Krise der Männlichkeit

Die Suche nach einer neuen Maskulinität

Radiokolleg, 8.-11.11.2021, ORF, Ö1, Gestaltung: Johannes Gelich

greek man without penis

Spätestens mit dem Ende der 1990er Jahre sind der Mann und die Männlichkeit, wie einschlägige deutschsprachige Medien behaupteten, in eine tiefgreifende Krise geraten: „Problemzone Mann“, „Die Krisen des Mannes“, „Angeknackste Helden“, „Krise des weißen Mannes“, „Eine Krankheit namens Mann“, „Verdammt, wo bleibt die Männlichkeit“ sind nur einige der Überschriften von Artikeln, die zwischen 2000 und 2005 publiziert worden waren. Das 2003 erschienene Buch „Keine Zukunft für Adam“ des Humangenetikers Bryan Sykes prophezeite gar das Aussterben des männlichen Geschlechts in 125.000 Jahren, da das männliche Y-Chromosom nur eine degenerierte Variante des weiblichen X-Chromosoms sei und in Zukunft nur noch schädliche Mutationen hervorbringen werde.

In den Geisteswissenschaften begannen sich Autoren und Autorinnen ab den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts mit Konzepten von toxischer Männlichkeit zu beschäftigen, auf die männliche Herrschaftsansprüche fußten: Klaus Theweleit beschäftigte sich mit seinem 1977 erschienenen Monumentalwerk „Männerphantasien“ mit dem Phantasma des männlichen Körperpanzers als Grundlage für die soldatische Identität, Judith Butler veröffentlichte 1993 „Bodies that matter“ über das Konzept patriarchaler Männlichkeit und Pierre Bordieu thematisierte in seinem 1997 erschienen Werk den Zusammenhang zwischen männlicher Herrschaft und der Unterwerfung der Frauen.

Im Zeitalter von #metoo und Feminismus scheint immer klarer zu sein, welche Form von Männlichkeit heute überholt bis unerwünscht ist. Gerade in der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts scheinen hierarchische, leadership-dominierte und als typisch männlich bezeichnete Top-Down-Konzepte der Betriebsführung überholt. Vielmehr seien, so meinen einschlägige ExpertInnen, immer stärker soziale Kompetenz, Kooperationsbereitschaft, Vernetzung, Dialogbereitschaft und flache Hierarchien gefragt. Diese Kompetenzen werden von vielen ExpertInnen vermehrt den Frauen im Firmen-Management zugeschrieben. Doch sind derartige Zuschreibungen nicht auch längst überholte Klischees? Sind die Männer von heute tatsächlich noch immer einem überholten Selbstverständnis von Männlichkeit verpflichtet? Wirken die Männer nicht längst an einem pluralistischen Konzept von Männlichkeiten mit, in dem Männlichkeit (genauso wie Weiblichkeit) als soziales Konstrukt begriffen wird? Doch wann ist im 21. Jahrhundert ein Mann ein Mann?

Und inwieweit haben männliche Kinder und Jugendliche in Zeiten von fehlenden männlichen Pädagogen in Kindergärten und Schulen, oft erzogen von alleinerziehenden Müttern, überhaupt männliche Vorbilder, an denen sie sich reiben können? Das Bild des tollpatschigen Mannes, das in der heutigen Werbung gerne bedient wird, dem die Frau von heute zeigen muss, wos lang geht, scheint dabei auf der Suche nach einem positiven Bild von Männlichkeit nicht gerade hilfreich zu sein.

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