REZENSION T-SHIRT MEINER FRAU – WIENER ZEITUNG

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WIENER ZEITUNG

vom 15.03.2015, 11:30 Uhr

Bücher aktuell

Literatur
Gelich, Johannes: Das T-Shirt meiner Frau

Von Bruno Jaschke

Armselige Lebenspraxis

Leser haben eine gewisse Tendenz, literarische Helden als Identifikationsfiguren für das eigene Selbstwertgefühl in Geiselhaft zu nehmen: Nonkonformisten wie Harry Haller aus Hermann Hesses „Steppenwolf“, Outlaws wie Sal Paradise, das Alter ego des Autors Jack Kerouac in „Unterwegs“ oder auch all die Kommissare und Ermittler von Philip Marlowe bis Brunetti, die Dilettanten des Alltags, aber Genies in Sachen Problemlösung sind.


Dagegen gibt es Literatur, bei der man froh ist, nichts mit der Hauptfigur gemein zu haben. Oder sich allfällige Wesensähnlichkeiten nicht eingestehen mag. Die Protagonisten in Johannes Gelichs Erzählband „Das T-Shirt meiner Frau“ sind so ein Fall. Durchwegs männlichen Geschlechts und „alternativen“ Mi-lieus nahe, verfolgen sie kreative Ambitionen, bemühen sich um verantwortungsvolle Lebensführung – und erliegen doch den gleichen stumpfsinnigen Verlockungen wie die „breite Masse“: Lassen sich gehen, suchen Zuspruch beim Alkohol, bedienen sich billiger digitaler Lustange- bote, verfallen voyeuristischer Sensationslust und kleinbürgerlicher Eifer- und Mieselsucht, leiden an Sprechdurchfall und lassen es dafür an Dynamik und Zielstrebigkeit vermissen.

Diesen Widerspruch, diese Schere zwischen großen Vorsätzen und armseliger Lebenspraxis in raffinierten Kompositionen über vertrackte erzählerische Pfade zu exponieren, macht die Stärke dieses Buchs aus. Mit unerbittlicher Stringenz führt Gelich vor, wie auf einer Schiffsreise im Donaudelta ein Mann, von dem man Respekt für die lokale Kultur und Bevölkerung voraussetzt, alle Contenance gegenüber einem Einheimischen verliert, der ihm auf die Nerven geht. Oder wie ein Vater beim Spielen mit seinem Sohn Zeuge eines suizidalen Fenstersturzes wird und es sich nicht versagen kann, wiederholte Male zum Fenster zu rennen und zu gaffen. Wie ein Mann seine Begierden durch das Internet befriedigt und gleichzeitig mit voyeuristischer Neugier dem Tun und Treiben seiner Nachbarin folgt – bis sie beide, der mit desavouierenden Bildern gespeiste Computer und die Nachbarin, zusammenkommen, um ihn in tiefste Verlegenheit zu bringen. . .

Die Schauplätze der Geschichten sind zuallermeist Wohnungen, die man sich instinktiv als nicht sehr groß vorstellt; häufig schauen die Protagonisten aus den Fenstern oder pressen die Ohren an die Wände – mangels Animo für interessantere Tätigkeiten. Erzählt wird fast ausschließlich aus der Ich-Perspektive. Beides zusammen erzeugt die Aura einer klaustrophobischen Enge, eines äußerst begrenzten Lebensraums.

Lediglich in der Erzählung „Das T-Shirt meiner Frau“, die dem Band seinen Titel gibt, öffnet sich ein kleines Stück Welt: Sie spielt in einem Friseursalon; der von Haarausfall geplagte Ich-Erzähler ist nur Nebenfigur. Hauptdarsteller ist vielmehr ein Kunde „mit Fistelstimme“, der schildert, wie er seiner Frau ein stylishes, ihren 45 Jahren eigentlich unangemessenes T-Shirt zum Geburtstag geschenkt hat und daraufhin peinlich berührt war, als sie es in einem Restaurant tatsächlich angezogen hat. Dass er dann das Motiv auf dem Kleidungsstück – Roy Liechtensteins berühmtes Bild „Vicky I Thought I Heard Your Voice“ – angestarrt hat, habe ihn aber letztlich die Situation überstehen lassen. Was notabene untermauert, was Kunst alles kann. . .

Johannes Gelich: Das T-Shirt meiner Frau. Stories. Haymon Verlag, Innsbruck/Wien 2014, 159 Seiten, 19,90 Euro.

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