Johannes Gelich
Stadtschreiber von Hermannstadt (Sibiu) vom 1. September 2008 bis 28. Februar 2009
Das Hermannstaedter Journal
weblog aus rumaenien
weblog teil 8
Wien-Sibiu
oder
Die Qualität der Gleise
Nach Budapest wird der rumänische Speisewagen angehängt, und schon befällt mich wieder dieses Rumänien-Feeling. Der Restaurant-Wagen mit seinen länglichen Bänken und dem geschwungenen Tresen vorne erinnert mich an Kubricks Odysse 2001, der Kellner starrt immer wieder in seinen Monitor, macht keinerlei Anstalten mich zu bedienen. Ich gehe zur Theke und bestelle ein Wasser, gerade dass er von seinem Bildschirm, wo ein amerikanischer Spielfilm läuft, aufsieht. Weng später wankt er auf mich zu und knallt mir die Wasserflasche auf den Tisch, geht zurück in seine Raumstation und trinkt aus einer Zwei-Liter-Plastikflasche Schnaps, der scheißt sich nichts. Wahrscheinlich verdient er 150 Euro im Monat, ich weiß es nicht genau, aber diese kommunistischen Relikte, dass die Leute arbeiten und gleichzeitig noch ein Eigenleben entfalten, kann man noch immer beobachten, immer weniger, auch wenn den meisten Rumänen dieses Image wahrscheinlich peinlich ist und es ihnen klischeehaft erscheinen wird, was ich schreibe. Ich sehne mich auch nicht danach, ich stelle es nur fest. Mir ist auch in Wien eine unfreundliche Verkäuferin lieber als eine zuckersüße. Den kapitalistischen Verfremdungsakt, der sozusagen in die Seele der Arbeiter eingreift und auch meint, ein Anrecht auf Steuerung ihrer Stimmung zu haben, empfinde ich als infam. Später trinke ich ein Bier, und ist es der Alkohol oder meine frivole Stimmung, mit jedem Schluck Bier erscheint mir die Ähnlichkeit des Kellners mit dem jüngst verstorbenen Germanisten Wendelin Schmidt Dengler frappierender zu sein. Ich stelle mir vor, dass der ständig überarbeitete und sich im Tempo des Denk- und Redeflusses ständig überholende, überschlagende Germanist in diesem rumänischen, Schnaps trinkenden, Sonnenblumenkerne kauenden, bei der Arbeit amerikanische Spielfilme schauenden Speisewagenkellner wiedergeboren wurde.
Ich bin geflüchtet vor Engelbert, mit dem ich mein Schlafwagenabteil teile. Er war in der österreichischen Handelsvertretung in Bukarest angestellt, ehe er in Pension gingt. Er kommt aus dem Steirerdorf*, und war gerade in Wien, wo er sich eine neue Hüfte einsetzen ließ. Jetzt pendelt er zwischen Wien und Bukarest. Er hat einiges zu erzählen, wie man sagt, wir kommen auf Helmut Schmidt zu sprechen und das Abkommen zwischen der Bonner Regierung und dem rumänischen Diktator, laut dem in den 80er Jahren pro Kopf etwa 5000 - 7000 DM für die Ausfolgung eines Reisepasses und die Ausreisegenehmigung eines Rumäniendeutschen bezahlt wurde. Engelbert winkt ab, Franz Josef Strauß habe viel mehr getan, der ja mit Ceauşescu auch gerne auf die Jagd gegangen sein soll. Im August 1981 sei Franz Josef nach Bukarest zur Eröffnung einer Flugzeugmesse gekommen, man hätte ein reichhaltiges bayerisches Buffet aufgebaut, das aber keiner der geladenen Gäste angerührt habe. Franz Josef habe gefragt, wie das möglich sei, dass die Rumänen, wo sie doch nichts zu fressen hätten, nichts von dem bayerischen Buffet aßen, als man ihm indigniert antwortete, in der orthodoxen rumänischen Kirche werde vom 1. August bis zu Mariä Himmelfahrt strengstens gefastet. Darauf habe Franz Josef scheinbar mit Ceauşescu telephoniert, und der hätte ihm 50 Leute geschickt, die das Bayerische Kulturgut auch wirklich gefressen hätten. Seine Frau, so Engelbert, die eine streng gläubige Orthodoxe sei, quäle ihn auch mit dem Fasten, er sei strenger Katholik, aber die Katholiken fasteten nicht im August, aber was solle er machen, seine Frau sei schön und 13 Jahre jünger. Er erzählt von Adenauer, der inhaftierte deutsche Kommunisten zum Austausch von 20 verhafteten rumänischen Pastoren angeboten habe. Der Gefangenenaustausch habe dann tatsächlich in Nickelsdorf stattgefunden. Man sieht, an dem Klischee vom neutralen Österreich als Agentendrehscheibe während des Kalten Krieges ist was dran. Von den 20 deutschen Kommunisten seien später aber wenige in Rumänien geblieben. Mein Vater hatte auch immer gesagt, die Kommunisten sollten sich in die Sowjetunion schleichen, wenn sie unbedingt am Aufbau des Kommunismus mitarbeiten wollten. Beim Stichwort Kommunisten kommt Engelbert in Fahrt: Ab 1930 seien 90% der Mitglieder der KP Juden gewesen, und vor dem verheerenden Pogrom in Iasi** hätten die jüdischen Agenten in der ganzen Stadt Unruhe gestiftet, an verschiedensten Orten, was dann schließlich zu dem Pogrom geführt hätte. Engelbert traf auch Gerhard Schröder in Berlin, wo dieser ihm ein Exemplar seines gerade erschienen Buches*** über Russland geschenkt hätte. In dem Buch gehe es um ein Zurechtrücken des schlechten russischen Images, das die Deutschen von den Russen hätten, aber Schröder sei ein Diversionist – wie die jüdischen Agenten. Ich versuchte dem alten Mann zu erklären, dass der Kommunismus bei uns etwas anderes bedeute als in Rumänien, dass die Intellektuellen hierzulande Sympathien für die Kommunisten aufbrächten, weil sie die einzigen waren, die bewaffneten Widerstand gegen die Nazis leisteten, zum Beispiel in Salzburg, wo ich geboren wurde, in der Halleiner Papierfabrik,. Er hörte mir interessiert zu, dann fuhr er fort, über einen Historiker mit namen Pelin oder so ähnlich zu sprechen, der das Iasier Pogrom in ein rechtes Licht gerückt habe. Etwas später erzählt Engelbert, dass in seiner Familie alle Nazis gewesen seien, außer seinem Vater, sein Onkel sei sogar bei der SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division Waffen SS Prinz Eugen**** gewesen, während des Krieges hätte ihm Franco einen Reisepass angeboten, was dieser abgelehnt habe.
Als ich den Redeschwall Engelberts nicht mehr aushielt, flüchtete ich hierher in den Speisewagen. Ich ärgerte mich, dass ich zu wenig weiß über die rumänische Geschichte. Man müsste mehr wissen, um da mitreden zu können, und natürlich sollte ich nicht Bier trinken und den Kellner anstaunen. Stattdessen lese ich den Falter und notiere den Satz:
„Heute, wo wir selbst beim Chinesen mexikanisch essen können, während im Hintergrund Reggae läuft und im Fernsehen gleichzeitig eine sowjetische Sendung über den Fall der Berliner Mauer, (...) hat sich die Aufgabe des Realismus verwandelt. Um einen ähnlichen Erkenntnisschub zu erzielen wie vor hundert Jahren, müsste realistische Literatur eigentlich im Bekannten das Fremde aufdecken, müsste paradoxerweise das, was wir für real halten (...) in die dreiminesionale Welt zurückführen, also aus den flachen Images des Fernsehens die verlorengegangene Wirklichkeit rekonstruieren.“
David Foster Wallace
Am Morgen weckt mich der Schaffner zu spät, und ich verpasse die Station Simeria und steige in Alba Julia aus. Vor Jahren fuhr ich einmal nach Temeswar, wachte auf, als der Zug auf der Station stand, packte meine Siebensachen zusammen, und schleppte meine 40 Kilo schwere Tasche durch den Zugskorridor. Der Zug fuhr an, ich sprang wie im Wilden Westen aus dem Waggon, stürzte, und der Schaffner warf mir die Tasche hinterher. Filmreif. Schöne Erinnerung.
Während wir im Morgengrauen in Richtung Alba Iulia fahren, steht Engelbert ausgeschlafen neben mir. Wir reden über Familien und Scheidungen und er meint, wenn einmal ein Kind da sei, dann dürfe es keine Scheidungen geben, er sei ein strenger Katholik. Wenig später flüstert er mir vertraulich zu, zwischen 54 und 64, da habe er es wild getrieben, zu wild, seine Frau, die ja eine streng gläubige orthodoxe Christin sei, hätte ihn nur dienstags und donnerstags drübergelassen, was hätte er machen sollen, onanieren? Er habe viele Frauen gehabt, die seien damals williger gewesen, als heute. Ja Wien, als Kind habe er immer das Bild des Riesenrades vor sich gebaht, aber er sei noch immer nicht mit ihm gefahren.
Als der Lokalzug in Richtung Alba Iulia in einer Kurve gewaltig quietscht und ruckelt, fällt mir der Schweizer ein, der bei der Fahrt nach Wien letzte Woche im Abteil neben uns schlief und mit seiner Bemerkung über die rumänischen Gleise den Vogel abgeschossen hatte. Er und seine Gefährtin hatten ihre Fahrräder mit im Abteil, er gertenschlank im Fahrraddress, geradezu magersüchtig. Er wollte mit mir ins Gespräch kommen und meinte, er und seine Frau seien Vegetarier, er beklagte, wie schwer man es in Rumänien habe als Vegetarier. Nachdem ich nichts antwortete, weil ich in dem Moment der Ankunft in Wien voller Vorfreude auf meine junge Familie für mich bleiben wollte, sagte er: Man merkt schon, dass man wieder in Österreich ist, die Gleisqualität im Vergleich zu Rumänien ist schon enorm, da ruckelt es ganz schrecklich. Es war der falsche Beginn eines Gespräches mit mir.
*Anina (deutsch Steierdorf-Anina, ungarisch Stájerlakanina) ist eine Stadt in Rumänien, Bezirk Caraş-Severin mit einer Bevölkerung von 9.172 Personen. Die Stadt liegt im Banater Gebirge und war im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts ein wichtiges Zentrum des Steinkohlebergbaus. Ein großer Teil der deutschen Minderheit wanderte in den 1980er und 1990er Jahren nach Deutschland aus (Wikipedia).
** Das Pogrom von Iaşi [Bearbeiten]Deutsche und rumänische Truppen hatten im Juli 1941 Transnistrien eingenommen. Ein zwischen Deutschland und Rumänien geschlossener Vertrag unterstellte das Gebiet rumänischer Verwaltung. Bereits im Sommer 1941, noch vor dem Krieg gegen die Sowjetunion, der so genannten „Operation Barbarossa“ und vor der Berliner Wannseekonferenz, hatte Marschall Ion Antonescu einen „Masterplan“ entwickelt, der auf die „ethnische Säuberung“ des rumänischen Territoriums abzielte. Der Pogrom von Iaşi am 29. Juni 1941 war der erste Schritt auf diesem Weg. Verstärkte antisemitische Agitation in der lokalen Presse, öffentliche Schuldzuweisungen gegenüber der jüdischen Bevölkerung, für die sowjetischen Bombardierungen verantwortlich zu sein, ließen die antisemitische Stimmung in der Stadt wachsen und endeten schließlich in einem Massaker, dem mindestens 13.000 Juden zum Opfer fielen. Der Pogrom von Iași wurde in erster Linie von der lokalen Polizei, Soldaten der rumänischen Armee, Paramilitärs und der Zivilbevölkerung ausgeführt. Beteiligt waren aber auch in Iași stationierte Einheiten der Wehrmacht, die das Massaker auf Hunderten von Fotos, die heute im United States Holocaust Memorial Museum in Washington archiviert sind, festhielten. Der deutsche Einsatzplan hatte einen solchen Übergriff nicht vorgesehen, die Initiative ging von Antonescus "Masterplan" aus, der die „Evakuierung“ aller Juden von Iași und schließlich die Ermordung aller rumänischen Juden vorsah. Von den 127 Synagogen der Stadt überstand nur eine die Zerstörungen. Über dieses Massaker und die Judenverfolgung im Lande allgemein wurde in Rumänien lange Zeit, vor allem während der kommunistischen Herrschaft, nicht offiziell gesprochen. Seit dem Jahr 2003 wurde mit der Aufarbeitung begonnen. Der damalige Präsident Ion Iliescu berief die Internationale Kommission zur Erforschung des Holocaust in Rumänien unter der Leitung des Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel ein. Die Wiesel-Kommission legte ihren Abschlussbericht Ende 2004 vor. Sie bestätigte den spezifisch rumänischen Holocaust; ein Elie-Wiesel-Institut wurde gegründet und der 9. Oktober als Holocaust-Gedenktag festgelegt (Wikipedia).
***Gerhard Schröder hat meines Wissens nie ein Buch über Russland geschrieben, möglicherweise handelt es sich bei dem zitierten Werk um seine Autobiographie „Entscheidungen. Mein Leben in der Politik“
****Die 7. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division „Prinz Eugen“ war eine Divisionen der Waffen-SS, die vor allem im nordserbischen Banat aus Volksdeutschen aufgestellt wurde. Sie wurde vor allem durch ihre zahlreichen Kriegsverbrechen im Partisanenkrieg in Jugoslawien bekannt. Dadurch prägte sie das Geschichtsbild vom Krieg der deutschen Wehrmacht und Waffen-SS in Jugoslawien (Wikipedia).
1. Oktober 2008