Johannes Gelich
Stadtschreiber von Hermannstadt (Sibiu) vom 1. September 2008 bis 28. Februar 2009
Das Hermannstaedter Journal
weblog aus rumaenien
weblog teil 13
Vlad reist zurück nach Transsilvanien
Die Kiste mit Erde steht im Keller bereit, der Zug fährt in Kürze ab, auch wenn die Abfahrt gestern oder am morgigen Tag gewesen sein könnte. Noch zögert Vlad (und das Zögern könnte ebenso eine überhastete Eilfertigkeit sein), in den Keller hinunterzugehen, sein Blick verharrt auf der auf dem Stuhl hingeworfenen Kappe, die bereit für die Abreise in der Mitte des Sitzpolsters liegt. Was für einen bemitleidenswerten Anblick ihm diese eingefallene, fleckige Kappe bietet. Ihm wird die Vergeblichkeit allen menschlichen Tuns schmerzhaft bewusst, weil die Lebenden am Ende immer in irgendeinem Zimmer landen, ihre Kappe auf einem Lehnstuhl, ihre Leiber in einem Bett, von dem sie nicht mehr aufstehen werden. Gleichzeitig wird ihm bewusst, dass seine Sympathie oder sein Bewusstsein über die Hilflosigkeit der Kappe nur auf seine eigene Hilflosigkeit oder Melancholie zurückzuführen sind, denn Vlad weiß zu gut, dass man zu dem wird, was man sieht.
Je länger er die Kappe betrachtet, desto deutlicher scheint sie sich in ein organisches Wesen zu verwandeln, das Laute von sich gibt, in einer Sprache und für ein Sinnesorgan bestimmt, das er erst entwickeln muss, ein Wesen, das ihn zu dem Gedanken verleitet, er selbst wäre nichts anderes als eine eingefallene, schon etwas fleckige Kappe, und der Stuhl nichts anderes als die ganze Welt (der Tischler empfindet beim Sägen und Nageln des Stuhles ähnlich). Ihre Demut, mit der sie, auch sie eine Spezies der Untoten, ihr Schicksal hinzunehmen schein, macht ihn wütend, selbstzufrieden (ihm ist diese Selbstverständlichkeit wenn nicht abhanden, so vielleicht überhaupt nie zuteil geworden) auf dem Stuhl liegend, von der Erdanziehung angezogen zu dieser Form der Existenz verurteilt. Er weiß nicht, verspürt er Neid oder Hass, dass die Kappe diese Verurteilung in keinster Weise empfinden KANN, so wie die meisten ihrer potentiellen Träger diese Verurteilung nicht empfinden WOLLEN.
Das Rätsel und die Verwirrung werden immer größer, denn, so belehrt sich Vlad, die Kappe erlebt mitnichten ihren Zustand mit einer großen Selbstverständlichkeit, sondern sie stellt ihn nur dar, sodass alles, was Vlad bisher dachte, nur auf ihn (so wie man eher über den Inhaber des Regenschirmes als über das auf dem Garderobenständer noch schaukelnde Objekt sinnieren könnte, nachdem sein Besitzer (schon wieder ein materieller Verlust) längst das Zimmer verlassen hat) selber zurückfällt.
Diese Überlegungen verzögern seine Abreise empfindlich, und zu seiner Bestürzung – und Vlad ist nicht leicht in Aufruhr zu versetzen – stellt er fest, dass seine Gedanken längst nicht mehr seine Gedanken über die Kappe betreffen, sondern seine Gedanken über die Gedanken über die Kappe und immer weiter, seine Gedanken über die Gedanken über die Gedanken über die Kappe und immer so weiter, sodass er derart in Rage gerät, die Kappe zur Hand nimmt und in eine Ecke pfeffert.
Nachdem er sich beruhigt hat, kann er die Kappe aber nicht vergessen, sondern sein Blick wird gerade so von der im Staub liegende Kappe angezogen, als würde sie aus ihren Nähten bluten. Und was bislang zurecht als unvorstellbar galt, ist eingetreten: Vlad bedauert seinen Wutausbruch, ihre Gleichmut gegenüber ihrem eigenen Schicksal (es ist der Ort, der aus der Geschichte folgt) rührt ihn derart, dass er sich ächzend niederbeugt, die Kappe aufhebt und ihr den Staub abklopft. Er dreht sie zärtlich vor seinen roten Augen hin und her, nimmt sie von einer Hand in die andere, betastet ihren Stoff, in dem sich Monate, wenn nicht Jahre eines Lebens in Freiheit eingegraben haben. Er bittet sie, sie möge ihm Zugang zu seiner Erinnerung verschaffen, sie möge ihm von seiner Vergangenheit erzählen, erzählen von den heiß ersehnten oder lästigen Regengüssen, als er die Kappe von einer Busstation zu einer Haustür getragen hatte, sie möge ihm die Geschichten von den Schweißrändern an ihrer Naht erzählen, als er an sonnigen und schwülen Großstadttagen auf dem Fahrrad in die Arbeit oder in das Schwimmbad gefahren war, oder auch nur all die banalen und alltäglichen, weder als sonnig noch verregnet gespeicherten und der Aufmerksamkeit entrissenen Tage, in Erinnerung rufen, in denen sie eine unsichtbare Begleiterin war, und manchmal – es bringt Glück – die Taubenscheisse aufgefangen hat.
Von all diesen Möglichkeiten erzählt die Kappe naturgemäß nicht, sodass er sie, nach der schrecklichen Aufregung müde geworden, zurück auf den Lehnsessel legt, wo sie in sich zusammengefallen wieder ihr fleckiges Dasein fristet, zur Abfahrt bereit oder nicht, aber auf alle Fälle in irgendeiner Form selbst Vlad überlebend, der bisher noch immer von den Toten auferstanden ist.
24. Oktober 2008