Johannes Gelich
Stadtschreiber von Hermannstadt (Sibiu) vom 1. September 2008 bis 28. Februar 2009
Das Hermannstaedter Journal
weblog aus rumaenien
weblog teil 6
Aus der Hermannstädter Zeitung:
24h-Pfleger in Österreich
1.500 Euro/Monat
Wir legalisieren und vermitteln Pfleger, 4 Wo. Arbeit – 4 Wo. Frei. Gratis Sozialversicherung, gratis Transver.
Bedingungen: gute Deutsch-Kenntnisse und
a) Praxis als Pfleger oder
b) 3 Monate Pfleger Kurs, Kursfinanzierung möglich. Monatl. Bewerbungen in Hermannstadt/Sibiu,
Org. ALTERN IN WÜRDE
Sibiu-Wien
Auf dieser Strecke bleibst du nie allein, ob es dir recht ist oder nicht. In Mediaş komme ich mit einem Maurer ins Gespräch, er ist etwa 50 Jahre alt, sieht älter aus, er erzählt mir, dass er nach Slowenien fährt, dort verdient er 4 Euro in der Stunde, 700 bleiben ihm nach Abzug von Unterbringung und Essen, er ist in der größten Baufirma Sloweniens untergekommen, in der Nähe von Ljubljana. Wenn er nach einem Jahr nach Rumänien zurückkommt, decken seine Ersparnisse 46 Monate des monatlichen Mindestlohnes in Rumänien ab.
Während wir in der nassen Kälte auf dem Bahnsteig auf den verspäteten Nachtzug nach Wien warten, bieten mir Burschen Bier zum Trinken aus ihrer Zwei-Liter-Plastikflasche an. Einer von ihnen arbeitet als Fischer in Rom und nimmt zwei seiner Freunde aus der Gegend mit, ja wozu, Zum Fischen, frage ich, Geldfischen, Frauenfischen, alles, grölen sie zurück. Der Bursche, vielleicht 25 Jahre, erzählt, er ist in Deutschland aufgewachsen, nachdem seine Eltern während der Revolution ausgewandert waren, seit Jahren arbeitet er in Rom als Fischer auf einem Kutter, hat schon eine Menge römische Freunde gefunden, fährt morgens mit dem Boot raus. Schließlich kommt der Zug, und der Maurer will unbedingt meine Telephonnummer, er rührt sich, wenn er in Wien ist, ich finde mein Abteil und bin mit einer etwa 35-jährigen Frau untergebracht. Der Wienerische Schaffner sagt: Und morgen wird geheiratet. Man kann nie wissen, erwidert meine Abteilnachbarin. Später erzählt sie, sie sei auf dem Weg nach Wien, habe eine Adresse in der Tasche, sonst wisse sie nichts von dem Auftrag; die Frau, die sie betreuen wird, ist nicht so alt, aber halbseitig gelähmt, schaut nach einer guten Adresse aus, sie wird zwei oder drei Wochen dort sein und 24-Stunden nonstop rund um die Uhr ihren Dienst versehen. Alles legal, wie sie versichert. In Rumänien arbeitet sie nicht mehr, besser so, Teilzeit in Österreich, dann lebt sie wieder eine Zeit lang in Rumänien.
Nachdem ich von dem 1000 Seiten starken DDR-Jahrhundert-Roman „Der Turm“, dem vom deutschen Feuilleton jahrzehntelang erwarteten, und nun endlich erschienen Wende-Roman des Großschriftstellers Uwe Tellkamp gelesen hatte, schrieb ich in mein Notizbuch: „Er möchte auch einen Roman schreiben über Einen, der auf einem Pulverfass sitzt, er fragt sich, wie das Pulverfass aussehen könnte, auf dem er sitzt. Er ist nicht im Kommunismus aufgewachsen, und die Pulverfässer vom letzten Krieg sind in seinem Land in den Kellern, Museen oder Literaturarchiven wasserfest verstaut. Und doch wird er den Eindruck nicht los, er säße ebenso auf einem Pulverfass. Schließlich gibt er die Frage auf, nachdem sie ihm schon Kopfzerbrechen bereitet hat, er schaltet den Computer ein und betrachtet das Holzfass auf dem Monitor, das kreiselnd von einer Bildschirmecke in die andere schwebt, gefüllt mit Wein oder Schießpulver oder Pixel, wer weiß das schon, ehe das gräuliche Schwarz des Bildschirmschoners auch diese Betrachtung begleitet von einem müden Schnaufer des Gebläses bis auf weiteres beendet.“
28. September 2008