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weblog teil 3



Johannes Gelich

Stadtschreiber von Hermannstadt (Sibiu) vom 1. September 2008 bis 28. Februar 2009

Das Hermannstaedter Journal
weblog aus rumaenien


weblog teil 3
Nachrichten aus der ADZ vom 30.8.:

EU stoppt 30 Millionen Euro Agrarhilfen - Grund seien fehlende Schritte gegen Misswirtschaft.

Rumänien könnte EU künftig mit Reis versorgen. Nach dem zweiten Weltkrieg hätten die Kommunisten in den 70er Jahren den Reisanbau großflächig forciert, wobei Rumänien die Erfahrungen der Reisbauern in Nordkorea und in China genutzt hat.

Machbarkeitsstudie für den neuen Bukarester Flughafen: Allein im vergangenen Jahr war die Zahl der Fluggäste auf den beiden Bukarester Flughäfen um rund 40% gestiegen. Die Europäische Behörde für Flugsicherung EUROCONTROL geht davon aus, dass der Flugverkehr in Rumänien im Zeitraum 2008 bis 2014 um 6,9% pro Jahr wachsen wird.

Esten gewannen WM im Handy-Weitwurf. Wie die Veranstalter aus Narva im Osten Estlands mitteilten, gewann der heimische Timmo Lilium bei den Männern mit 85 Metern und bei den Fraün seine Landsmännin Valeria Kodorovwa mit 41 Metern.


Hamlesch 2
Das Hamlescher Haus. Man sagt eigentlich Hof. Ich liebe die verwilderten Gärten, die man überall hier antrifft, auch in den Städten, auch in Bukarest. Ich frage den Übersetzer nach dem Begriff der Gstättn, er kennt ihn nicht. Ich sage, die Rumänen haben keine Angst vor der Gstättn, und erzähle ihm von unserem Haus am Stadtrand von Salzburg, die Villa, in der ich meine ersten 6 Lebensjahre verbrachte. Uns gegenüber wohnten die Schulzes, und im Gegensatz zu unserem Garten war bei denen das Gras nicht immer gemäht, im Haus war es unordentlich, im verwilderten Garten blühten wilde Blumen. Das waren unsere Nachbarskinder, und es wurde gar nicht gern gesehen, dass wir bei denen spielten. Als wir uns einmal mit den Nachbarskindern zerstritten, war der Vater zufrieden. Und als die Frau Schulze den vorderen Teil des Grundstücks verkaufte und nach Wien zog, um dort Psychoanalytikerin zu werden, und das Grundstück bald von einem praktischen Arzt verbaut wurde, war mein Vater noch zufriedener, dass er nicht mehr auf das verwahrloste Schulze- Haus blicken musste. Einmal fuhr mich meine Mutter mit dem Auto nach Morzg, sie wechselte mit meinem Vater ein paar Worte , und als sie über das frisch verbaute Grundstück sprachen, dem auch einige uralte Nussbäume zum Opfer fielen, sagte sie: Endlich ist die Gstättn weg. Rumänien ist eine Gstättn. Die Rumänen, und auch nicht die Rumänien-Deutschen, haben nicht das Geld und auch nicht diesen deutsch-österreichischen Ordnungs- und Kontrollfanatismus, den die westeuropäischen Kleinbürger in ihren Gärten im Umgang mit der Natur an den Tag legen, indem sie alles Wachsende niedermähen, einzäunen, umpflanzen und ihrem Willen unterordnen. Also eigentlich Hof und nicht Haus. Michaels Vater war Müller, der nicht viel von der Landwirtschaft wissen wollte. Doch Micks Mutter hielt das Geld zusammen, auch als Michaels Vater längst nicht mehr arbeitete. Sie verkauften ihre landwirtschaftlichen Güter auf dem Markt und hielten sich über Wasser, ohne die Ersparnisse anzutasten, die noch in den Achtzigern so hoch waren, dass sie sich damals drei weitere Höfe hätten kaufen können. Ersparnisse in rumänischen Lei, die nach der Wende in kürzester Zeit gar nichts mehr wert waren. Vor zwei Jahren wurde im Haus eingebrochen. Der Verdacht fiel natürlich sofort auf die Zigeuner, die zum Teil in von Aussiedlern zurückgelassenen Häusern leben. Sie erwischten die Diebe, und es waren in der Tat Zigeuner, nur dass der Kopf der Bande ein Rumäne war. Mick erzählt, dass oft dubiose Geschäftsleute durch die Dörfer gefahren kommen und nach alten Bauernmöbeln fragen. Die Bauernmöbel der Siebenbürger, die schon immer qualitativ hochwertige Handwerksprodukte herstellten, sind sehr begehrt. Als wir einen Spaziergang durch das Dorf machen, erzählt Mick, dass die evangelische Kriche einen Blitzableiter hat, und so auch ihr Haus immer gegen Gewitter geschützt war. Leider ist die Uhr letztes Jahr stehen geblieben, sagt eine Sächsin, die vor dem Wassergraben das Gras rächt. Das war immer so angenehm, meint sie melancholisch, man hat immer hinaufgesehen und gewusst, was es geschlagen hat. Vor einem Jahr hat eine Frau aus Bukarest den Kirchhof und die Schule für eine Laufzeit von angeblich 20 Jahren gepachtet, unter der Auflage allerdings, dass etwas renoviert wird. Aber es passiert nix!, die macht nix, das Dach ist unlängst eingesackt, meint die Sächsin verärgert. Es stellt sich heraus, dass sie mit Michael anverwandt ist, aus der siwwenten Suppenscheassel, wie man hier in Hamlesch sagt. Letztes Jahr ist die Mutter der Sächsin gestorben, die wollte auch nicht weggehen, sie erzählt von einer Hamlescher Nachbarin, die im grün gestrichenen Haus gegenüber vom Brunnen lebt. Deren vier, in Deutschland lebende Söhne sagen immer zu ihr: Wenn die Firma in Deutschland in Konkurs geht, dann kommen wir zurück zu dir. Wir lassen dich nicht in Stich. Ihre Söhne lassen sie nicht in Stich, sagt sie mehrmals wie zu sich selber. Wir essen Caş, Käse von der Büffelkuh. Michäl erzählt, dass einer der viel zitierten Stadtväter, Samuel von Brukenthal*, nach dem auch das deutsche Gymnasium, das Michael besuchte, benannt ist, Büffel aus Ägypten nach Siebenbürgen brachte. Das seien anspruchslose Rinder, die auch heute noch gezüchtet würden - allerdings nicht mehr in Hamlesch - und die sich gerne im Schlamm suhlen. Als Michäls Grossvater noch lebte, hatten sie auch eine Büffelkuh, aus deren Milch sich sehr schmackhafter Käse gewinnen lässt. Michael ist dieses Jahr mit der Kartoffelernte nicht zufrieden, er erntet nur ganz kleine, teils murmel- teils tischtennisballgrosse Kartoffeln. Es ist ein schlechtes Jahr. Früher wurden die kleinen Kartoffeln gekocht und den Schweinen verfüttert, als sie noch Schweine am Hof hatten, oder Hühner, die vor dem Plumpsklo, einem windig zusammengezimmerten Holzverschlag, herumliefen. Man konnte beim Scheißen den Hühnern zusehen, wie sie gackernd durch den Hof liefen, heute kann man nur noch die Schnecken und die Maulwürfe beobachten, während man sich in dem Holzverschlag auf einem Holzbrett mit Loch, dem Donnerbalken, entleert.


*Samuel von Brukenthal (* 26. Juli 1721 in Leschkirch (rum. Nocrich, ung. Újegyház, Siebenbürgen); † 9. April 1803 in Hermannstadt) war Baron und 1774–1787 Gubernator (Gouverneur) von Siebenbürgen. Er war der einzige Siebenbürger Sachse, der dieses Amt je bekleidete. Brukenthal entstammt einer Beamtenfamilie aus Siebenbürgen, die 1724 in den Adelsstand erhoben wurde. Er studierte in Halle und Leipzig, wo er die Fächer Rechtswissenschaften, Verwaltung, politische Wissenschaften und Philosophie belegte. Am 6. Dezember 1743 gründete Brukenthal, der in Halle einer Freimaurerloge der Lehrart „Zu den drei Weltkugeln" beigetreten war, in dieser Stadt die Studenten-Freimaurer-Loge „Zu den drei goldenen Schlüsseln" („Aux trois clefs d'or") derselben freimaurerischen Lehrart und bekleidete dort das Amt des „abgeordneten Meisters". Nach dem Studium trat Brukenthal unter Maria Theresia in den österreichischen Staatsdienst, wurde Gubernialrat, hierauf Provinzialkanzler, dann Vorstand der Siebenbürgischen Hofkanzlei in Wien und 1774 Gouverneur von Siebenbürgen mit dem Sitz in Hermannstadt. Während seiner Wiener Jahre hatte er sich verschiedene Sammlungen (Pinakothek, Kupferstichkabinett, Münzsammlung) und eine wertvolle Bibliothek aufgebaut, die er nach Hermannstadt mitnahm und nach seinem Tod unter dem Namen Brukenthalsches Museum der Nationsuniversität Siebenbürgens vermachte. In Hermannstadt ließ er sich an einem repräsentativen Platz, dem Großen Ring, das bis heute bestehende Brukenthal-Palais errichten. Wegen seiner Einwände gegen Josephs II. harsche Reformen wurde er 1787 vom Kaiser pensioniert. Josephs Nachfolger Leopold II. schätzte ihn mehr und verlieh 1790 auch Brukenthals Nachkommen den Freiherrentitel. Das deutschsprachige Gymnasium in Hermannstadt wird seit 1921 Brukenthal-Lyzeum genannt (Wikipedia).

10. September 2008