GENERATION ERBEN

GENERATION ERBEN – DAS VERMÄCHTNIS DES WIRTSCHAFTSWUNDERS

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17 Milliarden Euro werden in Österreich jährlich an reinem Geldvermögen vererbt, weitere zehn Milliarden an Immobilienwerten gehen jährlich von einer Generation auf die andere über. Und das alles steuerschonend, da die Schenkungs- und Erbschaftssteuer 2008 abgeschafft wurde.

Die Diskussion um Vermögenssteuern löst immer wieder hitzige Debatten aus, wird Österreich doch hinter vorgehaltener Hand als Steuerparadies für Erben bezeichnet. Während die Steuern auf Vermögen in den vergangenen Jahrzehnten rapide sanken, kletterten die Immobilienpreise in ungeahnte Höhen. Doch mit der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich wird auch jenes demokratische Grundprinzip untergraben, laut dem soziale Ungleichheit durch Bildung, eigene Leistung und Arbeit wettgemacht werden könnte.

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Zählen zunehmend wieder mehr der Status der Eltern und nicht der eigene Fleiß oder kreative Ideen, die in eine sozial mobile Gesellschaft eingebracht werden könnten? Bewegen sich die westlichen Demokratien schleichend von meritokratischen hin zu Rentiersgesellschaften, wie es der Ökonom Thomas Piketty in seinem Monumentalwerk „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ beschwört? Selbst der Milliardär Warren Buffett warnte im Jahr 2007, als George W. Bush die Erbschaftssteuer kippen wollte, die USA liefen Gefahr, zu einer dynastischen Plutokratie zu werden. Doch auch so mancher reiche Erbe in Österreich hält es nicht für erstrebenswert, sein Leben als Rentner und Couch-Potato à la Oblomow zu fristen.

Mit der Erhöhung der Grunderwerbssteuer zum 1.1.2016 wurde, so lauteten die Vorwürfe, die Erbschaftssteuer durch die Hintertür wieder eingeführt. Zu Recht, erklärten die Befürworter von Vermögenssteuern, galt Österreich doch europaweit als Steuerparadies für Erben. Bei der Besteuerung von Vermögen liegt Österreich in der Tat weit zurück: 0,6 Prozent des BIPs flossen im Jahr 2012 aus vermögensbezogenen Steuern in die Staatskasse, ein Wert, der nur von vier Staaten in der OECD unterschritten wurde. Die Finanzämter in Frankreich und Großbritannien lukrierten hingegen vier Prozent ihrer Einnahmen aus Steuern auf Vermögen.

Ungeachtet der steuerlichen Debatte ist der Kampf um das Erbe längst Wirklichkeit geworden. Immer häufiger brechen gerichtsanhängige Streitereien, ja regelrechte Erbfolgekriege um die Früchte des Wirtschaftswunders aus, und lassen Geschwister oder sogar die eigenen Eltern zu Feinden werden. Auch ältere Menschen stehen immer mehr als Erblasser und Objekte finanzieller Begierde im Fokus potenzieller Erben. Um ihren funktionierenden Verstand alias ihre Testierfähigkeit festzustellen, werden Psychiater und Neurologen von enterbten Verwandten hinzugezogen, sie werden zwangsweise besachwaltet, wenn zu befürchten ist, dass sie von Erbschleichern beeinflusst werden, und bisweilen wird sogar bei ihrem Tod auch von Pfleger/innen und Ärztinnen bzw. Ärzten etwas nachgeholfen, wenn dicke Bankkonten, Juwelen oder Immobilien locken.

Johannes Gelich machte sich auf die beschwerliche Suche nach Erben, die über ihre finanziellen und privaten Verhältnisse öffentlich Auskunft geben. Über Geld spricht man bekanntlich nicht, und noch weniger über das ererbte Vermögen, und doch entscheidet das Erbe zunehmend über Glück, Wohlstand und Gesellschaftsstatus des Einzelnen. Aber sind die reichen Erben tatsächlich die glücklicheren Menschen? Ist nicht längst ein Erbkrieg um die Früchte des Wirtschaftswunders ausgebrochen, und wie könnten individuelle und gesellschaftliche Konzepte aussehen, um diesen Generationenkonflikt zu entschärfen?

RADIOKOLLEG vom 18.1. – 21.1.2016, Ö1, 0905 und 2215Gestaltung: Johannes Gelich

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