BLEICHGESICHT SKALPIEREN VERBOTEN

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Comic- und Jugendkultur im Korrekturmodus
Gestaltung: Johannes Gelich
Salzburger Nachtstudio, ORF, Ö1
August 2021

Die Aufregung war groß, als der Egmont-Ehapa-Verlag Erika Fuchs’ legendäre „Donald-Duck“-Übersetzungen aus den 1960er Jahren veränderte. Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek nannte ihre Unterstützung des Protests „gegen die Schändung der göttlichen Erika Fuchs“ sogar eine „heilige Pflicht“.

Doch was war geschehen? Der Rechteinhaber der Erika-Fuchs-Übersetzungen, Egmont Ehapa, legt seit 2019 die „Donald-Duck“-Übersetzungen als „Lustiges Taschenbuch – Classic Edition“ neu auf und tilgte bei der Neuausgabe einige politisch inkorrekte Begriffe und Zuschreibungen.
Freudenfett wird Freundlich

So wurde aus dem dicken Schwein Fridolin Freudenfett Fridolin Freundlich, aus dem Maharadscha von Stinkadore der geruchsneutrale Maharadscha von Stikadore; heute politisch inkorrekte Bezeichnungen wie „Indianer“, „Zwerg“, „Eskimo“, „Bleichgesicht“, „rote Brüder“, „skalpieren“, „Territorium“, „Wilde“, „Eingeborene“ scheinen seit dem zwölften Band der Neuauflage der „Lustigen Taschenbücher“ verboten zu sein.

Der Egmont-Publishing-Director, Jörg Risken, begründete die Eingriffe in die Texte damit, dass „nicht alle älteren Comics heute uneingeschränkt zum Nachdruck geeignet“ seien. Manche Inhalte könnten, so Risken, in einem modernen Kontext als veraltet und manchmal sogar unangemessen empfunden werden. Doch warum und auf welcher Grundlage wurden gewisse Begriffe als „veraltete und unangemessene Inhalte“ klassifiziert?
Klassiker umschreiben?

Hinter der Debatte um die Political Correctness von ethnischen Zuschreibungen steht die zweifellos ehrenwerte Haltung, Minderheiten vor klischeehaften, stereotypen und diskriminierenden Aussagen zu schützen, die diese als verletzend oder beleidigend empfinden könnten. Dass der Wunsch nach politischer Korrektheit heute aber so weit geht, Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur mutwillig umzuschreiben, geht einigen Kritiker/innen zu weit.

Die Debatte über Kinder- und Jugendbücher, die aufgrund des sprachlichen und politischen Wandels umgeschrieben wurden, ist indes nicht neu. Bereits im Jahr 2009 hatten die Erben der Autorin Astrid Lindgren dem Verlag Friedrich Oetinger eine zeitgemäße Anpassung gestattet. Und so wurde, nachdem sich die Erben lang gegen eine Änderung des Originaltextes ausgesprochen hatten, aus dem „Negerkönig des Taka-Tuka-Landes“ der „Südsee-König“. 2013 strich der Thienemann-Verlag diskriminierende Begriffe wie „Negerlein“ oder „Zigeuner“ aus der „Kleinen Hexe“, einem Kinderbuchklassiker von Otfried Preußler.
„Euphemismus-Tretmühle“

Während die Beibehaltung des sogenannten N-Wortes in alten Kinderbüchern heutzutage nur schwer argumentierbar scheint, gehen vielen Kritiker/innen die Eingriffe, wie sie etwa der Egmont-Verlag vornimmt, zu weit. Schon ist die Rede von einer „Euphemismus-Tretmühle“ oder einem Paternalismus, der Minderheiten und Kinder in Sprachwatte packt, um sie vor unliebsamen und heute politisch überholten Begriffen zu schützen. Gerade Kinder könnten, meinen Kritiker/innen, durch eine Sichtbarmachung und Pädagogisierung problematischer Textstellen von den angestoßenen Diskussionen profitieren und lernen, warum gewisse Zuschreibungen heute nicht mehr politisch korrekt seien.

Dass die Eingriffe nicht immer Sinn ergeben und manchmal auch unfreiwillig komisch sein können, wird gerade anhand der Donald-Duck-Neuauflage sichtbar: So wird etwa aus dem diskriminierenden „Passt auf euren Skalp auf!“ die Warnung: „Passt auf eure Füße auf!“ Die Stolpergefahr scheint sich an dieser Stelle auch auf die Lektorinnen und Lektorinnen und Lektoren der Neuauflage von „Donald Duck“ zu beziehen.

Text: Johannes Gelich

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