnen nicht die bereits geleisteten Überstunden bezahlten, worauf einer der Manager geantwortet haben soll: „Vergesst die Vergangenheit, schaut in die Zukunft!“ Während der Verhandlungen über eine mögliche Erneuerung des Vertrages mit minimalen Verbesserungen, argumentierte das Management immer damit, dass die Arbeiterinnen doch gar kein Rückflugticket hätten, sie sollten besser hierbleiben und weiterarbeiten. Somit wurde klar, dass die Arbeiterinnen durch die Vorenthaltung des Rückflugtickets geradezu erpresst wurden, zu bleiben. 
Chas Zukunft indes ist ungewiss. Sie weiß nicht, wann sie morgen aus der Firma herauskann. Die Firma lässt sie untertags nicht von dem Fabriksgelände, der Portier am Eingangstor ist angewiesen, sie nicht passieren zu lassen. Morgen soll jedenfalls ein Bus kommen, der die erste Gruppe der Näherinnen quasi bei Nacht und Nebel zur philippinischen Botschaft in Bukarest bringen soll. Sie wissen nichts näheres, und die Firma hat großes Interesse nicht zuviel Wirbel um ihren Abgang entstehen zu lassen. Der Fall der Firma Mondostar wurde längst auf diplomatischer Ebene verhandelt, und die Regierung der Philippinen hat für die Arbeiterinnen Flugtickets bereit gestellt, denn die Agentur, die sie hierher nach Sibiu gebracht hat, hat ihnen das Rückflugticket natürlich niemals ausgehändigt, wenn sie nicht überhaupt ausschließlich One-Way-Tickets gekauft hat, was niemand so genau weiß. Die Einschaltung der diplomatischen Vertretungen in Bukarest mag den Ausstieg aus dem Vertrag begünstigt haben, doch finanziell hat Cha nichts davon, sitzt sie doch auf Schulden, allein der Kredit verschlingt 50$ Zinsen pro Monat, und sparen konnte sie von dem Hungerlohn wenig. „Thats life!“, sagt sie lächelnd. Es sei nicht leicht gewesen hierher zu kommen, es sei für Philippinen überhaupt nicht leicht, nach Europa zu kommen, und so war dieser Alptraum vielleicht nichts anderes als eine lange und sehr kostspielige Reise. Sie sage sich einfach, dass sie als Touristin nach Hermannstadt gekommen ist, meint Cha ironisch, eine Touristin, die acht Stunden für ihren Aufenthalt arbeiten muss, um genau zu sein. Das Abeneteuer Rumänien ist für die philippinischen Nähererinnen vorerst vorbei, doch die Firma hat Gerüchten zufolge bereits Näherinnen aus Kambodscha oder Vietnam angeworben. Man muss in die Zukunft blicken. 

14. Oktober 2008 
weblog teil 11

Im Zug I 

Der Tod des Populisten
Ein junger Mann erklärt dem Mädchen im Tonfall der Nacherzählung eines Spielfilms den Unfallhergang: Unmittelbar vor der Ortseinfahrt sei eine 70er Beschränkung gewesen, der Politiker hätte zuvor einen anderen Wagen überholt und sei dann mit über 140 kmh mit dem rechten Vorderrad auf das Bankett am Fahrbahnrand geraten, von der Fahrbahn abgekommen und in einen Hydranten gerast, wonach sich der Wagen mehrmals überschlagen habe. Das Mädchen hörte sich seine Schilderung geduldig an, dann sagte sie: Kann passieren. 

Im Zug II 

Psychogramm des Österreichers
Er kann im selben Augenblick auf zwei verschiedene Arten gleichzeitig reagieren: Er umherzt den Fremden, küsst ihn dostojewskihaft auf die Wangen und auf den Hals, herzt ihn, klopft ihm unter Tränen auf die Schulter, um ihn im nächsten Augenblick (oder gleichzeitig) zu treten, von sich zu stoßen und zu beschimpfen. 

Im Zug III 

Behind scene
Während man schräg hinter dem Mann im Speisewagen sitzt und gezwungenermaßen auf seinen für unsere Begriffe viel zu langsam hochfahrenden (Pressphase) Laptop-Monitor starrt, bis er nach Minuten endlich eine für uns unleserliche Emanation (Textwurst) ausspuckt, beschleicht uns das Gefühl, jemandem beim Scheissen zuzusehen. 

Im Zug IV 

Feierabend
Der Freude in den Augen, und den eckigen, sprunghaften, fohlenartigen Bewegungen des Schaffners anzusehen, wenn sein Zug im Nirgendwo des Feierabends ankommt. 

21. Oktober 2008 

weblog teil 12

Vlads mythische Phase
Vlad hat zu Zeiten, deren Datum er längst vergessen oder (es könnte vor Jahrhunderten oder auch morgen gewesen sein) auch niemals gekannt hat, die Wirklichkeit in einem unermesslichen, alles verschlingenden, dem Urknall (es war eine Implosion) ähnlichen Atemzug eingesaugt. Es war dies ein alle Begriffe übersteigender Saugvorgang, gleich einem sich füllenden Vakuum, das sich sowohl Luft als auch Flüssigkeiten aus einem außerhalb seiner Vorstellungskraft liegenden Raum einverleibte. Ab diesem Zeitpunkt wurde die in seine Lungen eingeatmete Wirklichkeit in Blutkörperchen verwandelt, die fortan in einer chaotischen Unordnung seinen Körper durchflossen, wobei sie permanent und in einem sich überschlagenden Tempo aneinander stießen, ihre Richtung änderten bzw. ändern mussten, frei nach dem Gesetz des Zufalls und der zufälligen Willkür. Seit damals tropft die Wirklickeit von Zeit zu Zeit aus seinem noch immer Blut verschmierten Mund mit den Wolfzähnen, und fällt an manchen Tagen auf die Erde wie ein warmer Sommerregen. 

22. Oktober 2008 

weblog teil 13

Vlad reist zurück nach Transsilvanien
Die Kiste mit Erde steht im Keller bereit, der Zug fährt in Kürze ab, auch wenn die Abfahrt gestern oder am morgigen Tag gewesen sein könnte. Noch zögert Vlad (und das Zögern könnte ebenso eine überhastete Eilfertigkeit sein), in den Keller hinunterzugehen, sein Blick verharrt auf der auf dem Stuhl hingeworfenen Kappe, die bereit für die Abreise in der Mitte des Sitzpolsters liegt. Was für einen bemitleidenswerten Anblick ihm diese eingefallene, fleckige Kappe bietet. Ihm wird die Vergeblichkeit allen menschlichen Tuns schmerzhaft bewusst, weil die Lebenden am Ende immer in irgendeinem Zimmer landen, ihre Kappe auf einem Lehnstuhl, ihre Leiber in einem Bett, von dem sie nicht mehr aufstehen werden. Gleichzeitig wird ihm bewusst, dass seine Sympathie oder sein Bewusstsein über die Hilflosigkeit der Kappe nur auf seine eigene Hilflosigkeit oder Melancholie zurückzuführen sind, denn Vlad weiß zu gut, dass man zu dem wird, was man sieht. 
Je länger er die Kappe betrachtet, desto deutlicher scheint sie sich in ein organisches Wesen zu verwandeln, das Laute von sich gibt, in einer Sprache und für ein Sinnesorgan bestimmt, das er erst entwickeln muss, ein Wesen, das ihn zu dem Gedanken verleitet, er selbst wäre nichts anderes als eine eingefallene, schon etwas fleckige Kappe, und der Stuhl nichts anderes als die ganze Welt (der Tischler empfindet beim Sägen und Nageln des Stuhles ähnlich). Ihre Demut, mit der sie, auch sie eine Spezies der Untoten, ihr Schicksal hinzunehmen schein, macht ihn wütend, selbstzufrieden (ihm ist diese Selbstverständlichkeit wenn nicht abhanden, so vielleicht überhaupt nie zuteil geworden) auf dem Stuhl liegend, von der Erdanziehung angezogen zu dieser Form der Existenz verurteilt. Er weiß nicht, verspürt er Neid oder Hass, dass die Kappe diese Verurteilung in keinster Weise empfinden KANN, so wie die meisten ihrer potentiellen Träger diese Verurteilung nicht empfinden WOLLEN. 
Das Rätsel und die Verwirrung werden immer größer, denn, so belehrt sich Vlad, die Kappe erlebt mitnichten ihren Zustand mit einer großen Selbstverständlichkeit, sondern sie stellt ihn nur dar, sodass alles, was Vlad bisher dachte, nur auf ihn (so wie man eher über den Inhaber des Regenschirmes als über das auf dem Garderobenständer noch schaukelnde Objekt sinnieren könnte, nachdem sein Besitzer (schon wieder ein materieller Verlust) längst das Zimmer verlassen hat) selber zurückfällt. Diese Überlegungen verzögern seine Abreise empfindlich, und zu seiner Bestürzung – und Vlad ist nicht leicht in Aufruhr zu versetzen – stellt er fest, dass seine Gedanken längst nicht mehr seine Gedanken über die Kappe betreffen, sondern seine Gedanken über die Gedanken über die Kappe und immer weiter, seine Gedanken über die Gedanken über die Gedanken über die Kappe und immer so weiter, sodass er derart in Rage gerät, die Kappe zur Hand nimmt und in eine Ecke pfeffert. 
Nachdem er sich beruhigt hat, kann er die Kappe aber nicht vergessen, sondern sein Blick wird gerade so von der im Staub liegende Kappe angezogen, als würde sie aus ihren Nähten bluten. Und was bislang zurecht als unvorstellbar galt, ist eingetreten: Vlad bedauert seinen Wutausbruch, ihre Gleichmut gegenüber ihrem eigenen Schicksal (es ist der Ort, der aus der Geschichte folgt) rührt ihn derart, dass er sich ächzend niederbeugt, die Kappe aufhebt und ihr den Staub abklopft. Er dreht sie zärtlich vor seinen roten Augen hin und her, nimmt sie von einer Hand in die andere, betastet ihren Stoff, in dem sich Monate, wenn nicht Jahre eines Lebens in Freiheit eingegraben haben. Er bittet sie, sie möge ihm Zugang zu seiner Erinnerung verschaffen, sie möge ihm von seiner Vergangenheit erzählen, erzählen von den heiß ersehnten oder lästigen Regengüssen, als er die Kappe von einer Busstation zu einer Haustür getragen hatte, sie möge ihm die Geschichten von den Schweißrändern an ihrer Naht erzählen, als er an sonnigen und schwülen Großstadttagen auf dem Fahrrad in die Arbeit oder in das Schwimmbad gefahren war, oder auch nur all die banalen und alltäglichen, weder als sonnig noch verregnet gespeicherten und der Aufmerksamkeit entrissenen Tage, in Erinnerung rufen, in denen sie eine unsichtbare Begleiterin war, und manchmal – es bringt Glück – die Taubenscheisse aufgefangen hat. 
Von all diesen Möglichkeiten erzählt die Kappe naturgemäß nicht, sodass er sie, nach der schrecklichen Aufregung müde geworden, zurück auf den Lehnsessel legt, wo sie in sich zusammengefallen wieder ihr fleckiges Dasein fristet, zur Abfahrt bereit oder nicht, aber auf alle Fälle in irgendeiner Form selbst Vlad überlebend, der bisher noch immer von den Toten auferstanden ist. 

24. Oktober 2008 

weblog teil 14

Vlad und die Suppen
Es gibt Momente, die ihn vergessen lassen, dass er eigentlich ein Bewohner des Totenreichs ist, und zu den (nur scheinbar) längst zurückgelassenen Geistern der Vergangenheit zählt. Die Ciorba aber holt ihn zurück aus diesem Totenreich, und erlaubt ihm süße Stunden des wirklichen Lebens, gleich einer geborgten Wirklichkeit. Er könnte das Rezept auswendig vorwärts und rückwärts aufsagen, bei dem auf Basis einer sauren Borsch-Suppe in die Suppe alle Arten von Gemüsesorten wie Zwiebel, Weißkraut, Karotten, Kartoffeln, Erbsen, Fasolen, Tomaten etcetera eingelegt und mit Rindfleisch gekocht und mit Liebstöckel, Petersilie und Tomatenmark gewürzt werden. Serviert wird sie mit einem geradezu abschreckend scharfen Ardei iute und dem smăntana genannten Sauerrahm. Doch ist die richtige Methode beim Verzehr der köstlichen Suppe umstritten, und Vlad hat noch kein ihm völlig entsprechendes Verfahren entdeckt, was vielleicht auch daran liegt, dass er sofort in eine gierige Nervosität verfällt, wenn der Suppenteller vor ihm steht, und er also aus Gier daran gehindert ist, methodologisch vorzugehen. Manchmal beginnt er mit dem Pfefferoni, von dem er die feurige Spitze (es ist dasselbe Feuer wie jenes, das in seinen Augen lodert) abbeißt, sofort breitet sich im Mund eine angenehme, teilweise aber fast unerträgliche Schärfe aus, die man entweder durch einen Löffel Suppe löscht und mit einem Stück Weißbrot trocknet, um so fortzufahren, (was jedoch in manchen Fällen bereits zu Sodbrennen in seinem im Laufe der Jahrhunderte träge gewordenen Magen geführt hat); die vielleicht sanftere Methode besteht darin, zunächst den Sauerrahm in der Suppe in einem an Jackson Pollocks „Action Painting“ angelehnten Verfahren einzuträufeln und die mit Sauerrahm angereicherte Suppe in einem Verhältnis von etwa 1:5 oder besser 1:4 zu löffeln, dazwischen einen – man beginne mit möglichst kleinen Bissen der Ardei iute, da man sich, einmal einen zu großen Bissen des Feuers gekostet, das ganze Essen lang nicht mehr von der Schärfe erholt, und steigere dann je nach Bedarf den Anteil an ardei iute, so wie man die Flamme eines Gasherdes dosieren würde. Das Brot eignet sich immer als Zwischeneinlage, um die Geschmacksnerven gleichsam zu beruhigen oder zu neutralisieren, um dann mit dem neuerlichen Einträufeln des Sauerrahms eine neuerliche Löffel-Sequenz zu beginnen. Nach dem Verzehr der Ciorba legt sich Vlad zufrieden auf sein Bett aus Erde in die Holzkiste und verschiebt seine blutigen Träume nach Menschenfleisch auf ein anderes Mal. 

27. Oktober 2008 

weblog teil 15
EINE VEGETARIERIN FÄHRT NACH RUMÄNIEN UND BEKOMMT EINE GANS GESCHENKT 

Monolog 

Beate, alternative Rucksacktouristin aus Bayern, kommt auf die Bühne, blickt sich immer wieder um, außer Atem, legt ihren Rucksack ab, sie hält eine tote Gans an der Gurgel, versucht, Auto zu stoppen. Selten befahrene Landstraße in Rumänien. Nimmt immer wieder ein Wörterbuch zur Hand, in dem sie rumänische Wörter nachschlägt. 

Teil I 

BEATE 
Und dann kamen wir aus dem Wald heraus, kamen aus dem Wald heraus, und vor uns liegt dieses Kloster, und ich sage: Ohhhhhh, und Virgil lacht, und redet über das Kloster, ich sage, ich verstehe nichts, und er deutet, er versteht auch nichts, und wir aus dem Wald, UNDERSTANDING not so easy, sage ich, und er: Nici easy! SEE Monastir, you see, Monastir?, und ich blättere diesen Nietzsche oder Nitsch im Wörterbuch nach, und was kommt der jetzt auf einmal mit Nietzsche, nici easy, Strauß die Drecksau, und da stehen wir vor dem Kloster, Jahrhunderte von Stürmen, auf der Wetterseite ganz ausgebleicht, diese Farben, und plötzlich, plötzlich, bin ich ganz glücklich, dass ich auf einmal weiß, wozu ich eigentlich, hierher, und Virgil deutet, wir müssen gehen, wie, wir sind doch erst durch den Wald geblättert, wegen dem Kloster, aus dem Wald, Strauß die Drecksau, nicht dass ich auf einmal religiös, aber solche Farben gibt es an den Kirchen zuhause ja gar nicht, sagt man sich, zuhause ist ja gar keine Zeit für so schöne Farben, und da fliegen sie dann auf einen zu, diese Engerl, (beginnt zu weinen) und man versucht doch nur, seiner eigenen Treue wegen, dass man sich eben denkt, dass man eben nichts essen möchte, wofür eine andere Kreatur gestorben sein soll, und man steht so im Klostergarten und da fliegen dann die Engerl und die Heiligenscheine auf einen zu, und man schaut sich die bunten Teuferln an, und (beruhigt sich), Strauß die Drecksau, und man denkt sich, dass damals die Leute nicht so verloren, oder zumindest dass es so ruhig zugegangen sein muss, da, im Klostergarten, und dann haben die Dinge, und die Reise, und dann hat das einen Sinn, Vegetarul, Vegetaria, (blättert im Wörterbuch) Eu sunt Vegetaria, kapiert, die haben doch auch Vegetarier, genauso wie wir, und dann auf einmal sagt Virgil: wir müssen weiter zur Tante, AUNT, AUNT, und dabei wollte ich, dass es einem manchmal so gehen kann, dass man bleiben möchte, da wo man hingereist ist, nachdem wir durch den Wald, wie Vergil und Beatrice, nur ich nicht Beatrice, sondern Beate und er nicht Vergil, sondern Virgil, aber bei Dante führt doch die Beatrice den Vergil durch den Wald, durch den Wald, den man vor lauter Bäumen nicht sieht, den Wald, das Unverständnis, aber ich führe nicht den Virgil durch den Wald, sondern der Virgil führt die Beate durch den Wald, also andersherum, da habe ich nicht mehr gedacht, was mache ich eigentlich hier, auf Reisen fragt man sich doch so oft, (streichelt das Tier), was man da soll, und, Strauß, die Drecksau, und dieser Virgil, lächel, lächel, wir, gerade aus den Wäldern draußen, und da fragt sich die Beate, was sagt das Mensch nicht: Nein, so ein Klostergarten vielleicht nicht gerade zum Nein-Sagen gemacht, sage ich nicht: Nein, nix Tante, Strauß die Drecksau, aber nein, was sagt das Mensch nicht: ich will nicht zur Tante, weil man ja die Höflichkeit, dann heißt es wieder: die Deutschen, die Deutschen, die Nein-Sager, die Willenvollstrecker, die ewigen Selbstbehaupter, und nix sich auflösen in anderer Kultur, wenn jetzt alle reden, Balkan Mode, ich war ja schon in Finnland, da war noch gar nix Mode Finnland, schon nix noch gar nicht Mode Finnland und Mode intelligenter Norden, war ich schon Finnland, not Mode, und jetzt, wo sie ins Fernsehen und in die Bücher diese Balkanmode hineingestellt haben, war ich schon längst in Jugo Jugoslawien und habe getanzt Dumbala Dumba (tanzt mit der toten Gans und singt): Du nici tanzen? Und eigentlich hätte ich mit Virgil im Klostergarten tanzen können, so ein netter Mensch, dieser Virgil, spricht mich an, in der fremden Stadt, dieser nette Rumäne, spricht mich einfach an und geht einfach mit, sagt: I ANT, I HAVE ANT, NEAR MONASTIR, i come with you and we go eat and drink with aunt, und ich nix: Nein, Nici, Nu, No, warum sagt die Beate nicht: Nein, nix Tante, nix zu Tante gehen und Gans essen, sage das Mensch natürlich nicht, (streichelt die tote Gans) ich weiß doch, dass ihr alle sterben müssts, immerhin keine Stopfgans gewesen, da kannst du froh sein, weil so eine Stopfgans, da stoßen sie dir einen langen Metalltrichter in deinen Tierhals hinein, damit sie dir den Maisbrei schneller hineinstopfen können, damit du so richtig fett wirst, stopfen sie dir zweimal am Tag den Mais hinein, damit du in drei Wochen fett wie eine Sau bist, und nach dem Stopfen, da strangulieren sie dir deinen Hals mit einem Gummiband, damit du nicht kotzen kannst, und das geht ja dann so weit, dass das Gänschen Selbstmord macht, dass das Gänschen nach dem ersten Stopfen seinen Kopf gegen den Boden schlägt, solange, bis es stirbt. (Sie weint) Ich weiß doch, dass ihr alle sterben müssts, weil die Onkel euch alle, diese blutige Spur da, denke ich, wie ich auf die Malerei auf der Klostermauer schaue, unter dem letzten Abendmahl, die blutige Spur, die vom Westen hinunterführt nach Südosten und unten der Teufel, weil die Onkel im Westen euch schon über die Jahrhunderte, und unten sitzt der Teufel und dann ist dieser riesige Walfisch, die Onkel aus dem Westen euch Jahrhunderte lang gefickt haben, haben Balkan ficki ficki, Balkan ficki, du armes Kleines (streichelt das Tier), ich bin doch nur hergekommen, dass ich einen Moment, jetzt reden doch alle, nix Großspur, nix Kleinspur, dass ich gedacht habe, wir haben es ja auch nicht so leicht, Nici easy, und dann finde ich endlich den Nietzsche im Wörterbuch, NICI – NICHTS, und sage No, yes, nothing easy, UNDERSTANDING not so easy, und der Virgil lächelt und (weint wieder) was soll man denn sonst sagen, wenn nicht: Nein, nici, Nu, aber haben das Mensch: Ja gesagt, gehen zur Tante, vor und in der Kirche: Ja sagen, Nein sagen nicht gefragt vor Kloster. Und vielleicht habe ich dem Virgil einfach nicht klargemacht: VEGETARUL, I am VEGETARUL, er lächelt einfach, man lächelt sich ja von einem Land in das andere, lächel, lächel, alles schön exotisch lächel, lächel, und warum fährt die Frau auch alleine nach Rumänien, wenn sie keinen Man hat, aber das wollten wir ja nicht hören, du nici husband, no, tu not wife, married, nu, no, im not married. Wieso soll ich verheiratet sein, wenn ein Mann alleine da so daherreist, nici problem, aber eine Frau, nici verheiratet? Nici married? Na und? Hauptsache lächel, lächel, und zuhause hat es doch dauernd geheißen, lächel doch Beate, und kein Gesicht ziehen, ordentlich lächel, Beate, und Beatrice also ordentlich lächel, lächel, schön exotisch, aber ich im Klostergarten so richtig auf Beatrice Trip, so viel Wald vor lauter Unverständnis, und da war dieser Moment, wo der endlich einmal aufhört zu reden und ich frage ihn einfach you were not in Germany, und er: i work Germany, you mean: you worked in Germany, sage ich, you worked in Germany, und er: yes, i work Germany, no, you mean: worked, you worked in Germany, und dann sagt der Virgil endlich nicht: I work Germany, sondern I worked Germany, Strauß die Drecksau, ja sicher, I also work Germany, wenn ich eine Arbeit hätte, dann i also work Germany, sicher, sagt dann Strauß die Drecksau: Gemma halt Kloputzen, dann: i work Germany, aber dann Virgil, nix mehr Germany, wir durch den Wald, reden Mushrooms, ich rede selber schon Pilze zerfallen mir im Mund, nein nein. 

Fortsetzung folgt 

6. November 2008

weblog teil 16

EINE VEGETARIERIN FÄHRT NACH RUMÄNIEN UND BEKOMMT EINE GANS GESCHENKT 

Monolog 

Teil II 

BEATE 
Und dann kamen zwei Nonnen vorbei, und lächelten, und Virgil raunt mir zu: Silentium Saints, und ich: Ne, Ne, Na geh, diese Farben, sage ich, und er: Church full, colour for standing outside, und ich verstehe nix, dass man Farbe braucht zum draußen Stehen, und er sagt immer: Blue of Voronetz, like, ich sage ja, i like, aber er sagt: like, und ich nicke, aber er sagt: like veronesegreen, like tizinred, und ich sage nici, nietzsch verstehen, er sagt noch einmal like green of the Veronese and the Tizins red, ja, ich sage, Tizian, schön, sehr schön, und dann gehen wir herum, und da deutet Virgil: Here: Adam, mit seinen Spindelfüßen, denke ich, und er steht hinter den zwei traurigen Ochsen, und es schaut aus als würde der Adam ihnen den Pflug in den Hintern rammen, aber ich sage, nix da zu mir, nix da, ich kann da nicht so einfach respektlos den rumänischen Adam, mich lustig machen, ich sage groß, great, und da in der Ecke spinnt die Eva, und Virgil sagt wieder Fourteeneightyeighty, diese Farben nach 500 Jahren, stell einmal einen grünen Plastikstuhl 500 Jahre in den Garten, da bleibt nix Farbe übrig, nici Ewigkeit, aber die reden ja heute nix von der Ewigkeit, die reden ja nur von der Kaufkraft, und „Haben sie schon ihre Möbel so gründlich satt?“, wo man dann zum Möbelix gehen soll, wenn ein Kratzer drinnen ist, so satt haben, Strauß die Drecksau, und so einfach war die Welt nach der Erschaffung einmal, sie spinnt Wolle und er ackert, was gibt es da für Probleme, und oben thront der Jesus, die Schar der Heiligen ganz unten, man sieht die Köpfe nicht vor lauter goldenen Heiligenscheinen und vom Zentrum herunter, so als würde ihm das Blut aus den Zechen rinnen, rinnt diese blutige Spur, so von Europa in Richtung Schwarzes Meer und diese blutige Spur wird immer breiter, und unten sitzt der Teufel, eine schwarze Ratte von hinten mit riesigen Barthaaren oder Fühlern, und das sagt dir jeder, dass die Orthodoxen viel inniger sind als die Katholen, und vor dem Teufelchen, da hat er seine zwei Kesseln kochen, da schwemmt es schon auf dem Blut eine Frau mit einem Kind heran, die sind nur ganz rote Silhouette, aber am besten gefällt mir die Frau auf dem Walfisch mit dem Segelschiff in der Hand, die die Schiffer, die Seefahrer beschützt, und dann schießt es wieder herein, dieses Sägen im Kopf, ob es nicht besser war in dieser Ordnung, dass man doch so wenig weiß und so viel glaubt, und ob es dann nicht überhaupt besser ist in so einer Glaubensordnung, weil da können alle gleich viel glauben, aber Wissen können ja überhaupt nur die Auserwählten, Strauß, die Drecksau, und „Glauben ist Macht“, sagt doch kein Mensch, und für die Phantasie da braucht es kein Büchergeld und keine Studiengebühren, Strauß die Drecksau, und der Virgil sieht meinen Ehering und dann fragt er: You not married, und ich, nici, nici married, Tarnung, äh Camouflage, no real, Camouflage, und der Virgil sagt wieder: You not married, und ich nehme den Ehering ab, und why you allone travel, und ich sag: to defend, i defend myself, AHH, sagt der Virgil, das kenn ich doch von Deutschland, da bist du ja schon geliefert, wenn Du einem Ausländer zu tief in die Augen siehst, und wenn du mitgehst auf einen Cafe fragt dich der Ausländer, ob du ihn heiraten willst, Ne, Ne, dachte sich die Beate, da schon lieber mit Ehering, und was sagt das Mensch nicht: Nein, in Deutschland sagt das Mensch ja auch Nein, aber in Rumänien kann das Mensch nicht Nein sagen, denkt sich die Beate, auf Reisen kann das Mensch nicht Nein sagen, Strauß, die Drecksau, und dann stehe ich da neben den Rosen auf dem Gras und ich möchte da bleiben bei der Frau, die auf dem Walfisch sitzt, und Virgil nimmt meine Hand, und ich denke, was nimmt er sich da jetzt meine Hand heraus, aber er sagt nur BAS BAS, und er reißt mich los von der Frau auf dem Walfisch, ich jetzt überhaupt nicht mehr Beatrice, und wir laufen quer über den Klostergarten, und die Zikaden zirpen, (nimmt die Gans am Hals und schaut sie an, weinerlich) und dein Tod kommt immer näher, Aunt nice, nice Aunt, sagt der Virgil und wir (schneller sprechend) gehen zum Parkplatz, da kann man noch ein kleines Kloster aus Holz kaufen, ich kaufe ein kleines Holzkloster, aber wir kommen der Tante immer näher, und ich spüre, dass da ein Tod daherkommt, dass da schon wieder irgendetwas zerstört werden muss, aber so war es früher ja auch, wäre ich im Klostergarten stehen geblieben, nici, Gans, nici tot, und man will ja nur ein bisschen der Natur wieder auf die Beine helfen, dass es nicht immer der Mensch ist, der alles niedertrampelt, und dass der Bauch nicht auch immer das Wort in der Kehle führt, was uns dann an die Kehle geht, dass man sich auch einmal widersteht, wie die sich da vor 500 Jahren sich widerstehen, abgesehen von den kleinen Schweinereien, die kleinen Schweinereien, die uns ja erst so richtig groß, Strauß die Drecksau, so richtig groß machen, das kleine Teufelchen in uns, und da denkt sich das kleine Schweinchen Beate halt, dass es keine Zwei-, Vier- und Sechsbeiner verspeisen will, damit die noch weiter mit ihren schönen Beinchen in der Welt herumkrabbeln können, mehr denkt sich ja das kleine Schweinchen Beate aus Germany nicht, und Virgil sagt: BAS BAS, und der Motor vom Bus heult schon auf, und wir fahren schon in Richtung Tante, wo du noch auf deinen beiden Beinchen herumwatschelst und keine Ahnung hast, dass es dir an den Kragen geht, dass die rote Spur jetzt dich erreicht hat, wo am Ende nicht mehr das kleine Teufelchen mit seinen langen Barthaaren und als Riesenratte vor seinen dampfenden Kesseln sitzt, sondern da wartet das ganz Rote, das ganz schwarze Dunkle, und ein ganz menschlicher Kessel auf Dich, und im Tantenbus werde ich schon ganz unruhig, weil mir die Tante spanisch vorkommt und nicht rumänisch, und der Virgil fragt mich: Nice, like Kloster, und ich sage like veronesegreen, like tizinred. Und Virgil sagt, Nono, better, better. 

Fortsetzung folgt 

10. November 2008

weblog teil 17

EINE VEGETARIERIN FÄHRT NACH RUMÄNIEN UND BEKOMMT EINE GANS GESCHENKT 

Monolog 

Teil III 

BEATE 
Und dann standen wir schon am Gartenzaun, standen am Gartenzaun, und die Gänse watscheln in einer Schar auf uns zu, ganz aufgeregt, und dann kommt der Hund angerollt an seiner langen Kette, und dann hat er sich das Vorrecht erbellt, dass er der Begrüßer ist und nicht die Gänse, dass man da gefälligst vorher am Hund vorbei und nicht an den Gänsen, denkt sich der Hund, und die Gänse watscheln kreischend davon, und dann kommt schon die Tante herausgewatschelt hätte ich beinahe gesagt, 70 Jahre und ein Gesicht glatt wie eine Billardkugel, und diese Augen ganz stahlblau kommt mit ihren abgeschnittenen Gummistiefeln und schlägt die Hände über den Kopf zusammen, weil die Tanten da, die sind immer zuhause, man braucht nur an den Gartenzaun kommen, und als ich dann an den Gänsen vorbei, da frage ich mich schon, ob ich jetzt eindringe in denen ihr Leben, in denen ihre Kultur, wie so ein Schwanz in einen eindringt, und ob ich jetzt der Schwanz bin, und ob ich mich da noch so verhalten kann, wie ein Schwanz, ob ich mich überhaupt noch verhalten kann wie als Deutsche und Nein-Sagen, wie ich ja auch in Deutschland Nein sagen kann, zu jedem, und dann sind sie dir ja auch nicht beleidigt. Ein Abenteuer mit dem Virgil hätte ich mir ja auch vorstellen können, das wäre ja auch vorstellbar, denke ich, mir gefällt ja der Virgil gar nicht so schlecht, denke ich mir in dem Moment, wo mich der Hund vorbei lässt und an meiner … schnuppert, und nix macht und mich passieren lässt, dass ich mir denke, Virgil, ein witziger Mensch, dass da ja auch ein Abenteuer sein könnte, wenn der nicht so aufdringlich wäre, und dann watscheln die Gänse und der Hund bellt und die Tante kommt, die sind ja immer zuhause, welche Tante ist denn bei uns immer zu Hause, ist sie immer bei sich auch, das ist ja so eine Frage, die hat ja nichts von Freud gehört und dem ganzen Quatsch, und freudsches Händeüberdenkopfschlagen, dass sie da über ihrem Über-Ich herumwedelt, oder das Über-Ich, dass da aus ihrem Kopf verdunstet zusammenschlägt, oder so ein Quatsch, sind doch immer zuhause, die Tanten, frag dich einmal, ist die Tante Simone in Padderborn jetzt zuhause, ist jetzt die Tante Siegrun in Alesenbrück-Langmeil zuhause, sicher nicht, die Tante, die Gänsetante Mariuscha: immer zuhause, Strauß, die Drecksau, die fragt sich gar nicht, bin ich bei mir oder ist sie bei sich oder so ein Quatsch, und sie schlägt die Hände über den Kopf zusammen, und lacht, die lacht nämlich, und da lache ich auch, und die lächelt nicht, der Hund wedelt ganz aufgeregt mit dem Schwanz, und die Gänse wedeln ganz aufgeregt mit dem Schwanz, weil alle jetzt so eine Freude haben, dass Leben in die Bude kommt, und das erste Signal, würde der Semiotiker sagen, das erste Signal ist das Schwanzwedeln, und das reicht ja auch schon, das ist ja wie ein Uhrzeiger auf der Uhr, und wenn sich der Schwanz bewegt, dann vergeht auch die Zeit, weil ansonsten dann eben nur das zuhause sein, und die Mariuscha öffnet das Tor und umarmt als erstes mich, und sie denkt vielleicht, dass ich die Neue von Virgil, dass der Virgil jetzt endlich eine Germanierin, Germanygirl, und ich umarme sie und es riecht nach Haar und Wolle und Zwiebel und Holzkohle und das ist ein Geruch von einem Menschen, der dann das aufnimmt, was um einen herum ist, und sie reißt mir meinen Rucksack aus der Hand, und streichelt mit der Hand den Rucksack und bestaunt das Material, dieses Nylon, die haben doch auch längst diese Rucksäcke aus Nylon hier, Strauß, die Drecksau, aber ihr gefällt das dicke Nylonmaterial und sie hat nur silberne Zähne, das ganze Gebiss versilbert, ein einziger Schatz im Silbersee dieses Gebiss, und sie umarmt mich wieder, und dann schleppt sie den Rucksack in die Küche, und der Virgil, lächel, lächel, und ich, lächel, lächel, aber mit Mariuscha da braucht es nicht dieses Lächel, lächel, sondern wir können uns so unsere Zähne gegenseitig zeigen, aber nici Alphatier, Betatier, so beim Lachen, und dann fragt sie, Milch, ob ich eine Milch, eine warme, die hat sie gerade aus dem Euter heruntergequetscht, und sie holt den Krug mit der warmen Milch und Virgil sagt warm cow, und ich, lächel, lächel, CALD, CALD sagt die Tante und ich cold, und Virgil, nu, nu, cald – warm, nici kalt, cald is worm, und worm cau, sagt, worm cau, und ich habe ja eine Milchallergie und eine Kuhphobie und, jetzt nix mehr lächel, lächel und Gebiss Gebiss, nix Toleranz groß, groß Toleranz, sondern nur noch panic, PANIK, wie soll das Mensch jetzt da herauskommen, und sagen: nu Milch, i no Milch, nici, nix worm cau, ich nix Stillphase, nix gestillt, i did not drink Mama, Mamamilk, ich Milchphobie, nici warm cau, aber ich kann das nicht erklären und Virgil, lächel, lächel, und ich jetzt ganz panic, kostet das Mensch halt die Milch, denkt sich die Beate, die warme Milch, die nicht heiße Milch, die kauh worm Milch, und schmeckt nicht schlimm, Toleranzschluck, ich denke, machst Du den eben einen Toleranzschluck, nur einen Toleranzschluck. 

Fortsetzung folgt 

17. November 2008

weblog teil 18

EINE VEGETARIERIN FÄHRT NACH RUMÄNIEN UND BEKOMMT EINE GANS GESCHENKT 

Monolog 

Teil IV 

BEATE 
Die Milch schmeckte ganz stark nach dem Inneren von diesem Vieh, nur ein Toleranzschluck habe ich gedacht, irgendwann muss ich meinen Yoga Lehrer um Übungen fragen, was ich in so einem Moment machen soll, bei diesem Konsumationskonflikt, wenn ich zwischen dem Konsumdruck und dem Toleranzschluck stehe, welche Atemübungen ich da am besten anwende, aber ich kann mich hier ja schwer hinsetzen auf den Boden, die denkt sich, ich bin ja nicht ganz dicht, mich einfach hinsetzen auf den Boden und Yoga machen, nici Milkfan, ich nicht, und Mariuscha lacht, und ich fühle schon die roten Pusteln im Gesicht, die Histaminpusteln, aber das Asthma kommt, I Asthma, Milkasthma, und Mariuscha lacht, Nici Lapte, nu? Asthma, und sie gibt dem Virgil, einen Klaps und frumos, frumos, Virgil lächel, lächel, und sagt: You bjutiful, Mariuscha sad, und ich nicht mehr lächel, lächel, taste nach Pustel, aber ich nici Pustel, ich danke, schön danke sagen, Mama sagen: Immer danke sagen, das ist das einzige, dass das Mensch auf Rumänisch DANKE sagen kann, Strauß, die Drecksau, mulzu mesc, danke, und danke, und Virgil lacht, jetzt lacht auch Zahnlücken-Virgil, lache, lache, Zahnlücke, hinten links auf dem 7er oder auf dem 8er, und ich denke, das Asthma kommt, das Asthma kommt, wo ist der Asthmaspray, und: was wird das kosten hier so ein künstlicher Zahn, und Virgil sagt: You only thank, und ich ganz wenig lächel, lächel, und eher röchel röchel, und Mariuscha will wieder einschenken, aber ich schneller mit der Hand über der Tasse, Toleranzschluck schön und gut, das versteht jeder, weil ich in Jugo Jugoslawien, mit dem Schnaps, jeder versteht das, ich immer gesagt Jugoslawien, für mich ist das nicht zuende gegangen, aber das war andere Mode, heute lauter Bücher über Jugoslawien, nici mehr Jugoslawien, seit sie diese Balkanmode hereingestellt haben, und Mariuscha steht auf und holt eine Flasche mit Wasser und ich sage, DA DA, das ist das richtige, und Mariuscha jetzt wieder Schatz im Silbersee, Silber, Silber, und schenkt ein das Wasser und, ich: Danke, danke, und nimmt das Mensch einen kräftigen Schluck, und was ist es, was ist es; (nimmt die Gans und würgt sie) Schnaps, glasklar, ZUIKA, sagt der Virgil, schaut aus wie Gebirgsquellwasser, als wäre es direkt von den Karpaten hier hinein in die gute Stube geronnen und nix rote Spur, aber doch rote Spur in meiner Kehle, Asthma, doch nicht so stark oder schon im Rückzugsgefecht, die füllen mich ab mit Schnaps und Mariuscha und Virgil lache, lache, und ich huste, und guter Schnaps aber viel zu starker Schluck, und sie klopfen mir auf den Rücken, hier klopfen sie ja viel sanfter als bei uns, und ich huste und deute: klopf fester, aber sie klopfen nicht fester, fest auf Rücken, in Germany, und ich schlage dem Virgil auf den Rücken, dass es ihm aufs Kreuz geht, so in Germany, so hard like work in Germany, und Virgil wieder, tätschel, tätschel meinen Rücken, und ich huste weiter, aber dann schlägt Mariuscha so richtig, weil Respekt nicht gesund, und dann ist es vorbei, und der Alkohol im Blut, ich richtig fröhlich, so richtig, taste in das Gesicht und da, nix Pustel, und dann schenkt Mariuscha nach, und ich streiche mit der Hand über den Wandteppich mit dem Fluss, wo zwei vollbusige Dunkelhaarige sich waschen und dahinter Bäume und Sonnenuntergang, und ein Boot friedlich auf dem breiten Fluss, und so hättens wir wohl gerne, Strauß, die Drecksau, nix Milch und Phobie und Nietzsche, sondern ganz ruhiger Fluss, Panta Rei, leben und leben lassen, wie er gesagt hat, und da sitzt man dann da, mit der Nicht-Milch, dem Schnaps, der herrlich brennt, der die ganzen Allergiepusteln wegbrennt, vor der Glotze und SORPRESA SORPRESA, ÜBERRASCHUNG, ÜBERRASCHUNG, jeder hat einen Wunsch frei, die verlorene Tochter wiedersehen, was für ein SORPRESA, oder den verlorenen Sohn wiedersehen, und Mariuscha hat auch ans Fernsehen geschrieben, sagt sie, SCHI JE-U, auch ich, Virgil lächel, lächel, Mariuscha not won, schi not won! Und dann schauen wir alle wieder hin auf den SORPRESA SORPRESA, und ich frage mich, was bringt die Anti-Fernsehdebatte, was bringt denn das, außer den Semiotikern, oder die Pro-Fernsehe-Debatte, kein hygienisches Überleben ohne Fernseher, das bringt doch alles nichts, und dann fragt sich die Beatrice, soll ich sie jetzt fragen, warum sie den ganzen Tag in diese Glotze starrt, was soll denn das bringen, sollen die Deutschen jetzt wieder die Untermenschen im Osten missionieren, bringt nichts Beate, bringt nichts, aber die hängt ja schon ordentlich drinnen in der Glotze, aber dann sagt der Virgil: Mama, und ich frage mich, was nennt der die jetzt Mama, ist doch seine Tante, und er nennt doch glatt die Tante Mama, und die Mama-Tante die steht sofort auf, und dann ist sie überhaupt nicht mehr SORPRESA SORPRESA Kandidat, sondern Mama-Tante, mehr Mama-Tante als SORPRESA, zuerst Mama-Tante dann Sorpresa und da denke ich, da wäre mir das SORPRESA auch lieber, weil da kann sie ja wenigstens umschalten, aber den Neffen kann man ja nicht umschalten, wenn er plötzlich was haben will, da kannst du ja nicht sagen, nix jetzt, nici, anderes Programm. Anderes SORPRESA. Und die besprechen etwas, und die Mariuscha streichelt dem Neffen über die Haare wie einem Sohn, und ich denke, das wird er auch haben wollen, der Virgil von seiner Ehefrau, dass ihn die wie eine Mama behandelt, auch wenn sie höchstens nur die Tante sein will, und das hätte ich ja ahnen können, dass die in dem Moment die Gans besprechen, mein SORPRESA SORPRESA, aber (streichelt die Gans und spricht zu ihr) woher hätte ich das denn wissen sollen, dass sie mir mit dir eine Überraschung, eine SORPRESA SORPRESA machen wollten, und da wäre es viel besser gewesen, wenn Mariuscha nicht zum Neffen hinausgegangen wäre, denn der Neffe denkt schon ans Halsumdrehen, dann lieber doch der Fernseh-SORPRESA; und als sie zurückkommt, stehe ich auf, und dann umarmt sie mich wieder, diese lesbischen Umarmungen, da ist ja die Hierarchie total implizit drinnen, und sagt EAT EAT, und ich, Nu, nu, und Mariuscha, Da, da, Yes, umarmt mich wieder wie die Alice Schwarzer, und: HAI FOAME, und ich versteh nix, das klingt wie Haiformen, und sie: Hai FOAME, und dann wird es draußen im Hof laut und das Gänse-Geschnatter hysterisch und ich denke mir ja nici dabei, und sage DA DA, Jaja, und sie umarmt mich wieder, und sagt: ZUIKA ZUIKA, und noch ein Schnaps, und dann denke ich, auch schon egal, besser als diese warme Allergie-Milch, und wir schauen wieder in das SORPRESE SORPRESE, und dann fragt sie wieder HAI FOAME, und ich blätter, blätter in meinem RICHTIG REISEN, und sie wieder Hai FOAME, und dann steht der Virgil in der Tür und übersetzt: HUNGERY, HUNGERY? Und ich blätter, blätter (liest aus dem Wörterbuch): HAI FOAME: Haben Sie Hunger? NU, MULTZU MESC, ICH DANKE SEHR, Strauß, die Drecksau, (streichelt die Gans) da hält mir doch der VIRGIL die tote Gans hin, hält mir einfach die tote Gans hin, und sagt: SORPRISA SORPRISA! No BLAT sagt er, No Blat und dreht der Gans noch einmal DEMONSTRATIV den Hals um, er einfach lächel, lächel. Arschloch! 

Fortsetzung folgt 

26. November 2008

weblog teil 19

EINE VEGETARIERIN FÄHRT NACH RUMÄNIEN UND BEKOMMT EINE GANS GESCHENKT 

Monolog 

Teil IV 

BEATE 
Und wie der Virgil jetzt dasteht, mit der toten Gans, denke ich, ich muss da hinaus, sonst bekommt das Mensch von Beate keine Luft mehr, und ich spüre schon die Pusteln, und dann ist es vorbei mit SORPRISA SORPRISA im Fernsehen, vorbei mit der Show, während der Virgil mit der Gans wachelt, und da stapft auf einmal Tschautschescu mit dem Franz Josef Strauß über den Bildschirm, wieso laufen die jetzt gemeinsam über den Bildschirm, da sagt Virgil: Strauß much Time in Rumania. 
Und ich frage JA? 
Und Virgil: much Time with Tschauschesku, hanti, hanti; 
What hands? Giving hands? 
No, Nu, hanti, hanti. 
What hanti? Ja sicher geben sich die Hanti, Hanti, HANDS, 
You mean: hands. 
No hands, Virgil lächel, lächel, 
Und mich kotzt das an, dieses Lächel, lächel, wenn man nichts versteht, warum soll ich lächel, lächel wenn wir uns nicht verstehen, 
NU HANDS, HANTIN, 
und Virgil streckt den linken Arm nach vorne und zielt und mit dem rechten Zeigefinger drückt er immer den Abzug, und ich verstehe erst jetzt: HUNTING, 
Strauß schi TSCHAUSCHESKU: hunting, 
Ach so, da da, HUNTING
BEARS hunting in Karpaths; 
i not like hunting, sage ich, 
i like, sagt Virgil, 
i no like 
Strauß good man, good for Economy, sagt Virgil 
und Mariuscha lächel lächel, streichelt mir über den Kopf,
you dont know, Strauß nici good for Europe, 
und Virgil lächelt, sagt: Hitler makes 
und dabei dreht dieser Virgil noch einmal der Gans den Hals um, ganz einfach dreht er dir noch einmal den Hals um und sagt: 
this makes Hitler with gypsy, Zigani, makes cold gypsy, Hitler makes cold gypsy, but this is no gypsy, Zigeuner, sage ich, this is goose, GANS not gypsy, und ich steh auf und sage noch einmal: this not gypsy, 
und dann sagt der Virgil: goose better than gypsy, sagt der Virgil:
GOOSE BETTER THAN GYPSY. Gypsy is bad animal, very bad animal, und lächel, lächel 
und Mariuscha streichelt mir wieder über den Kopf, und ich schreie sie an: Streichel mich nicht! Da ist Hierarchie implizit. Implizite Hierarchie beim Streicheln! 
Und dann lächeln Mariuscha und Virgil auf einmal nicht mehr, ich, denke, nix wie raus hier, und ich sag:
i dont eat with you, und dann, ich weiß nicht, ist es der Schnaps, ist es die Milch, ist es die Gans, ich: spring auf, und reiß ihm die Gans aus der Hand, pack meinen Rucksack, und 
ich nici esse goose, i dont eat goose, 
weil ich auch nici esse Roma, not eat gypsy, Roma, und Mariuscha jetzt nix mehr lächel, lächel und Virgil auch nix mehr lächel, sondern nur noch große Augen, ich sage zu mir: Renn, renn, renn, RUN RUN RUN, und vorbei an den Gänsen, die schon wieder so hysterisch schnattern, keine Angst, und der Hund bellt, jetzt ist es klar, dass ich nici mehr Miss Germany, nicht mehr Princess of Germany, sondern, feig und run run run; und vorbei an den Gänsen und mein Rucksack schlackert und ich fühle den Hals der Gans noch ganz warm und die schlenkert so richtig beim Laufen, und ich renn hinaus auf die Dorfstraße und Virgil rennt noch einige Meter hinterher, aber ich ja, nicht schlecht im 100 Meterlauf und renn, und dann kommt dieser Pritschenwagen und ich frag:
I with you, und die lächel, lächel, und i with them, und ich schaue zurück, hinten am Zaun stehen noch immer Mariuscha und Virgil, und Mariuscha schlägt wieder die Arme über den Kopf zusammen, und ich winke, winke, Good bye! LA REVEDERE; SEE YOU!! 

Fortsetzung folgt 

3. Dezember 2008

weblog teil 20

Johannes Gelich 

Stadtschreiber von Hermannstadt (Sibiu) vom 1. September 2008 bis 28. Februar 2009 

Das Hermannstaedter Journal 
weblog aus rumaenien 

EINE VEGETARIERIN FÄHRT NACH RUMÄNIEN UND BEKOMMT EINE GANS GESCHENKT 

Monolog 

Teil VI 

BEATE 
(Während des Essens, laufen Dias mit Motiven ihrer Rumänien-Reise über ihr Gesicht, bzw. drückt sie immer wieder die Fernsteuerung für das nächste Dia. In einer Ecke des Zimmers steht ein Beleuchtungskörper in Form einer Gans, die sogenannte “Lichtgans”) 

UND EIN BISSEN FÜR VERGIL UND BEATRICE 
(stopft sich einen Bissen hinein) 
Danke Virgil! 
(nimmt einen Schluck Wein) 

UND EIN BISSEN FÜR DIE WÄLDER 
(Stopft sich einen Bissen hinein)
Auf die Wälder vor den Klöstern 

UND EIN BISSEN FÜR DIE KLÖSTERMALER
Auf Euch und eure Farben die 500 Jahre gehalten haben … 

UND EIN BISSEN FÜR DIE BUNTEN TEUFELN
Dass wir doch alle zu den bunten Teufeln gehören, wer leugnet denn das, Virgil, nu!
(trinkt einen Schluck Wein) 
die bunten Teufelchen, die nicht „Nein“ sagen können!

UND EIN BISSEN AUF DIE HÖFLICHKEIT
UND EIN TOLEANZSCHLUCK AUF DIE TOLERANZ 
UND EIN BISSEN FÜR DAS VORONETZ BLUE like Veronesegreen like Tizianred
Auf dass ein roter Plastikstuhl niemals 500 Jahre überdauert, da wär nici mehr RED!!!
PROST 

UND AUF DIE BLUTIGE SPUR VON OST NACH WEST UND ADAM UND EVA UND MÖBELIX NIX MÖBELIX!

UND EINEN BISSEN AUF DAS KLEINE SCHWEINCHEN AUS GERMANY 
Jaja, auf dass wir doch alle die kleinen deutschen Schweinchen sind mit dem Scheckbuch unter der einen Achsel und dem Hakenkreuz unter der anderen Achsel, und mit dem Wirtschaftswunder als Oberlippe und der herunterhängenden Unterlippe der
Jahrtausendwirtschaftsflaute! Jaja.
(stopft sich einen Bissen hinein)
AUF DAS KLEINE GERMANYSCHWEINCHEN BEATE! STRAUß, DIE
DRECKSAU.

AUF DIE WATSCHELNDEN GÄNSE UND DEN HUND AN DER KETTE
(stopft sich einen Bissen hinein, trinkt)

UND EIN BISSEN FÜR DICH MARIUSCHA 
Auf Dich Tantchen, dass du immer zuhause bist und deine Haut glatt wie eine
Billardkugel!
NOROG NOROG NOROG!!! Und dass du riechst wie nach Holzofengrill und Wolle und nach Oma.
(stopft sich einige Bissen hinein, trinkt)
Zum Fressen habe ich euch gern, zum Fressen! Da schmeckt die Gans noch wie zuhause bei Großmuttern. Immer zuhause Gänsetante Mariuscha. Immer zuhause. 

UND AUF MICH UND VIRGIL
Auf die OST-WEST-HEIRAT
Auf den Fall des Eisernen Schleiers
Auf das Germanygirl und den Wolle-Zwiebel-Holzkohle-MANN
(stopft sich einen Bissen hinein, trinkt schneller, aggressiver)
Mariuscha. 
UND AUF DICH FRANZ JOSEF UND AUF DICH NICOLAI, AUF EURE BÄREN, SIE MÖGEN EUCH MUNDEN UND PLATZ FINDEN AUF EUREN KLEINEN TELLERN und AUF DICH – 
(prostet der Gans zu)

UND EIN BISSEN FÜR DEINE SCHATZ-IM-SILBERSEE-ZÄHNE
(Isst immer schneller, trinkt, wie mechanisch, immer aggressiver)
UND EIN BISSEN FÜR die frische Milch und ein Bissen für den Toleranzschluck, und LÄCHEL LÄCHEL ein Bissen für das Lächel Lächel und auf die Zahnlücken und den Zuika und die Karpaten
(Spricht und isst und trinkt immer schneller)
Und Schnaps und Gans und Rückenklopfen und Rücken und Schnaps und SORPRESA SORPRESA SORPRESA 

Übergibt sich.

Sie beruhigt sich etwas, geht zum Telephon und wählt zögerlich 

Hello, Virgil? Hello? No, Virgil, no please, lächelt Im happy that you, nu, no, good, bine, nu, I couldn’t, no please, don’t hang up, no, im sorry, no please, Virgil, please no, you don’t understand, I had to leave, I felt, nu, nu bine, felt, nu against you, nu, I liked very much, nu, Virgil, don’t hang up, don’t hang up, please say to Mariuscha, nu, no, please, say to her, im sorry, nu, I liked her very much, Virgil, nu, please, don’t hang up, nu, please i, i didn’t want to … didn´t want to hurt, I didn’t want to hurt …
(Virgil hat aufgehängt.)

PAUSE.

I didn`t want to hurt, i did not want to hurt 

Sie legt rumänische Folklore Musik, am besten Blechbläser auf. Sie schaltet die Lichtgans ein, setzt sich auf den Boden, umarmt die Lichtgans und wiegt sie wie ein Kind. Steht auf und tanzt mit ihr.

Aus dem Off erklingt der Anfang der Göttlichen Komödie:
„Als ich auf halbem Wege stand unsers Lebens,
Fand ich mich einst in einem dunklen Walde,
Weil ich vom rechten Weg verirrt mich hatte;
Gar hart zu sagen ist`s, wie er gewesen,
Der wilde Wald, so rau und dicht verwachsen, 
Daß beim Gedanken sich die Furcht erneuert;“

Ende.

15. Dezember 2008

weblog teil 21

DIE LETZTEN SEELEN 

Der Pfarrer der Gemeinde Kerz macht sich jeden Sonntag mit seinem Mikrobus auf, um die letzten noch lebenden Sachsen für den Gottesdienst aus den umliegenden Dörfern einzusammeln. Eine Fahrt durch das siebenbürgische Hinterland.

Obwohl der Rauhreif in der Früh die zu Stein gefrorene Landschaft wie Puderzucker bestaubt und sich die Hühner heute früh schon die Schnäbel auf der vereisten Erde angeschlagen haben, ist dieser Dezember ungewöhnlich schön. Am Tag unserer Fahrt durch die Dörfer wird sich untertags ein blauer Himmel über das siebenbürgische Hinterland spannen, die Sonne wird uns angenehm wärmen, eher ein freundliches Oktober- denn ein kaltes Advent-Wetter, aber die Klimaveränderung kennt keine Grenzen. Auf den kleinen Vorstadtstationen nach Hermannstadt steigen an diesem Sonntag immer wieder Angler in grünen Parkers, Military-Hosen, Tarnjacken und blauen und schwarzen Wollmützen zu und begrüßen einander mit den fröhlichen Fahnen des Frühschoppens, nachdem sie die zusammengeschobenen Angeln, liebevoll mit Gummiringen umwickelt, aus knallroten Vodafon-Rucksäcken ragend, umstädlich im Gepäckfach verstauen. Das Umland der Schienentrasse ist im Umkreis der ehemaligen Kulturhauptstadt Europas (2007) Sibiu gesäumt von Rohbauten für das traute Eigenheim. 37 000 neue Wohnungen sind im erten Dreivierteljahr in Rumänien hochgezogen worden, um 8300 Wohnungen mehr als in der Vergleichsperiode des Jahres 2007. „We are the champions“ verkündet die Aufschrift auf der gelben Renault-Kappe eines Anglers. Auf dem Brachland vor der Station Kerz (Cȋrța) grast ein frei herumlaufendes, mampfendes Pferd. Auf dem Weg zum Pfarrhaus begegne ich einem jungen Mädchen, das in dieser Hergottsfrühe eine Gasflasche in einem Kinderwagen nach Hause fährt. 
Das Dorf Kerz verfügt im Gegensatz zu manch anderem siebenbürgischen Dorf schon seit längerem über eine gute Infrastrukur der Versorgung mit Energie und Wasser. Gas wurde vor acht Jahren eingeleitet, eine Wasserleitung gibt es schon länger. Mit EU-Geldern finanziert, zum Glück, meint Michael Reger, der Pfarrer, mit dem ich den Tag verbringen werde, das kostete ja ein paar 100 000 Euro. Nach der Wende bekam die Kirche das Kurienhaus, nachmals Sitz der Kolchose zurückerstattet, man gründete einen landwirtschftlichen Verein, der in diesem Jahr rumänienweit den 1. Platz für die Qualität seiner landwirtschaftlichen Produkte belegte: Weizen, Mais, Soja, Kartoffeln, Hafer – alles erste Qualität.
Bevor wir mit dem Mikrobus in die Dörfer aufbrechen, essen wir nach dem Frühgottesdienst in der Küche eine schmackhafte Jause. Die Küche ist wie immer und überall auf der Welt das soziale Zentrum. Frau Pascu und ihre Tochter sind zu Besuch bei den Regers. Frau Pascu ist eine „ganze“ Sächsin, ihre Tochter ist gerade aus Deutschland zurückgekehrt, die volle Strecke aus Bayern hierher ist sie die ganze Nacht mit dem Golf gefahren und hat Michael Reger fünf Doppelpackungen seiner geliebten Wiener Würstchen mitgebracht, Butter für die Ehefrau, das alles ist hier viel zu teuer. Auch Spülmittel, Waschmittel oder andere Gebrauchsgüter bringen sich die Mitglieder der Dorfgemeinschaft immer wieder gegenseitig mit, es gibt einen permanenten Grenzverkehr zwischen den Ländern Deutschland und Rumänien. „Ich setze mich hier in den Wagen und steige in Deutschland aus“, meint Herr Reger. „16-18 Stunden dauert die Fahrt nach Deutschland. Von hier bis zur ungarischen Grenze brauche ich so lange wie durch ganz Ungarn und Österreich zusammen! Kommt setzt euch, esst was, ach du bist fett genug, du brauchst nichts zu essen!“, fordert er seine Gäste auf, mit uns zu essen. Astrid Pascu, die Tochter, ist Lehrerin in der Sechzehner Schule bei der Kadetten Schule und studiert gleichzeitig in Hermannstadt Management – das ist die Aufbaugeneration, die vor der Wirtschaftskrise eine für Europa einzigarte Wachstumsrate von bis zu 7% erwirtschaftete. In Kerz gibt es auch einen deutschen Kindergarten, wo Deutsch gesprochen wird, 18 Kinder sind aus dem Dorf, 3 davon Sachsen. Die Frau Michael Regers ist eine Ungarin, aber zuhause sprechen sie Rumänisch. Nach der Morgenjause zeigt er mir das Haus, die Schweine und die Hühner, die frei im Garten herumlaufen. „Ohne Fleisch kein Preisch“ (ASTERIX, Tour de France) witzelt er, während er auf die Schweine zeigt, die sehr gut aussehen, rosafarben und gesund, das Fell geradezu rosig. Das ist sein zweiter Beruf: Bauer für den Eigenbedarf, er säubert den Stall, räumt den Hühnerdreck weg, ohne Fleisch kein Preisch.
Er schüttet über die Kartoffeln im Schweinekoben ein Gemisch aus Weizen, Mais, Gerste, das er in dem landwirtschaftlichen Verein mahlen lässt. Der Winter steht vor der Tür, und wir kommen auf die steigenden Heizkosten zu sprechen. Ich erzähle, dass ich 150 Euro pro Monat für Strom und Gas ausgebe. Gas ist auch hier teuer, deswegen heizt er mit Holz, das spaltet er auch selber, das hält ihn fit. 100 – 120 RON (300 Euro) kostet das Holz für den ganzen Winter, Gas das doppelte. Im Sommer sind die Schweine auch im Hof und suhlen sich im Schlamm, jeden Tag kocht er ihnen Kartoffeln und streut sein Gemisch darüber – das schmeckt den Schweinen.
Wir steigen in den Mikrobus und machen uns auf, in den Dörfern die letzten evangelischen Seelen für den Gottesdienst einzusammeln. 1. Station: Vistea. Als wir eine schmale Schotterstraße hügelan fahren und zuhends an Höhe gewinnen und auf den gestauten Alt-Fluss (rum. OLT) blicken, der unter Ceauşescu aufgestaut wurde, deutet Michael Reger hinunter auf die Stadt Victoria: „Da lebten noch vor 20 Jahren an die 1000 Sachsen, 400 in der evang. Gemeinde organisiert, heute sind es vielleicht 20 Seelen! Die 2. und 3. Geborenen der Gemeinden umher sind früher sehr oft nach Victoria gegangen, der Erstgeborene bekam ja den Hof und blieb dort!“ Wir werden von einer Ziegenherde auf der Schotterstraße aufgehalten. Die gehört einem Aussiedler, der zurückgekehrt ist, ein Sachse, der auch eine Forellenzucht eröffnet hat. In der Tat kommen immer mehr Aussiedler wieder nach Rumänien zurück, der Wirtschaftsclub von Hermannstadt hat sogar eine Agentur für Heimkehrer eingerichtet. Der Forellenzüchter ist mit einer Rumänin verheiratet. Man sieht, die Nationalitäten haben sich längst miteinander vermischt. Das war nicht immer so. „Durchmischen war früher nicht so üblich“, erklärt Herr Reger, „weil die Kirche dagegen war. Die rhetorischen Floskeln, die die Durchmischung der Gesellschaft verboten, fraßen sich in die Köpfe: was passiert mit dem Kind? Welche Religion nimmt es an, die der Mutter oder die des Vaters? Welche Sprache spricht es, die der Mutter, die des Vaters?“ Diese Fragen wurden nach der Revolution von der Globalisierung von selbst beantwortet: es spielt keine große Rolle mehr. Ich denke an den Küster Hermannstadts, ein Deutscher, der nach Rumänien ausgewandert ist (es geht auch umgekehrt) und eine Rumänin geheiratet hat, mit der er sich auf Englisch unterhält. „Die Durchmischung war früher theoretisch denkbar, praktisch aber kaum praktiziert. Kerz war da eine Ausnahme“, erklärt Herr Reger und lenkt den Wagen unter eine über die Straße gebaute Skulptur. Wir fahren in den Kreis Kronstadt (Braşov) ein. Als ich den rumänischen Namen Braşov ausspreche, weist mich der Michael Reger zurecht: „Das heißt Kronstadt, Braşov, zur Kommunistenzeit auch Oraşul Stalin genannt.“ Wir schnallen uns hastig an, bei einer Tankstelle am Straßenrand stehen Polizisten vor einem Polizeiauto. Verkehrskontrolle. „Wie immer zu dritt“ scherzt Herr Reger, „einer kann lesen, einer kann schreiben, der Dritte bewacht die Intelligenzbestien.“ Was machen die Gläubigen, wenn er einmal zu spät kommt, will ich wissen. Die Leute warten, sie wissen, dass er kommt. Wir werden von der löchrigen Schotterstraße durchgerüttelt. „Heute sind die Straßen gut“, meint Herr Reger. Das war nicht immer so, einmal ist er bei 20 Grad Minus mit dem Mikrobus hängengeblieben, zum Glück hatte er genügend Diesel im Tank und konnte heizen. Es dauerte drei Stunden bis die Helfer einen LKW fertig hatten, da sie den Laster vorher noch mit einer Tonne Kunstdünger beschweren mussten, weil er sonst zu leicht für den Hinterradantrieb gewesen und sonst abgerutscht wäre. Dann haben sie ihn rausgeholt. Einmal ist der Wagen hängen geblieben, und er konnte niemanden auftreiben, der ihn abgeschleppt hätte, und er hat den Wagen erst nach drei Wochen, nachdem es getaut hatte, wieder abgeholt. 

Fortsetzung folgt 

7. Jänner 2009

weblog teil 22

DIE LETZTEN SEELEN 

Den Wegrand säumen jetzt Männer mit Patronengürteln und Waffen in der Hand. Einer hält sich das Ziehlrohr seines Gewehrs ans Auge. An diesem prachtvollen, sonnigen Sonntag sind auch die Jäger unterwegs, sie schießen schon mal ein Reh oder einen Hirschen, wenn keiner hinschaut, manchmal machen sie auch Treibjagd auf Wildschweine. Wir nehmen die letzte Kurve vor dem Dorf Vistea, unserer ersten Station. „Hier bin ich vor 10 Jahren gemeinsam mit meinem Vater hängen geblieben.“ erinnert sich Herr Reger. „Ich stieg aus und schob hinten an, da holte ich mir nasse Füße und musste in diesen tropfenden Schuhen den Gottesdienst halten.“ Wir läuten beim Haus der Frau Alida an, die im November ihren 78. Geburtstag gefeiert hat. Nach schier endlosen Minuten öffnet sie endlich, sie hat uns nicht gehört. Frau Alida ist ganz verstimmt wegen einem Arbeiter. Sie ließ aus Schutz gegen die Nässe Beton an die Hausmauer schütten, aber der Arbeiter hat es schlecht gemacht und auch das Beet der Reebstöcke mit Beton übergossen. Nicht jeder hat in diesem Dorf fließendes Wasser, das Wasser in die Dörfer einzuleiten hat schon zwei bis drei Monatslöhne gekostet. „Es gibt welche, die haben nicht einmal ein richtiges Klo“, meint Michael Reger und spielt auf die Roma an, die einige unbewohnte und verlassene Häuser des Dorfes in Beschlag genommen haben. Wie sie mit den Zigeunern auskommen? Ganz gut, eigentlich, sie brauchen uns, und wir brauchen sie. Worfür, will ich wissen. Sie erledigen Hilfsarbeiten, Maurerarbeiten, reparieren und helfen bei der Ernte etcetera.
2. Station: Martinsberg. „Die einen sagen, es ist am A…ndern Ende der Welt, die andern meinen: am Busen der Natur.“ Zwei Seelen warten schon auf uns, ein vielleicht 55-jähriger Mann, der hier wohnt, und eine Frau, alle vier Kinder in Deutschland. 3. Station ist Braller. Wir fahren an einem besoffenen Hirten vorbei, der uns am Straßenrand entgegentorkelt. „Oje, oje, die Gais ist weg“, singt Herr Reger, das sei ein Lied, das man in Österreich und auch bei den Landlern gesungen habe. Ein herrenloses Pferd läuft uns entgegen, wir kurven durch ein Waldstück, an einem Holzlager vorbei, am Rand des Waldwegs ist das geschlagene Holz hunderte Meter lang gestapelt, es muss von einem Holzwächter bewacht werden, damit es nicht geklaut wird. 4. Station: Gürteln. Früher lebten hier über 400 Sachsen, jetzt sind es nur noch eine Handvoll. Im Inneren des Wagens entspinnt sich eine lebhafte Diskussion über einen Spekulanten, der Gerüchten zufolge durch die Dörfer fährt und in der Gegend jeden Hof aufzukaufen versucht, den er in die Finger bekommt. 50 Millionen alte Lei, das sind 5000 neue Lei (1250 Euro), soviel hat der Spekulant einer alten Frau angeboten, ärgern sich die Alten. Unter Ceauşescu haben die Leute einen hohen Preis für ihre Ausreise bezahlt. Etwas mehr als 1000 Mark, genau 30000 alte Lei zahlte der Staat als Höchstpreis für die Übernahme des Hofes. Jetzt wollte ein Interessent einen heruntergekommenen, ausgeplünderten Hof kaufen. Er wurde bei einer Versteigerung angeboten, und das Bürgermeisteramt, das den Hof verkaufte, hat durch einen Strohmann mitgehandelt und den Kaufpreis so hoch hinaufgetrieben, dass er schließlich bei etwa 10 000 Euro lag. So verdient der rumänsiche Staat noch einmal ordentlich mit an dem Geschäft mit den verlassenen Höfen. 
5. Station Tarteln. Hier wird der Pfarrer den Gottesdienst halten. Die Dachrinne der Kirche ist neu und glänzt in der Spätherbstsonne. Mir gefallen die Leder-Schnürstiefel der alten Frauen, die über die Knöchel reichen und die man heute wahrscheinlich gar nicht mehr bekommt. Die Alten tragen Kopftücher, nur ein junges blondes, hinkendes Mädchen trägt keines. Früher trugen die unverheirateten Mädchen zur Kirchentracht den Borten. Während des abwechselnd auf Sächsisch, Deutsch und Rumänisch abgehaltenen Gottesdienstes erinnert Herr Reger an das nahe Endes des Kirchenjahres und spricht über den Schnitter Tod, der am Ende des Lebens die Ernte einbringe. Nach der Messe werden pro Person drei Lei für das Deutsche Forum, der Interessensvertretung der Siebenbürger Sachsen, eingesammelt. Tante Alida spendet anlässlich ihres Geburtstages sogar 200 Lei. Bevor die versammelte Gemeinde aus der kalten Kirche nach draußen in die warme Mittagssonne strömt, entschuldigt er sich dafür, dass er den versprochenen Liter Speiseöl im Auto vergessen hat. Pro Kopf soll jede „Seele“ einen Liter Speiseöl bekommen, das in Deutschland gespendet und über einen Hilfsverein nach Rumänien transportiert wurde, so wie der Mikrobus und auch die Winterreifen. An der Kirchenmauer staut sich die spärliche Wärme der müden Wintersonne, und die alten sächsischen Frauen stellen sich in einer Reihe in das helle Licht, man tauscht die letzten Neuigkeiten aus und fixiert den Ort des Gottesdienstes für die letzten Wochen vor Weihnachten. Eine Sächsin beklagt sich, dass ein Aussiedler aus Deutschland im Dorf einen Hof gekauft hätte und mit den Zigeunern immer Radau mache. Der übliche Tratsch nach dem Gottesdienst. Auf der Rückfahrt leert sich der Mikrobus genauso unscheinbar und alltäglich wie er sich gefüllt hatte. Michael Reger erzählt, dass er Angebote aus anderen Gemeinden gehabt hätte, wo er an einem einzigen Ort tätig sein und eine ruhigere Kugel schieben hätte können. Allein, er will es so, der mühsame mobile Dienst von Dorf zu Dorf gefällt ihm, er will nichts anderes machen. Und er ist mit Leidenschaft dabei.
Als einer der letzten Gläubigen im Inneren des Wagens von einem Mann aus Martinsberg erzählt, der von einem Aussiedler einen Hof gekauft und als Anreiz auch noch den Grabplatz versprochen bekommen hätte, wird Herr Reger richtiggehend wütend: „Wie kann er so etwas behaupten: ´Und meinen Grabplatz kannst du auch noch haben!´ Wie kann er das behaupten, der Grabplatz gehört ihm doch nicht, der gehört der Kirche! Das ist wie bei Christoph Martin Wielands Geschichte über den Prozess um des Esels Schatten: als sich der zufriedene Käufer eines Esels nach abgeschlossenem Geschäft unter den Schatten des Tieres gelegt hatte, behauptete der Verkäufer des Esels erbost, der Käufer müsse für den Schatten extra zahlen – vom Schatten sei nicht die Rede gewesen.“ 
Nachdem wir Frau Alida, die letzte Seele, wieder abgeliefert haben, ist der Arbeitstag Michael Regers noch immer nicht zuende. Zwei Geburtstage muss der Kirchenmann heute noch absolvieren, ein Sachse wird heute 89 Jahre alt, da muss er hingehen und gratulieren. Wieder zuhause muss er noch den Hühnern ihre Körner ausstreuen und sie hinterher in den Stall scheuchen. Sonst fallen sie vom Fleisch – und ohne Fleisch kein Preisch. Wenn er endlich Feierabend hat, packt er sich die Fernbedienung, und liest sich im Teletext die Neuigkeiten durch, mal sehen, was der Springer dazu sagt. Und dann sieht er fern, am liebsten Snooker, denn das ist so schön beruhigend.
Nachdem ich mich freundschaftlich verabschiedet habe, warte ich an der Station von Kerz auf den Lokalzug zurück nach Hermannstadt, während das frei herumstreunende Pferd noch immer am Brachland grast. Es ist Sonntagabend, und der Zug ist überfüllt mit jungen Studenten, die schwer bepackt mit prall gefüllten Taschen aus den Dörfern vom Land zurück in die Stadt fahren. Ihre Eltern und Großeltern haben ihre Taschen mit Wurst und Fleisch der Schweine vom Hof vollgestopft, dazu Gemüse, Milch und Wein aus den hauseigenen Kellern in umfunktionierte Zwei-Liter-Coca-Cola-Plastikflaschen gefüllt, die aus den Sporttaschen hervorlugen. Die meisten von ihnen sind Rumänen, denn die Enkel der letzten sächsischen Seelen sind zum großen Teil längst in Deutschland, während ihre Großelten indessen vergeblich darauf warten, ihnen ihre Taschen vollfüllen zu können, damit sie auf ihrem Weg in die Zukunft unterwegs nicht verhungern. 

13. Jänner 2009

weblog teil 23

Vlad und das Neuland 

Vlad ist in die Jahre gekommen. Er ist ein gehetzter Untoter, und auch das Versprechen des ewigen Lichtes, dass seine gebrechliche Hütte, sein von Lastern und Lüsten gequältes Körpergestell eines Tages im großen, luftigen Dorf jenseits des Flusses Erlösung und Einlass finden könnte, hat er längst aufgegeben. Er ist nicht mehr auf Abenteuer aus, und auch wenn er bisweilen den jungen Geschöpfen auf ihre weißen, zarten Hälse blickt, hat er sich damit abgefunden, dass auf ihn nicht mehr viel Neues wartet, obwohl in seinen Adern das Blut von Abenteurern, Verführern und Eroberern fließt. Sie alle einte das Verlangen, die Angst vor dem Unbekannten zu überwinden, sich in die Welt zu werfen, neue Länder zu entdecken, Jungfrauen weiß wie Neuschnee zu deflorieren oder unerprobte Heerscharen auf unbeschrittenen Gefielden niederzumetzeln. 
Für ihn gibt es kein Neuland mehr zu betreten, zu erschöpft scheint ihm seine Welt, zu erschöpft ist er von der unaufhörlichen Flucht auf rastloser Suche nach frischem Blut. Er möchte keine neuen Länder mehr bereisen, die Erinnerung an seine glänzenden Bankette ist ihm genug, in Schlachten zu ziehen, fehlt ihm die Kraft, und obendrein wüsste er nicht, aus welchem Grund und für wen er in die Schlacht ziehen sollte. Somit scheint ihm nur das Alte, Bekannte und die Erinnerung an vergangene Zeiten übrig zu bleiben. 
An manchen Tagen jedoch, und er spürt das Heranrauschen dieses Verlangens wie das frühlingshafte Erwachen schon für tot erachteter Gelüste, überkommt ihn der Wunsch, Neuland zu betreten, und er wirft sich in seinen besten, schon etwas nach Mottenkugeln riechenden Anzug, spannt seine Pferde vor den Wagen und macht sich auf in die Stadt und durchpflügt ihre Straßen in der Hoffnung fündig zu werden. Er streckt dabei seine Nase in den Wind, denn er kann den Geruch des Neulands in der Stadt von weitem riechen, ein Hai der Großstadt, der das Blut der City bereits in verdünntester Form zu wittern versteht, so streift er durch die Stadt, bis ihm der Geruch nach Teer in die Nase steigt. Er nimmt die Witterung auf und entdeckt die Teermaschinen und Straßenwalzen, die ihm durch ihren köstlichen Kaffeeduft der Straßenbaumeisterei das Herz höher schlagen lassen. 
Er beobachtet von der anderen Straßenseite, wie die Arbeiter einen Straßenabschnitt mit Teer begießen und mit der Walze glatt walzen, das gewonnene Stück Neuland mit Klebeband absperren und sich dem nächsten Block zuwenden, als Vlad seine Beine in die Hand nimmt, unter die Absperrung hindurchkriecht und von einer Seite der frisch geteerten Fläche zur anderen auf einem Bein springt, wobei er über die Leichtigkeit seines Körpergewichts in Verzückung gerät, da ihm dieses Abenteuer geradezu Flügel zu verleihen scheint. Ja, leicht wie ein Vogel erscheint ihm sein gequälter Körper. Trotzdem erreicht er das andere Ende der Absperrung schnaufend und ist erleichtert, wenn er wieder die alte, löchrige Asphaltstraße unter den Füßen spürt, nachdem er mit letzter Kraft unter dem Klebeband hundurchgekrochen ist. 
Vlad wirft einen letzten, zufriedenen Blick auf die, ihn an das Muster einer Krähe erinnernde Vogelspur, die er glaubt auf dem Asphalt hinterlassen zu haben, als er einen der Arbeiter in seiner neongelben Jacke auf ihn zukommen sieht und sich aus dem Staub macht. Der Arbeiter bückt sich und hebt eine mit Teer verklebte Schöpfkelle auf, die er an dieser Stelle liegengelassen hat, als er die seltsamen Fußabdrücke auf dem frisch geteerten Asphalt erblickt. Schau dir dieses Schwein an, denkt der Arbeiter bei sich und starrt auf die tiefen, schweren Abdrücke im warmen und weichen Belag, dreht sich zu seinen Kollegen und schreit ihnen zu: Kommt her, ich muss euch etwas zeigen! 

4. Februar 2009

weblog teil 24

Vlad und die Rechnungen zwischen den Buchdeckeln 

Vlad fragt sich, wie ein zusammengeknülltes Tabu aussehen könnte. In diesem Fall liegt das Tabu zwischen den Plastikrücken eines weinfarbenen Büchleins in Form einer Rechnung für das Abendessen im Restaurant, welche Vlad mitunter aufsucht, wenn er auf seinen Streifzügen durch das Land müde geworden einkehrt. Er hat die Hoffnung auf einige Liter Realität aufgegeben und sich stattdessen der Ciorba und dem Rotwein zugewandt. Er denkt an die großen Tischgesellschaften, denen er vor Jahrhunderten beigewohnt hat und bei deren Auflösung Berge von zerknüllten oder beschrifteten Scheinen in der Mitte der Tafel aufgehäuft wurden. Im Anblick der zwischen den Buchdeckeln versteckten Rechnung erscheinen ihm diese, in früheren Zeiten sorglos aufgehäuften Banknoten (als hätten Kinder aus Papierschnitzeln Kindergeld gebastelt, und vielleicht waren sie auch Kinder) gerade durch ihre überwältigende materielle Präsenz eine Parodie auf ihre im Laufe der Jahrhunderte errungene Wichtigkeit. In jenen vergangenen Zeiten war das von den Kellnern bisweilen mit Kehrbesen oder kleinen Rechen eingesammelte Geld noch eher Papier denn göttliches Tabu, doch von den großen, ausladenden Tischgesellschaften ist nichts mehr zurückgeblieben als ein unsichtbarer, melancholischer Nachgeschmack. Heute sitzt Vlad in Gesellschaft seiner Erinnerungen alleine am Tisch und starrt auf das Tabu zwischen zwei Plastikbuchdeckeln vor ihm. Er hat schon mehrere Versuche unternommen, die Pflicht zur Diskretion zu unterlaufen, indem er das Geld auf das Büchlein oder, nachdem er die Rechung herausgenommen hatte, neben das Büchlein gelegt hat. Als wäre das Plastikbüchlein mit Knoblauch bestrichen, legte er Geld und Rechnung bisweilen an das eine Ende und das Mäppchen an das andere Ende der Tafel. Doch ohne Erfolg, kam doch das Wechselgeld immer auf der Rechnung liegend zwischen den Buchdeckeln zurück. Vlad verharrt noch einige Minuten auf dieses Tabu starrend in seinen redundanten Gedankengängen, um sich schließlich zu fragen, ob es nicht auch auf ihn zuträfe, dass er, je unsichtbarer er mit den Jahren geworden war, umso mächtiger geworden sei, und was für eine Konsequenz diese Erkenntnis auf seine Existenz hätte. Er trinkt den letzten Schluck des schweren, blutroten Weines, und erhebt sich voller Dankbarkeit, denn er hat die Hoffnung wiedergewonnen, dass seine nun schon Jahrhunderte währende Abwesenheit seine Macht nicht verringert, sondern eher vermehrt hätte. Er wirft sich sein schwarzes Cape um die Schulter und lächelt der Kellnerin mit seinen Wolfzähnen ein letztes Mal zu und freut sich auf sein kaltes Bett im Keller. Nachdem er das Restaurant verlassen hat, geht die Kellnerin an seinen Tisch, um zu überprüfen, ob der seltsame Gast überhaupt ausreichend Geld zwischen den Buchdeckeln hinterlassen habe. Sie nimmt das Geld, zählt es und steckt das großzügige Trinkgeld verschämt ein, dann schließt sie das Mäppchen, auf dessen weinroter Vorderseite in goldenen Lettern geschrieben steht: Merci. 

9. Februar 2009

weblog teil 25

Vlad und die Dreharbeiten 

Er ist ruhelos wie alle Untoten, doch sein Inneres scheint perforiert wie die Ränder all der Filme, die über ihn gerollt sind. Kaum sieht er etwas Bemerkenswertes, kommt ihm eine Szene aus einem Film in den Sinn, und so scheint seine Ruhelosigkeit im tiefsten Inneren wie eine Verfolgungsjagd der bereits vorgefertigten, von Bildschirmen und Leinwänden flatternden Erlebnissen, die der unmittelbaren Empfindung und Wahrnehmung hinterherjagen wie in einem Slapstickfilm von Buster Keaton. Wird ihm diese innere Raserei endlich unerträglich, drängt es ihn schließlich nach draußen, um auf Spaziergängen, die für ihn in Wirklichkeit Irrgänge sind, Ruhe zu finden. Doch wie schockiert ist er, als er auf dem großen, alten historischen Platz im Zentrum der Stadt – er erschien ihm schon immer wie eine behutsam geöffnete Schatulle, die im Gegensatz zu der von Rohbauten und Betonruinen gesäumten Vorstadt wie eine historische Filmkulisse für einen Kostümfilm wirkt – die klobigen Scheinwerfer eines Filmsets erblickt. Das Entree eines barocken Palastes, in dessen Erdgeschoss sich die Touristeninformation befindet, wurde von den Filmleuten in den Eingang eines Kinos (über der Tür hängt ein von grellen Glühbirnen gesäumtes CINEMA-Schild) umfunktioniert. Davor steht ein weinroter Oldtimer, der immer wieder vorfahren muss, wodurch er die ganze Szenerie ins Lächerliche zieht. (Zum Ärger des Regisseurs ist auch noch zu wenig Rauch vor das Kino geblasen worden.) Doch wie erschüttert ist Vlad, als er – nach unzähligen erfolglosen Anläufen – den Dracula-Darsteller an der Seite einer weiß gekleideten Blondine aus dem Oldtimer steigen sieht. Er fühlt sich beleidigt, als hätte ihn jemand nachgeäfft und kehrt dem Set erbost den Rücken. Als er sich von dem Drehort enfernt, hört er hinter sich den Regisseur, begleitet von hektischen künstlichen Stimmen aus dem Walkie-Talkie, mit einer kratzenden Stimme durch ein Megafon schreien. Für einen Moment beschleicht ihn das Gefühl, er würde einen Exerzierplatz oder einen von der Polizei abgeschirmten Tatort hinter sich lassen, und er beschleunigt seine Schritte, da er Uniformen noch nie ausstehen konnte. 
Die folgende Nacht schläft er unruhig und dreht sich immer wieder in seinem Sarg um, er wird den Verdacht nicht los, er sei längst ein Simulacrum seiner Selbst, und seine Kopie sei nicht nur wirklicher, sondern auch aktiver als er selbst. 
Als er auch am nächsten Tag keine Ruhe findet, flüchtet er sich in den Wald, da er sich vor den Kabelschlingen der elektrisierten Welt zwischen den Bäumen in Sicherheit wähnt. Doch wie erschüttert ist er beim Anblick des Tisches, den er mitten auf einer lichten Anhöhe im Wald entdeckt – wie gerne wäre er tatsächlich zu Tode erschrocken, damit ihm endlich solche Erlebnisse erspart blieben: Der hohe Kaffeehaustisch ist mit einer langen, weißen Tischdecke bedeckt, auf der zwei Teespender aus Aluminum stehen. Er kommt näher heran und blickt sich um, schon sieht er wieder von weitem die weiß leuchtenden Scheinwerfer neben schwarzen Stellwänden und hört das Gebrüll des Regisseurs. Er gerät beim Anblick der Dreharbeiten, die ihn zu verfolgen scheinen – diese Verfolgungsjagd ist spannender als die in dem Film gezeigte – derart in Rage, dass er die Anhöhe hinaufsteigt und die unbeobachtet gelassenen Teespender wütend umstößt, sodass sie auf den gefrorenen, schneebedeckten Waldboden fallen. Doch als aus einem der Hähne die rote Flüssigkeit des Früchtetees in den Schnee tropft, gewinnt er auf einmal seine alte, jahrhundertealte Ruhe wieder und geht ruhiger und gelassener seiner Wege, nachdem er den blutroten Tee im Schnee so lange beobachtet hat, bis er satt geworden ist. 

Sibiu, 11. Februar 2009

weblog teil 26

Vlad und die kleinen Siege 

Es ist gewiss, dass Vlad vom Schlaf untertags nicht ebenso erfrischt erwacht wie die Lebenden, auch wenn jene bereits zu den Toten gehören. Der Status des Untoten (wie der jedes Helden) scheint ihn über die Jahrhunderte erschöpft und nicht einmal der Schlaf bis in den Abend hinein, wenn die Sonne bereits untergegangen ist, scheint ihn so zu erfrischen, dass er ohne Hilfsmittel auszukommen scheint. Das Hilfsmittel nennt sich Kaffee, doch ist Vlad in gleicher Weise den Wesensbestimmungen der Objekte unterworfen. Stoff ist auch in seinen Händen Stoff und Glas Glas, das zerspringen kann, und so kommt es vor, dass die Glaskanne seiner Kaffeemaschine von einem Tag auf den anderen zerbrochen ist. Er weiß nicht warum, und er kann sich diese stoffliche Veränderung nicht erklären, es muss so sein, dass auch die normalen Gegenstände des Alltags ihr Eigenleben führen, das ihn nichts angeht und in das er sich nicht einmmischt, solange die Gegenstände ihre Aufgabe erfüllen (er spricht hier nicht von den Worten, die diese Gegenstände bezeichnen, denn dies ist eine andere Geschichte, mit der er sich sein Leben lang herumgeplagt hat, und jetzt, nach Jahrhunderten noch immer auf keinen grünen Zweig gekommen ist, ein neuerlicher Beweis der Unzulänglichkeit der Sprache in der diesseitigen Welt, denn was hätte es ihm eingebracht, wenn er jetzt auf einem grünen Zweig im Hofgarten seiner jahrhundertealten Burg säße und trotzdem noch immer nicht den Unterschied zwischen den Gegenständen und den ihnen hilflos zugeteilten Begriffen beschreiben könnte) und sich nicht gegen ihre Zwecke auflehnen, wie es in diesem Fall die Glaskanne der Kaffeemaschine tut, die über Nacht einen Sprung bekommen hat, sodass sich Vlad verzweifelt um einen anderen Behälter in den das köstliche Schwarz des Kaffees (es ist seine zweite Lieblingsfarbe nach der Farbe Rot) rieseln könne. Ein derartiger Gegenstand in Form einer Tasse ist leicht gefunden, doch wie kann Vlad den Filter dazu bringen das schwarze Versprechen aus seinem Palstikhals in die Kaffeetasse zu ergießen, wenn eine hinterlistig konstruierte Feder die Flüssigkeit am Ausrinnen aus dem Filter ohne die daruntergeschobenen Kanne hindert? Er muss sich jetzt, so sehr ihm die wütende Ingenieurstätigkeit des modernen Lebens zuwider ist, dazu aufschwingen eine Konstruktion zu ersinnen, um die zerbrochene Kanne zwar unter den Filter zu schieben, in die Kanne aber eine Tasse als Unterseeboot einzuschwindeln, da sonst der Kaffee in die lecke Kanne tropfen und somit seinen Küchentisch mit einer schwarzen Flut überschwemmen würde, anstatt sein ohnehin schwach pulsierendes Blut wieder in Schwung zu bringen. Schließlich gelingt es ihm eine geeignete schmale und schlanke Tasse derart in der lecken Glaskanne zu versenken, und die gesamte Konstruktion mit Deckel unter den Plastikfilter zu schieben. Schon beginnt die Kaffeemaschine zu schnaufen, und Vlad verfolgt mit einem Gefühl der Genugtuung die dicken schwarzen Tropfen Kaffee, die sich unbeirrt aus dem Plastikfilter in die in der lecken Glaskanne eingesenkte Kaffetasse ergießen. In diesem Moment des Triumphes vergisst Vlad, dass sich in diesem Fall die Kaffeetasse für den heruntertropfenden Kaffee in eine Kaffeekanne und die Kaffeekanne in eine Vitrine, durch die dieser Prozess beobachtet werden kann, verwandelt hat. In so einem Moment des kleinen Sieges jedoch, spielt es für Vlad am Ende keine Rolle, dass die Bedeutung der Objekte am Ende nicht nur bedeutungslos, sondern auch sinnlos geworden ist. Das (für Vlad ein undenkbarer Begriff) Experiment ist geglückt, auch wenn sich der schwarze Kaffee längst im roten Blut von Vlad verflüchtigt hat, und jetzt, nach Einbruch der Dunkelheit, endlich die Müdigkeit aus seinem Körper gewichen ist. 

21. Februar 2009

weblog teil 27

Vlad und das Trinkgeld 

Es gibt Momente, da findet sich Vlad als sein eigener Zuseher wieder, der immer wieder vor- und zurückspult und die Zukunft in einer Folge von Überarbeitungen, Abänderungen und Revisionen so lange variiert, bis er sich ganz zerfressen und zerstreut wie eine zersprungene Glaskugel (eine wie sie Hellseher verwenden) fühlt. Dies passiert ihm mitnichten bei den schwierigsten, folgenreichsten, zufälligen Ereignissen und Abenteuern, die gewichtige Entscheidungen erforderten, sondern bei den alltäglichsten Handlungen wie dem Trinkgeldgeben heute Abend. Die Rechnung beträgt 23,50 Lei (Es ist 23:30, und wenn er diesen Gedanken zuende gedacht hat, wird es 23:50 sein [und er wird wissen, was der Unterschied zwischen einem Beistrich und einem Doppelpunkt ist]), und er bezahlt mit einem hunderte Lei Schein. Sein erster Impuls sagt ihm: Lass die 5er Note liegen. Schon will er zufrieden über seine Großzügigkeit aufstehen, als ihm das Trinkgeld überhöht erscheint. Er sucht in seinem Anorak nach Münzen, um die vom Kellner herausgegebene 1 Lei Note mit Münzen zu einem in allen Reisführern empfohlenen, wohl bemessenen 10 prozentigen Trinkgeld aufzufetten. Doch auch das stellt ihn nicht zufrieden. Vlad spult in seinem Inneren zurück, da ihn ein Ekel über seine eigene Kleinbürgerlichkeit befallen hat, und lässt die 5 Lei Note nun schließlich doch liegen. Die ursprüngliche, unmittelbare Begeisterung über seine eigene Großzügigkeit, die er zunächst am ganzen Körper verspürt hat, ist jedoch mit einem Schlag einem von seiner Kleinbürgerlichkeit herrührenden schalen Nachgeschmack gewichen. Nichts mehr ist von der adeligen Großzügigkeit seines jahrhundertealten Fürstengeschlechtes übrig geblieben. Wutenbrannt steht er auf, verschließt seine Faust über der 5 Lei Note, zerknüllt sie und wirft sie über seine Schulter nach hinten an die Wand, wie es die Russen auf feuchten Festen mit den Champagnergläsern machen. Als er draußen vor dem Wirtshaus seinen Mantelkragen hochschlägt und in die eisige Nacht davongeht, verspürt er auf einmal eine milde Zufriedenheit in sich aufsteigen. Eins mit sich selber und glücklich über die List, mit der er sich selber überrumpelt hat, schreitet er in der Dunkelheit davon und würdigt die Auslage, in der sich Videorecorder, Hifi-Geräte und Computer stapeln, nicht eines Blickes. 

24. Februar 2009

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