{"id":320,"date":"2015-04-11T09:48:20","date_gmt":"2015-04-11T07:48:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.johannesgelich.com\/wp\/?p=320"},"modified":"2015-04-11T09:52:32","modified_gmt":"2015-04-11T07:52:32","slug":"rezension-im-standard-das-t-shirt-meiner-frau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.johannesgelich.com\/wp\/rezension-im-standard-das-t-shirt-meiner-frau\/","title":{"rendered":"REZENSION IM STANDARD &#8211; Das T-Shirt meiner Frau"},"content":{"rendered":"<p><strong>Johannes Gelich: Orange Anoraks<\/strong><\/p>\n<p>Nicole Streitler-Kastberger<br \/>\n10. April 2015, 18:30<\/p>\n<p><em>Johannes Gelichs Erz\u00e4hlungen kreisen um die Seltsamkeiten unseres digitalen Lebens. Sein Schreiben wird von ihnen aber nicht wirklich affiziert<br \/>\n<\/em><br \/>\nJohannes Gelich ist vor allem f\u00fcr die Schonungslosigkeit seines Blicks bekannt, f\u00fcr einen bissigen und handfesten Stil. Dieser paart sich in seinem letzten Roman, Wir sind die Lebenden (2013), mit einem ungemein sympathischen Grundgrant, der die Widernisse des modernen Lebens nicht einfach so hinnehmen will, wie sie sind, sondern dagegen ank\u00e4mpft. So etwa durch das noch selten zu literarischen Ehren gekommene Genre des Beschwerdebriefs, das Gelichs Hauptfigur Nepomuk Lakoter zur Perfektion treibt.<\/p>\n<p>Dieser Lakoter ist aber zuallererst eine aus einem intertextuellen Spiel mit Iwan Gontscharows Oblomow gezeugte Couchpotato-Figur, der das reale Leben vor lauter Reflexion allm\u00e4hlich abhanden kommt. Vieles von dem, was junge Erwachsene heute umtreibt, ist in ihn eingeflossen. Seine Erregungen sind die junger urbaner Menschen mit hohem Bildungsniveau, denen die alten Werte suspekt geworden sind, ohne dass sie an deren Stelle neue setzen k\u00f6nnten. So leben sie in einer schizoiden Unverbindlichkeit, in einem statischen Nicht-mehr und Noch-nicht, wie es Soziologen den zeitgen\u00f6ssischen Unerwachsenen gerne konstatieren.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nIn seinen Erz\u00e4hlungen schreibt Gelich an seiner Ph\u00e4nomenologie des urbanen Alltagslebens junger Erwachsener weiter. Dabei hat sich seinen Texten die Durchdringung unserer Lebenswelt durch das Digitale oft ganz unmittelbar eingeschrieben. So etwa der Erz\u00e4hlung Das darfst du nicht, in der sich ein Schriftsteller seine kreativen Pausen durch Cybersex auff\u00fcllt, dabei aber eigentlich mehr am realen Liebesleben seiner \u00e4therischen jungen Nachbarin interessiert ist.<\/p>\n<p>Vom sch\u00f6nen Schein unserer Hochglanzfotowelt erz\u00e4hlt der Text Fremde Haut, in dem ein Copyshopbesitzer via Foto \u00fcber das vermeintliche Familiengl\u00fcck eines Kunden get\u00e4uscht wird, dann aber erkennen muss, dass Bilder oft falsche Geschichten erz\u00e4hlen. Witzig auch die Figur des Angestellten in Lysandra cormion Nabokov, der seinen redegewaltigen Chef, bei dem er eingeladen ist, mit der geballten Ladung seines wohl aus Wikipedia bezogenen Nabokov- und Schmetterlingswissens endlich einmal in Grund und Boden reden kann.<br \/>\nLiebe, sch\u00f6ner Schein und Zeitgeist<\/p>\n<p>Viele der sechzehn Erz\u00e4hlungen remixen auch die gute alte Himmelsmacht Liebe. In der Eingangserz\u00e4hlung Sie hie\u00dfen Magda reflektiert der Autor \u00fcber die Austauschbarkeit kurzfristiger Liebesbeziehungen. In dem umfangreichsten Text des Bandes, Abschied der Vampire, macht er in komplement\u00e4rer Weise die Kalamit\u00e4t langer und intensiver Liebesbeziehungen im Augenblick ihres Scheiterns zum Thema.<\/p>\n<p>In Spielen wir weiter? verquickt der Autor das Polizeiautospiel zwischen Vater und Kind mit einem letalen Fenstersprung einer jungen Frau aus Liebeskummer, wobei die Sorge des Vaters dem Unterfangen gilt, seinen Sohn von den Vorg\u00e4ngen auf der Stra\u00dfe m\u00f6glichst nichts mitbekommen zu lassen. Der doppelte Blick des Vaters nach drau\u00dfen und nach drinnen strukturiert dabei die Erz\u00e4hlung und veranschaulicht in plastischer Weise die strukturelle Bizephalit\u00e4t von Elternschaft.<\/p>\n<p>Immer wieder finden sich in dem Band Reflexionen \u00fcber Vaterschaft und Mutterschaft, \u00fcber die M\u00fchen des Erziehens und die K\u00e4mpfe zwischen Eltern und Kindern, aber auch zwischen den sogenannten Erziehungsberechtigten. Gelich erweist sich dabei als ein genauer und reflektierter Beobachter. Ein gutes Auge hat er auch f\u00fcr komische und nervige Alltagssituationen, die jeder kennt: fl\u00fcchtige Bekannte, denen man auf der Stra\u00dfe begegnet, ohne dies wirklich zu wollen und ohne deswegen die Bekanntschaft vertiefen zu wollen, auch wenn man sich dazu geradezu gen\u00f6tigt f\u00fchlt; oder die Peinlichkeit eines vermeintlich modischen Kleidungsst\u00fcckes. Mit einem fast weiblichen Blick konstatiert eine der m\u00e4nnlichen Figuren, wie schade es doch sei, dass im Winter alle Leute nur graue oder schwarze M\u00e4ntel tr\u00fcgen. Er habe sich deswegen einen orangen Anorak gekauft. Wie ein Fanal steht dieser Anorak in dem Buch: Wer sich allzu sehr dem Zeitgeist unterwirft, l\u00e4uft Gefahr, sich der L\u00e4cherlichkeit preiszugeben. Gelichs Erz\u00e4hlungen schaffen den Spagat zwischen Zeitgeist und Tradition, und das ist gut so. (Nicole Streitler-Kastberger, Album, DER STANDARD, 11.\/12.4.2015)<br \/>\n<em><br \/>\nJohannes Gelich, &#8220;Das T-Shirt meiner Frau&#8221;. Stories. \u20ac 19,90 \/ 160 Seiten. Haymon, Innsbruck 2014<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johannes Gelich: Orange Anoraks Nicole Streitler-Kastberger 10. April 2015, 18:30 Johannes Gelichs Erz\u00e4hlungen kreisen um die Seltsamkeiten unseres digitalen Lebens. Sein Schreiben wird von ihnen aber nicht wirklich affiziert Johannes Gelich ist vor allem f\u00fcr die Schonungslosigkeit seines Blicks bekannt, f\u00fcr einen bissigen und handfesten Stil. 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