Johannes Gelich
Stadtschreiber von Hermannstadt (Sibiu) vom 1. September 2008 bis 28. Februar 2009
Das Hermannstaedter Journal
weblog aus rumaenien
weblog teil 14
Vlad und die Suppen
Es gibt Momente, die ihn vergessen lassen, dass er eigentlich ein Bewohner des Totenreichs ist, und zu den (nur scheinbar) längst zurückgelassenen Geistern der Vergangenheit zählt. Die Ciorba aber holt ihn zurück aus diesem Totenreich, und erlaubt ihm süße Stunden des wirklichen Lebens, gleich einer geborgten Wirklichkeit. Er könnte das Rezept auswendig vorwärts und rückwärts aufsagen, bei dem auf Basis einer sauren Borsch-Suppe in die Suppe alle Arten von Gemüsesorten wie Zwiebel, Weißkraut, Karotten, Kartoffeln, Erbsen, Fasolen, Tomaten etcetera eingelegt und mit Rindfleisch gekocht und mit Liebstöckel, Petersilie und Tomatenmark gewürzt werden. Serviert wird sie mit einem geradezu abschreckend scharfen Ardei iute und dem smăntana genannten Sauerrahm. Doch ist die richtige Methode beim Verzehr der köstlichen Suppe umstritten, und Vlad hat noch kein ihm völlig entsprechendes Verfahren entdeckt, was vielleicht auch daran liegt, dass er sofort in eine gierige Nervosität verfällt, wenn der Suppenteller vor ihm steht, und er also aus Gier daran gehindert ist, methodologisch vorzugehen. Manchmal beginnt er mit dem Pfefferoni, von dem er die feurige Spitze (es ist dasselbe Feuer wie jenes, das in seinen Augen lodert) abbeißt, sofort breitet sich im Mund eine angenehme, teilweise aber fast unerträgliche Schärfe aus, die man entweder durch einen Löffel Suppe löscht und mit einem Stück Weißbrot trocknet, um so fortzufahren, (was jedoch in manchen Fällen bereits zu Sodbrennen in seinem im Laufe der Jahrhunderte träge gewordenen Magen geführt hat); die vielleicht sanftere Methode besteht darin, zunächst den Sauerrahm in der Suppe in einem an Jackson Pollocks „Action Painting“ angelehnten Verfahren einzuträufeln und die mit Sauerrahm angereicherte Suppe in einem Verhältnis von etwa 1:5 oder besser 1:4 zu löffeln, dazwischen einen – man beginne mit möglichst kleinen Bissen der Ardei iute, da man sich, einmal einen zu großen Bissen des Feuers gekostet, das ganze Essen lang nicht mehr von der Schärfe erholt, und steigere dann je nach Bedarf den Anteil an ardei iute, so wie man die Flamme eines Gasherdes dosieren würde. Das Brot eignet sich immer als Zwischeneinlage, um die Geschmacksnerven gleichsam zu beruhigen oder zu neutralisieren, um dann mit dem neuerlichen Einträufeln des Sauerrahms eine neuerliche Löffel-Sequenz zu beginnen. Nach dem Verzehr der Ciorba legt sich Vlad zufrieden auf sein Bett aus Erde in die Holzkiste und verschiebt seine blutigen Träume nach Menschenfleisch auf ein anderes Mal.
27. Oktober 2008