{"id":228,"date":"2014-03-26T14:18:55","date_gmt":"2014-03-26T12:18:55","guid":{"rendered":"http:\/\/johannesgelich.com\/wp\/?page_id=228"},"modified":"2022-10-10T16:23:00","modified_gmt":"2022-10-10T14:23:00","slug":"nach-ostland-wollen-wir-reiten","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.johannesgelich.com\/wp\/artikel\/nach-ostland-wollen-wir-reiten\/","title":{"rendered":"NACH OSTLAND WOLLEN WIR REITEN"},"content":{"rendered":"<p><em>Am 28. August 1944 geriet mein Gro\u00dfvater bei den rum\u00e4nischen Erd\u00f6lfeldern von Ploie\u015fti in russische Kriegsgefangenschaft. Es folgte die Deportation in das an der Wolgam\u00fcndung gelegene Kriegsgefangenenlager Astrachan, wo er im J\u00e4nner 45 starb. Auf Spurensuche eines ganz normalen Soldaten-Schicksals.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Von Johannes Gelich<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Zug die letzten Meter in die Station des Bahnhofs Ploie\u015fti gleitet, hebt das flache, gelbe Winterlicht den morgendlichen Schleier von den K\u00fchlsilos der Raffinerien. Die Metallkonstruktionen der Erd\u00f6lanlage erscheinen wie unverst\u00e4ndliche Gebilde der erst kommenden Zeit, hier wird das Holz gesammelt, das der H\u00f6hlenbewohner im Herbst f\u00fcr den Winter zusammentr\u00e4gt. Keine Menschenseele zeigt sich auf dem Gel\u00e4nde der Petrom-Raffinerien, die menschliche Energie, die in dieser Anlage steckt, scheint wie vergessen.<br \/>\nDie Figur meines Gro\u00dfvaters bildet eine Leerstelle in meinem Leben, \u00fcber die Stationen seiner letzten Reise kann ich nur Mutma\u00dfungen anstellen. Ein Schleier liegt \u00fcber den letzten Monaten dieses Lebens, ein Schleier, den auch diese Reise nicht ganz zur Seite wird heben k\u00f6nnen.<br \/>\nEs f\u00e4llt mir schwer, Mitleid mit ihm zu empfinden. Er und seine Br\u00fcder, vor allem der \u00e4lteste, Michael Friesacher, illegaler Nationalsozialist, Landesbauernf\u00fchrer und 1944 in Salzburg zum SS-Sturmbannf\u00fchrer ernannt, die Ahnen der ber\u00fchmten Salzburger Gastwirtschaftsdynastie, waren \u00fcble Nutznie\u00dfer des Systems: die von meinem Gro\u00dfvater als Teilhaber mitgef\u00fchrte Getreidefuttermittel-Firma stellte 1938 Antr\u00e4ge auf Arisierung einer j\u00fcdischen Firma, die mit der Begr\u00fcndung abgewiesen wurde, dass \u201eder Gesch\u00e4ftsumfang der Firma Friesacher sich durch den Wegfall des j\u00fcdischen Getreidehandels in den letzten Monaten vervielfacht\u201c habe und es v\u00f6llig \u201eungesund w\u00e4re, wenn der Firma Friesacher noch mehr zugeschanzt w\u00fcrde.\u201c Als mein Gro\u00dfvater 1939 aus Gesch\u00e4ftsgr\u00fcnden nach Wien \u00fcbersiedelte, bezog die Familie eine arisierte Wohnung in der Kantgasse im 1. Bezirk. 1941 und 1944 zeugte er auf den Fronturlauben zwei weitere Kinder, darunter meine Mutter. Dann war Schluss mit dem neuen Lebensraum im Osten. Der Ofen war aus. Bereits das ganze Jahr 44 \u00fcber starteten die Amerikaner unaufh\u00f6rliche Luft-Angriffe auf die Raffinerien von Ploie\u015fti, nachdem sie im Jahr zuvor mit ihrer Mission Tidal-Wave so kl\u00e4glich gescheitert waren. Ich sehe meinen Gro\u00dfvater, Hauptmann der Feuerschutzpolizei, in einem Einsatzwagen zwischen den Flammen hin- und herfahren, gestikulieren, hilflose Befehle erteilen, zu retten, was noch zu retten war. Die Arbeit in den Raffinerien, welche heute \u2013 eine Ironie des Schicksals \u2013 durch die \u00d6MV mehrheitlich in \u00f6sterreichischer Hand sind, war f\u00fcr Feuerwehrleute sehr gef\u00e4hrlich: in dem Moment, wo ein Angriff von der akustischen \u00dcberwachung angek\u00fcndigt wurde, musste das \u00d6l so schnell wie m\u00f6glich aus den Leitungen gepumpt werden, damit w\u00e4hrend des Bombardements kein entz\u00fcndbares Benzin durch die Rohre floss. Erschwerend kam hinzu, dass viele Bomben mit Verz\u00f6gerungsz\u00fcndern versehen waren, die erst zehn Minuten oder eine halbe Stunde sp\u00e4ter detonieren konnten. Doch die Raffinerien waren nicht umsonst so hart umk\u00e4mpft, bezog Hitler doch w\u00e4hrend des Krieges bis zu 40% des Erd\u00f6ls aus den hiesigen Raffinerien, dem damals gr\u00f6\u00dften Erd\u00f6lvorkommen Europas \u00fcberhaupt. Aus diesem Grund verf\u00fcgte die Anlage neben Berlin \u00fcber eines der besten Luftabwehrsysteme der Wehrmacht: neben Tarnnetzen wurde Rauch zur Verteidigung eingesetzt, \u00fcber den T\u00fcrmen schwebten riesige Ballone, die explodierten, wenn die Tragfl\u00e4chen der amerikanischen Bomber die Kabel trafen, ganz abgesehen von einer umfassenden Luftabwehr und Anti-Luftangriff-Artillerie.<\/p>\n<p>Doch im August 44 \u00fcberschlugen sich die Ereignisse: am 19. August erfolgte das letzte Bombardement der Raffinerien, das die Anlage weitestgehend in Schutt und Asche legte. Am 20. August brach die Ia\u015fi-Chi\u015finau-Front im Norden zusammen, an deren Linie sich in der Moldau \u00fcber zwei Millionen Soldaten gegen\u00fcbergestanden waren. Am 23. August k\u00fcndigte Rum\u00e4nien Deutschland die Gefolgschaft und erkl\u00e4rte diesem daraufhin an der Seite Russlands den Krieg, was die Vermisstenmeldung meines Gro\u00dfvaters am 24. August plausibel erscheinen l\u00e4sst. Es war der Anfang vom Ende, ja sp\u00e4testens zu diesem Zeitpunkt h\u00e4tte der deutsche Generalstab in Rum\u00e4nien den Durchhaltebefehl Hitlers (\u201eBis auf den letzten Mann und die letzte Patrone\u201c) ignorieren und den schnellst m\u00f6glichen Abzug der Truppen organisieren m\u00fcssen. Nach dem \u00dcberlaufen der Rum\u00e4nen zu den Russen folgten hektische Telefonate zwischen den deutschen und rum\u00e4nischen Gener\u00e4len, die Rum\u00e4nen r\u00e4umten den Deutschen zwei Tage ein, um \u201eden ehemaligen Waffenbr\u00fcdern\u201c den R\u00fcckzug \u00fcber den Korridor Transilvanien zu erm\u00f6glichen. Allein, der F\u00fchrer wollte nicht, was zigtausenden Soldaten das Leben kostete, darunter auch meinem Gro\u00dfvater. Was jetzt folgte, war das totale Chaos, von einer organisierten Front konnte nicht mehr die Rede sein, \u00fcberall befanden sich v\u00f6llig orientierungslose, versprengte, fragmentierte Splittergruppen der deutschen Armee. Laut den Angaben, die auf der sowjetischen Kartei der NKVD-Kriegsgefangenenakten basiert, geriet mein Gro\u00dfvater am 28.08.1944 im Raum Bukarest in sowjetische Kriegsgefangenschaft.<\/p>\n<p>\u00dcber die Route seiner Deportation konnte ich im Vorfeld meiner Recherche nur Vermutungen anstellen. Ein aus der Gefangenschaft im Lager Astrachan zur\u00fcckgekehrter Zeitzeuge berichtete, dass er selber in Rum\u00e4nien in das Sammellager Foc\u015fani gebracht wurde, von da ging die Route weiter nach Kischinew, Nikolajew, Odessa, Dnepropetrowsk, Donezk, Rostow, Armawir, Georgijewsk und Astrachan. Aufgrund dieser Aussagen machen wir uns von Ploie\u015fti auf nach Focsani. Die Spur meines Gro\u00dfvaters ist ab jetzt verwischt wie Spuren im Schnee, die der Wind verweht hat. Ich bin einem Geist auf der Spur, aber was kann man von den Geistern der Geschichte erfahren?<br \/>\nDer Direktor des st\u00e4dtischen, Historischen Museums von Foc\u015fani ist ein lustiger Mann mit einem chaplinesken Schnauzbart im Gesicht. Auf meine Frage, ob ein rum\u00e4nischer Autor \u00fcber die Lager in Foc\u015fani geschrieben h\u00e4tte, sch\u00fcttelte der Museumsdirektor den Kopf. Nein, niemand habe dar\u00fcber geschrieben, es sei bis 89 ein Tabu, die russischen Archive geschlossen gewesen. Die Lager seien von den Russen gebaut, geleitet, bewacht worden, die Rum\u00e4nen h\u00e4tten mit den Lagern nichts zu tun gehabt. Ein \u00f6sterreichischer Zeitzeuge hatte mir in Wien indessen etwas ganz anderes erz\u00e4hlt: Schon bei der Einlieferung im Gefangenenlager von Focsani seien sie mit Pr\u00fcgel empfangen worden \u2013 von den rum\u00e4nischen Wachmannschaften, versteht sich.<\/p>\n<p>Tags darauf f\u00fchrt uns eine Historikerin aus Odessa auf den Spuren der Odessiter Deutschen durch die Innenstadt, die in dieser Stadt eine jahrhundertelange Tradition haben. An der Ecke Troitskaya- und Kanatnaya Stra\u00dfe bleiben wir vor einem zweist\u00f6ckigen Jugendstil-Bau stehen. Hier, inmitten der Altstadt Odessas, befand sich hinter einem hohen Stacheldrahtgeflecht das Hauptlager 8 mit ungarischen, deutschen und \u00f6sterreichischen Kriegsgefangenen. Ich frage die Historikerin, ob mein Gro\u00dfvater m\u00f6glicherweise in diesem Lager untergebracht gewesen sein k\u00f6nnte, ehe er nach Astrachan weiter transportiert wurde. Ja, das sei durchaus m\u00f6glich gewesen. Ich stehe vor dem wei\u00dfen, renovierten Geb\u00e4ude und stelle mir vor, wie mein Gro\u00dfvater am Abend, ersch\u00f6pft von der Wiederaufbauarbeit am Hafen, von Soldaten der Roten Armee bewacht und angetrieben in das Haus trottet. An den vier Eckpunkten des Stacheldrahtzaunes standen Wacht\u00fcrme, in den Schlafr\u00e4umen eine Pritsche \u00fcber die andere gestapelt, eng wie ein Kaninchenbau, \u00fcber Strohs\u00e4cke als Matratzen musste man dankbar sein. Mein Gro\u00dfvater kam mit ziemlicher Sicherheit nach Odessa, aber ob er einige Wochen in diesem Lager hauste, bevor er weitertransportiert wurde \u2013 wer wei\u00df das schon. Wir verabschieden uns hastig von der Historikerin, da wir bereits unseren n\u00e4chsten Termin mit einer Zeitzeugin haben, die uns das j\u00fcdische Kulturinstitut vermittelt hat. Wir stapfen durch den Schnee in den Hof eines Wohnhauses, in denen winzige, einst\u00f6ckige H\u00e4uschen aneinandergereiht stehen. Die Zeitzeugin Antonina Iwanowna Kusmina sitzt in ihrem gebl\u00fcmten Haushaltskleid und mit Kopftuch am Tisch im Flur des Reihenh\u00e4uschens, der zugleich K\u00fcche und Wohnzimmer ist. Der Korridor ist nicht breiter als zwei Meter. Hier spielt sich das h\u00e4usliche Leben ab, hier vor dem Herd nehmen wir Platz und h\u00f6ren der 90-j\u00e4hrigen Frau zu, deren leise, gebrechliche Stimmer die Tochter als Lautsprecher verst\u00e4rkt. Als Antonina eine junge Frau war, erlebte sie, wie durch ihre Wohnstra\u00dfe deutsche Kriegsgefangene durchgef\u00fchrt wurden. Sie und andere junge Frauen seien zu den Lagern gelaufen und h\u00e4tten ihnen Brot \u00fcber den Zaun geworfen, weil die Deutschen so gehungert h\u00e4tten. Doch sie hatten Angst, dabei erwischt zu werden, und liefen schnell davon. Frau Kusmina zeigt stolz auf den Orden, der \u00fcber dem K\u00fcchentisch h\u00e4ngt und den sie w\u00e4hrend des 2. Weltkrieges aufgrund ihres Dienstes als Krankenschwester in einem Kriegslazarett erworben hat. W\u00e4hrend der Besatzungszeit rettete sie zwei j\u00fcdischen Kindern das Leben: Ihre Freundin hatte einen j\u00fcdischen Ehemann geheiratet, mit dem sie zwei Kinder, damals drei und f\u00fcnf Jahre alt, gro\u00dfzog. Doch ihr Mann lie\u00df sie mit den beiden Kindern sitzen und setzte sich nach Asien ab. Je l\u00e4nger der Krieg dauerte, desto gef\u00e4hrlicher wurde die Lage f\u00fcr die Juden Odessas, weswegen sie die Kinder der Freundin in dem kleinen Kohle-Schuppen hinter dem Haus versteckte. Untertags lebten die Kinder in dem Schuppen, und in der Nacht holte die Mutter die Kinder wieder ab. Die Rum\u00e4nen haben ein hartes Besatzungsregime installiert, ruft die alte Frau aus, sie haben geklaut und die Leute geschlagen, die Juden haben sie in jedem Winkel gesucht.<\/p>\n<p>Ja, sie hat viel erlebt, zwinkert uns Frau Kusmina zu. Allein der Glaube an Gott habe ihr sehr geholfen. Ob wir an Gott gauben w\u00fcrden? Wir bejahen h\u00f6flichkeitshalber. Aber der Glaube allein reicht nicht, ruft die alte Frau aus, man muss die Evangelien kennen und sich daran halten. Wir nicken freundlich. F\u00fcr Rechtlose gibt es ein Gesetz!, sagt sie leidenschaftlich und erz\u00e4hlt die Geschichte von dem zehnj\u00e4hrigen j\u00fcdischen M\u00e4dchen: Es wurde bei einer Massenerschie\u00dfung nur verletzt. Die Rum\u00e4nen haben sie und die Leichen in eine Grube geworfen und mit Stroh bedeckt und angez\u00fcndet. Nackt wie es war, ist das M\u00e4dchen aufgesprungen und in ein Maisfeld gelaufen. Da ist ihr ein russischer Kollaborateur nachgerannt und hat sie erschossen! Doch nach dem Krieg, nach der deutschen Besatzungszeit hat er seine Schuld nicht mehr ausgehalten und hat sich aufgeh\u00e4ngt! F\u00fcr Rechtlose gibt es ein Gesetz! Als wir uns verabschieden, will die alte Frau noch einmal wissen, woher ich komme. Aus \u00d6sterreich? Ja aus Wien. Die \u00d6sterreicher, ruft sie aus, ihre Mutter, die noch den 1. Weltkrieg erlebt h\u00e4tte, habe ihr erz\u00e4hlt, dass die \u00d6sterreicher im Kampf ziemlich harte Knochen gewesen seien. Sie steckt mir noch einige Pralinen zu, wir umarmen und k\u00fcssen uns. Und vergesst nicht, euch vor der Wolga zu verneigen, wenn ihr in Astrachan seid, sagt die alte Frau zum Abschied. Wir versprechen es. Dann stapfen wir wieder durch den Schnee auf unseren eigenen Fu\u00dfspuren in entgegengesetzter Richtung davon.<\/p>\n<p>Drei Tage sp\u00e4ter erreichen wir nach schier endloser, und doch so gem\u00fctlicher Zugfahrt durch die russische Steppe unser Ziel: \u201eAstrachan\u201c ist zwischen den Eisblumen im Abteilfenster zu lesen. Vor dem Eingang des Bahnhofs kommt uns Lenin auf einem Marmorsockel entgegen und weist uns den Weg in Richtung Friedhof. Auf den Z\u00e4unen der Gr\u00e4ber sitzen unz\u00e4hlige Kr\u00e4hen, ja es sieht aus wie die Szenerie aus Hitchcocks V\u00f6gel, pechschwarz heben sich die V\u00f6gel vor der Schneelandschaft ab. Der Schnee knirscht unter meinen Schuhen, hier unter der Erde liegt irgendwo mein Gro\u00dfvater. Fr\u00fcher gab es hier Einzelgr\u00e4ber, erz\u00e4hlte mir die 85-j\u00e4hrige Mutter des Taxifahrers. Der Volksbund deutscher Kriegsgr\u00e4berf\u00fcrsorge muss das Gel\u00e4nde planiert haben, denke ich, w\u00e4hrend ich die Gedanktafel zu Ehren der deutschen Kriegsgefangenen betrachte: \u201eHier ruhen Kriegsgefangene, Opfer des 2. Weltkriegs.\u201c War mein Gro\u00dfvater tats\u00e4chlich ein Opfer des 2. Weltkrieges? Ich h\u00e4tte Lust, mit einem wasserfesten CD-Marker die Worte \u201eund T\u00e4ter\u201c zwischen das Wort \u201eOpfer\u201c und \u201edes\u201c einzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Der Taxifahrer begleitete uns schon den ganzen Vormittag \u00fcber und lie\u00df nichts unversucht, uns auf der Suche nach den Friedhofsb\u00fcchern durch die kafkaesken G\u00e4nge der Friedhofsverwaltung zu schleusen, jetzt dr\u00e4ngt er uns, noch einmal zur\u00fcckzufahren. Im St\u00e4dtischen Archiv hatte man uns erkl\u00e4rt, das Kriegsgefangenenarchiv sei irgendwann abgebrannt. Irgendwo m\u00fcsse es doch die Liste geben! Es muss die Friedhofsb\u00fccher geben! Ich werfe einen letzten Blick auf das hinter den Gr\u00e4bern aufragende Heizkraftwerk, in dem die Kriegsgefangenen des Lagers arbeiteten. Dann rei\u00dfe ich mich los und steige in das Taxi. Ich bin zu ersch\u00f6pft, die Recherche weiter voranzutreiben, doch zum Gl\u00fcck haben die \u00dcbersetzerin und der Fahrer noch Energie. Mir ist sprichw\u00f6rtlich das Benzin ausgegangen, so wie den Deutschen bei der Ardennen-Offensive. Doch w\u00e4hrend der Kreml von Astrachan und die Bronzestatue Lenins vor den Fenstern des Taxis vorbeiwischen, erinnere ich mich an die Worte des Friedhofsdirektors, der uns einige Stunden zuvor empfangen hatte. Nach der Erkl\u00e4rung, dass es keine Aufzeichnungen \u00fcber die Kriegsgefangenen in den Friedhofsb\u00fcchern g\u00e4be, wandte er sich direkt an mich und meinte, es sei vielleicht gar nicht so wichtig, ob der Name meines Gro\u00dfvaters auf einer Liste auftauche oder nicht. Ich h\u00e4tte die Reise gemacht, und er glaube, mein Gro\u00dfvater w\u00e4re stolz auf seinen Enkel. Dort oben, sagte er, und rollte seine Augen in Richtung Plafond, wei\u00df man Bescheid, wo Ihr Gro\u00dfvater liegt. Ich lasse mich zur\u00fcck in meinen Sitz fallen, \u00fcberlasse mich meiner M\u00fcdigkeit und genie\u00dfe die letzten Momente unserer Reise. Meine Recherche ist zu Ende, wir m\u00fcssen uns nur noch vor der Wolga verneigen, aber das sollte auch noch zu schaffen sein.<\/p>\n<p>Johannes Gelich, geboren 1969 in Salzburg. Zuletzt erschienen die Romane \u201eChlor\u201c (2006) und \u201eDer afrikanische Freund\u201c (2008), der in der FAZ vorabgedruckt wurde. Hat gerade einen Roman auf den Spuren seines Gro\u00dfvaters fertig gestellt. Lebt in Wien.<\/p>\n<p>Der Artikel erschien in der FAZ am 8. August 2010<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 28. August 1944 geriet mein Gro\u00dfvater bei den rum\u00e4nischen Erd\u00f6lfeldern von Ploie\u015fti in russische Kriegsgefangenschaft. Es folgte die Deportation in das an der Wolgam\u00fcndung gelegene Kriegsgefangenenlager Astrachan, wo er im J\u00e4nner 45 starb. Auf Spurensuche eines ganz normalen Soldaten-Schicksals. 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