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weblog teil 1



Johannes Gelich

Stadtschreiber von Hermannstadt (Sibiu) vom 1. September 2008 bis 28. Februar 2009

Das Hermannstaedter Journal
weblog aus rumaenien


Es ist wieder mein Land, dachte ich bei der Ankunft auf dem Bukarester Flughafen. Beim Anblick der von einem gigantischen Kabelsalat ueberwucherten Kamera am von Wasserflecken gezeichneten Plafond in der Empfangshalle des Flughafens wieder die Gewissheit, man fuehle sich hier froehlich empfangen vom Improvisierten, Unperfekten. Der kleine Flughafen Baneasa - die Billigflieger landen hier - wirkt wie der Flughafen einer Provinstadt, klein, chaotisch, familiaer und nicht wie der Flughafen einer europaeischen Millionenmetropole. Es geht ganz schnell, dass ich wieder erinnert bin, an dieses hier angenehm Unfertige, nicht Funktionierende, Kaputte. Der Geldautomat funktioniert nicht, die Frau beim Exchange-Schalter quatscht mit ihrer Nachbarin vom Kiosk, sie hat keine Eile zurueckzukehren an ihre Arbeit. Bukarest, Baustelle, der Asphalt zur Zufahrtsstrasse zum Flughafen ist aufgerissen, Erdwaelle, die als Gehsteige benuetzt werden, schier unpassierbare, aufgeschuettete Strasse auf dem Weg zum Bus, die wunderschoenen, hauchduennen alten Bustickets, die man mittels eines Lochers im Bus entwertet. 1 Lei (30 Cent) fuer die Fahrt vom Flughafen zum Bahnhof, anstatt der 30 Euro, die die Taxifahrer haben wollen. Im Bus mir gegenueber ein backenbaertiger Mann, vielleicht ein verstaubter Gelehrter, der ein schwarzes, abgetragenes Hemd mit einer silbernen Krawatte und einem Schlapphut traegt, eine alte Stoffumhaengetasche um die Schulter, der Mann wirkt wie aus den 70er Jahren konserviert, als haette er seine Sachen auch schon vor 30 Jahren so getragen, dasselbe Hemd, dieselbe Krawatte, derselbe Bart, ja ich rieche foermlich den Naphtalingeruch seiner Kleidung zur jahrzehntelangen Abwehr der Motten. Und dieser unzeitgemaesse Mann ist auch ein Vorzeichen, dass man hier Gleichzeitigkeiten, parallele Zeiten und Lebenswelten erfahren wird koennen, turbokapitalistische, hypermoderne Konsumtempel des Postindustriezeitalters neben Rentnern mit vielleicht 50 Euro Mindestpension pro Monat, oder langsamen, von dem wildgewordenen Verkehr gefaehrdeten Pferdefuhrwerken auf der Landstrasse. Die Vergangenheit lebt mit, und das nicht als touristisch erschlossenes Museumsstueck. Am Hauptbahnhof (Gara de Nord) treffe ich den Uebersetzer Michael Astner. Wir fahren gleich weiter nach Sibiu. Ich bin untergebracht in einer Wohnung gegenueber der Mitropolie, der orthodoxen Kirche im Zentrum, in einem Haus, das der evangelischen Kirche gehoert, und der Innenhof dieses Hauses ist geradezu kitschig schoen, vertraeumt, die Katzen liegen herum, der reife Wein ueberdacht auf Draht aufgespannt einen Teil des Innenhofes, das abgewohnte Haus im ersten Stock von einer Pawlatsche* durchzogen, wilde Blumen und einige Baeume zwischen altem Steinpflaster, manchmal bleiben Touristen stehen und fotografieren hinein. Waehrend wir durch die, zur Nominierung als Kulturhauptstadt Europas (2007) aufwaendig renovierte und herausgeputzte Innenstadt Sibius spazieren gehen, meint Michael, die Stadt werde das Schicksal Salzburgs erleiden, noch ist es nicht so weit, es sind vor allem auch rumaenische Touristen hier, aber ich frage mich, wie die rein touristisch-kommerzielle Praegung einer Stadt verhindert werden koennte, andererseits, wir in Oesterreich verdanken unseren Reichtum dem ungebremsten Tourismus, nur welchen Reichtum haben wir (vor allem in der Provinz, wo der Toursimus brutaler zuschlaegt als in der Grossstadt), was haben wir durch diesen Reichtum verloren, in den Wiener Aussenbezirken spuerst du (auch dank der vitalen Immigrantenkultur) vom Tourismus wenig, auch hier wird das noch laenger so bleiben, aber was Salzburg zu etwas Unlebendigem macht (da spuerst du die Re-Praesentierwut auch noch in der vorstaedtischen Huettenarchitektur) ist die Absenz vitaler Subkulturen oder Parallelkulturen, Immigranten, Punks, alternative Kulturen sind hier nicht praesent, das koennte zumindest ein Ansatz sein, das zu foerdern, wie auch immer. Auf diesem morgendlichen Spaziergang haben wir herrliche Krapfen gegessen, GOGOSI, und ich lernte von Michael praktische Hausmittel, seine Mutter habe etwa Karotten ins Oel gegeben, weil dadurch das Oel nicht so schnell verbrennen wuerde. Er weiss viele Tricks, ueberlieferte Traditionen fuer den Hausgebrauch, etwa Aspirin fuer Marmelade als Konservierungsstoff. Oder die Schwefelprobe im Holzfass: brennt der Schwefel, ist das Fass sauber. Am Nachmittag fahren wir weiter in das etwa 30 Kilometer von Sibiu entfernt gelegene, siebenbuergische Dorf Hamlesch (rum.: Amnas), wo Michaels Hof liegt, den er als einziger noch regelmaessig bewirtschaftet, oder besser gesagt: besucht, bewohnt und das Obst erntet, nachdem seine Mutter und seine Schwestern schon vor Jahren nach Deutschland ausgewandert waren.


*Die Pawlatsche ist ein Begriff, der aus dem Tschechischen über das Wienerische (so wird zumindest östlich von St. Pölten behauptet) ins österreichische Deutsch eingeführt wurde. Das tschechische Wort pavlač meint einen offenen Hauseingang. Im Wienerischen wird der Begriff für die arkadenartigen offenen Umgänge der typischen Wiener Hinterhöfe benutzt. In den sogenannten Pawlatschenhäusern erfolgt ein Zugang zu den Wohnungen ausschließlich über die Pawlatschen (den offenen Rundgängen) um den Pawlatschenhof. Die Erschließung von Mietshäusern über Pawlatschengänge wurde in Wien nach dem Brand des Ringtheaters 1881 untersagt. Der Vorteil liegt in der besseren Ausnutzung der erschlossenen Wohnungen, da Dielen und Flure innerhalb des Hauses entfallen (Wikipedia).

7. September 2008