AKTUELLES | BIOGRAPHISCHES | LESEPROBEN | HÖRPROBEN | BEITRÄGE | REZENSIONEN | PRESSE | LINKS | KONTAKT
weblog teil 15



Johannes Gelich

Stadtschreiber von Hermannstadt (Sibiu) vom 1. September 2008 bis 28. Februar 2009

Das Hermannstaedter Journal
weblog aus rumaenien


EINE VEGETARIERIN FÄHRT NACH RUMÄNIEN UND BEKOMMT EINE GANS GESCHENKT

Monolog

Beate, alternative Rucksacktouristin aus Bayern, kommt auf die Bühne, blickt sich immer wieder um, außer Atem, legt ihren Rucksack ab, sie hält eine tote Gans an der Gurgel, versucht, Auto zu stoppen. Selten befahrene Landstraße in Rumänien. Nimmt immer wieder ein Wörterbuch zur Hand, in dem sie rumänische Wörter nachschlägt.

Teil I

BEATE
Und dann kamen wir aus dem Wald heraus, kamen aus dem Wald heraus, und vor uns liegt dieses Kloster, und ich sage: Ohhhhhh, und Virgil lacht, und redet über das Kloster, ich sage, ich verstehe nichts, und er deutet, er versteht auch nichts, und wir aus dem Wald, UNDERSTANDING not so easy, sage ich, und er: Nici easy! SEE Monastir, you see, Monastir?, und ich blättere diesen Nietzsche oder Nitsch im Wörterbuch nach, und was kommt der jetzt auf einmal mit Nietzsche, nici easy, Strauß die Drecksau, und da stehen wir vor dem Kloster, Jahrhunderte von Stürmen, auf der Wetterseite ganz ausgebleicht, diese Farben, und plötzlich, plötzlich, bin ich ganz glücklich, dass ich auf einmal weiß, wozu ich eigentlich, hierher, und Virgil deutet, wir müssen gehen, wie, wir sind doch erst durch den Wald geblättert, wegen dem Kloster, aus dem Wald, Strauß die Drecksau, nicht dass ich auf einmal religiös, aber solche Farben gibt es an den Kirchen zuhause ja gar nicht, sagt man sich, zuhause ist ja gar keine Zeit für so schöne Farben, und da fliegen sie dann auf einen zu, diese Engerl, (beginnt zu weinen) und man versucht doch nur, seiner eigenen Treue wegen, dass man sich eben denkt, dass man eben nichts essen möchte, wofür eine andere Kreatur gestorben sein soll, und man steht so im Klostergarten und da fliegen dann die Engerl und die Heiligenscheine auf einen zu, und man schaut sich die bunten Teuferln an, und (beruhigt sich), Strauß die Drecksau, und man denkt sich, dass damals die Leute nicht so verloren, oder zumindest dass es so ruhig zugegangen sein muss, da, im Klostergarten, und dann haben die Dinge, und die Reise, und dann hat das einen Sinn, Vegetarul, Vegetaria, (blättert im Wörterbuch) Eu sunt Vegetaria, kapiert, die haben doch auch Vegetarier, genauso wie wir, und dann auf einmal sagt Virgil: wir müssen weiter zur Tante, AUNT, AUNT, und dabei wollte ich, dass es einem manchmal so gehen kann, dass man bleiben möchte, da wo man hingereist ist, nachdem wir durch den Wald, wie Vergil und Beatrice, nur ich nicht Beatrice, sondern Beate und er nicht Vergil, sondern Virgil, aber bei Dante führt doch die Beatrice den Vergil durch den Wald, durch den Wald, den man vor lauter Bäumen nicht sieht, den Wald, das Unverständnis, aber ich führe nicht den Virgil durch den Wald, sondern der Virgil führt die Beate durch den Wald, also andersherum, da habe ich nicht mehr gedacht, was mache ich eigentlich hier, auf Reisen fragt man sich doch so oft, (streichelt das Tier), was man da soll, und, Strauß, die Drecksau, und dieser Virgil, lächel, lächel, wir, gerade aus den Wäldern draußen, und da fragt sich die Beate, was sagt das Mensch nicht: Nein, so ein Klostergarten vielleicht nicht gerade zum Nein-Sagen gemacht, sage ich nicht: Nein, nix Tante, Strauß die Drecksau, aber nein, was sagt das Mensch nicht: ich will nicht zur Tante, weil man ja die Höflichkeit, dann heißt es wieder: die Deutschen, die Deutschen, die Nein-Sager, die Willenvollstrecker, die ewigen Selbstbehaupter, und nix sich auflösen in anderer Kultur, wenn jetzt alle reden, Balkan Mode, ich war ja schon in Finnland, da war noch gar nix Mode Finnland, schon nix noch gar nicht Mode Finnland und Mode intelligenter Norden, war ich schon Finnland, not Mode, und jetzt, wo sie ins Fernsehen und in die Bücher diese Balkanmode hineingestellt haben, war ich schon längst in Jugo Jugoslawien und habe getanzt Dumbala Dumba (tanzt mit der toten Gans und singt): Du nici tanzen? Und eigentlich hätte ich mit Virgil im Klostergarten tanzen können, so ein netter Mensch, dieser Virgil, spricht mich an, in der fremden Stadt, dieser nette Rumäne, spricht mich einfach an und geht einfach mit, sagt: I ANT, I HAVE ANT, NEAR MONASTIR, i come with you and we go eat and drink with aunt, und ich nix: Nein, Nici, Nu, No, warum sagt die Beate nicht: Nein, nix Tante, nix zu Tante gehen und Gans essen, sage das Mensch natürlich nicht, (streichelt die tote Gans) ich weiß doch, dass ihr alle sterben müssts, immerhin keine Stopfgans gewesen, da kannst du froh sein, weil so eine Stopfgans, da stoßen sie dir einen langen Metalltrichter in deinen Tierhals hinein, damit sie dir den Maisbrei schneller hineinstopfen können, damit du so richtig fett wirst, stopfen sie dir zweimal am Tag den Mais hinein, damit du in drei Wochen fett wie eine Sau bist, und nach dem Stopfen, da strangulieren sie dir deinen Hals mit einem Gummiband, damit du nicht kotzen kannst, und das geht ja dann so weit, dass das Gänschen Selbstmord macht, dass das Gänschen nach dem ersten Stopfen seinen Kopf gegen den Boden schlägt, solange, bis es stirbt. (Sie weint) Ich weiß doch, dass ihr alle sterben müssts, weil die Onkel euch alle, diese blutige Spur da, denke ich, wie ich auf die Malerei auf der Klostermauer schaue, unter dem letzten Abendmahl, die blutige Spur, die vom Westen hinunterführt nach Südosten und unten der Teufel, weil die Onkel im Westen euch schon über die Jahrhunderte, und unten sitzt der Teufel und dann ist dieser riesige Walfisch, die Onkel aus dem Westen euch Jahrhunderte lang gefickt haben, haben Balkan ficki ficki, Balkan ficki, du armes Kleines (streichelt das Tier), ich bin doch nur hergekommen, dass ich einen Moment, jetzt reden doch alle, nix Großspur, nix Kleinspur, dass ich gedacht habe, wir haben es ja auch nicht so leicht, Nici easy, und dann finde ich endlich den Nietzsche im Wörterbuch, NICI – NICHTS, und sage No, yes, nothing easy, UNDERSTANDING not so easy, und der Virgil lächelt und (weint wieder) was soll man denn sonst sagen, wenn nicht: Nein, nici, Nu, aber haben das Mensch: Ja gesagt, gehen zur Tante, vor und in der Kirche: Ja sagen, Nein sagen nicht gefragt vor Kloster. Und vielleicht habe ich dem Virgil einfach nicht klargemacht: VEGETARUL, I am VEGETARUL, er lächelt einfach, man lächelt sich ja von einem Land in das andere, lächel, lächel, alles schön exotisch lächel, lächel, und warum fährt die Frau auch alleine nach Rumänien, wenn sie keinen Man hat, aber das wollten wir ja nicht hören, du nici husband, no, tu not wife, married, nu, no, im not married. Wieso soll ich verheiratet sein, wenn ein Mann alleine da so daherreist, nici problem, aber eine Frau, nici verheiratet? Nici married? Na und? Hauptsache lächel, lächel, und zuhause hat es doch dauernd geheißen, lächel doch Beate, und kein Gesicht ziehen, ordentlich lächel, Beate, und Beatrice also ordentlich lächel, lächel, schön exotisch, aber ich im Klostergarten so richtig auf Beatrice Trip, so viel Wald vor lauter Unverständnis, und da war dieser Moment, wo der endlich einmal aufhört zu reden und ich frage ihn einfach you were not in Germany, und er: i work Germany, you mean: you worked in Germany, sage ich, you worked in Germany, und er: yes, i work Germany, no, you mean: worked, you worked in Germany, und dann sagt der Virgil endlich nicht: I work Germany, sondern I worked Germany, Strauß die Drecksau, ja sicher, I also work Germany, wenn ich eine Arbeit hätte, dann i also work Germany, sicher, sagt dann Strauß die Drecksau: Gemma halt Kloputzen, dann: i work Germany, aber dann Virgil, nix mehr Germany, wir durch den Wald, reden Mushrooms, ich rede selber schon Pilze zerfallen mir im Mund, nein nein.

Fortsetzung folgt

6. November 2008