ÖSTERREICH ATLAS

GelichBraunau-am-Inn58
Foto: Anton Kiefer

Johannes Gelich

Braunau, Oberösterreich

Zum bayerischen Löwen

Der letzte Ausflug, den ich mit meiner geliebten Erbtante Trude unternahm, führte uns nach Braunau, wo sie als die jüngste Tochter der Bäckersfamilie Nöbauer im sogenannnten Rabenhaus aufgewachsen war. Das Rabenhaus wurde Ende des 15. Jahrhunderts errichtet, gehörte damals zu den Mautanlagen der Stadt und diente gleichzeitig als 4-stöckiger Speicher. Im frühen 18. Jahrhundert beherbergte es eine Brauerei, später war es Amts- und Wohnsitz von Johann Gottlieb Kattenpeck, dem Mautner zu Braunau. Seit damals befindet sich der Bayerische Löwe auf dem mit 24 Meter höchsten Giebel im Altstadtbereich.

Aus Tante Trudes politischer Gesinnung wurde ich eigentlich nie schlau. Einerseits sprach sie immer von der großdeutschen Tradition meiner Braunauer Verwandtschaft, aber in Wirklichkeit hing sie, die, laut eigenen Angaben, ihre schönsten Tage während der Nazizeit in Krems verbracht hatte, einem völlig widersprüchlichen (deutschnationalen) Monarchismus an. Namen wie Herzkind, Grünfeld oder Liechtenstern durfte ich in ihrer Gegenwart nicht in den Mund nehmen, da solche Namen zumeist die unerträgliche Frage „Ist das ein Jud, oder was?“ nach sich zogen. Gleichzeitig verschlang sie Autoren wie Werfel, Schnitzler, Zweig oder Joseph Roth allabendlich als Bettlektüre. Als wir eines Abends in Salzburg nach einem Heurigenbesuch mit dem Taxi nach Hause fuhren und der grauhaarige Taxifahrer über die überhandnehmenden, Taxi fahrenden Neger wetterte, fuhr sie ihm über den Mund und erklärte, Afrikaner seien genauso Menschen wie du und ich, sie habe eine serbische Putzfrau und ihre Stojna liebe sie über alles. Der Taxifahrer wurde ganz kleinlaut und bekam von ihr keinen Cent Trinkgeld. In einem der wenigen klarsichtigen Momente, in denen sie über ihre Pläne für ihren Lebensabend räsonierte, verlautbarte sie eines Tages, sie würde am liebsten zuhause sterben und von einer Krankenschwester aus Rumänien (natürlich nur aus dem Teil der k.u.k. Monarchie!) gepflegt werden, die bei ihr wohne und sich um sie kümmere, wenn es zu Ende ginge. Dem Größenwahn unserer Familie entsprechend, betrachtete sie sich als feine Dame und eine der letzten Repräsentantinnen des in der Monarchie untergegangenen mondänen Weltbürgertums, auch wenn ihre Attitüde als Waschweib diesem Ideal bisweilen konträr entgegenstand.

Als wir verloren vor dem Rabenhaus standen (Ich will nicht anläuten, ich will mit dieser Bagage nichts zu tun haben!), fragte ich mich, wie oft der junge Hitler hier im Auftrag seiner Mutter wohl Brot gekauft hatte. Ich blickte hinauf zum Bayerischen Löwen, der wie ein politischer Wetterhahn über dem Giebel thronte und für die Braunauer Verwandtschaft wahrscheinlich die ideologische Denkrichtung vorgab: Man fühlte sich wohl mehr bayrisch als österreichisch – nicht von ungefähr übersiedelte Hitler 1913 nach München, um sich dem Wehrdienst in der österreichisch-ungarischen Armee zu entziehen. Im August 1914 trat er denn auch als Kriegsfreiwilliger in das Bayerische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 16 (Regiment „List“) ein.

Der Bayerische Löwe und meine Braunauer Verwandtschaft. Dieses Bild wird mir immer deutlich vor Augen bleiben: wie sich Tante Trude mühsam und ächzend auf den klackenden Krücken hielt, auf der Straße vor dem Rabenhaus der Nöbauerschen Bäckerei auf und ab wackelte und ihrer Geburtsstadt einen letzten, allerletzten schmerzhaften Besuch abstattete. Einige Jahre später starb sie, nicht in den Armen einer Rumänin aus dem Altreich, sondern in einem sterilen Krankenhaus, umgeben von Schläuchen und elektrischen Geräten. Der goldene Bayerische Löwe thront noch immer über der Stadt Braunau, für mich wie ein Menetekel drohenden ideologischen Unheils, das aus Symbolen Idole und die Menschen keinesfalls glücklicher macht.

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