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weblog teil 17



Johannes Gelich

Stadtschreiber von Hermannstadt (Sibiu) vom 1. September 2008 bis 28. Februar 2009

Das Hermannstaedter Journal
weblog aus rumaenien


EINE VEGETARIERIN FÄHRT NACH RUMÄNIEN UND BEKOMMT EINE GANS GESCHENKT

Monolog

Teil III

BEATE
Und dann standen wir schon am Gartenzaun, standen am Gartenzaun, und die Gänse watscheln in einer Schar auf uns zu, ganz aufgeregt, und dann kommt der Hund angerollt an seiner langen Kette, und dann hat er sich das Vorrecht erbellt, dass er der Begrüßer ist und nicht die Gänse, dass man da gefälligst vorher am Hund vorbei und nicht an den Gänsen, denkt sich der Hund, und die Gänse watscheln kreischend davon, und dann kommt schon die Tante herausgewatschelt hätte ich beinahe gesagt, 70 Jahre und ein Gesicht glatt wie eine Billardkugel, und diese Augen ganz stahlblau kommt mit ihren abgeschnittenen Gummistiefeln und schlägt die Hände über den Kopf zusammen, weil die Tanten da, die sind immer zuhause, man braucht nur an den Gartenzaun kommen, und als ich dann an den Gänsen vorbei, da frage ich mich schon, ob ich jetzt eindringe in denen ihr Leben, in denen ihre Kultur, wie so ein Schwanz in einen eindringt, und ob ich jetzt der Schwanz bin, und ob ich mich da noch so verhalten kann, wie ein Schwanz, ob ich mich überhaupt noch verhalten kann wie als Deutsche und Nein-Sagen, wie ich ja auch in Deutschland Nein sagen kann, zu jedem, und dann sind sie dir ja auch nicht beleidigt. Ein Abenteuer mit dem Virgil hätte ich mir ja auch vorstellen können, das wäre ja auch vorstellbar, denke ich, mir gefällt ja der Virgil gar nicht so schlecht, denke ich mir in dem Moment, wo mich der Hund vorbei lässt und an meiner ... schnuppert, und nix macht und mich passieren lässt, dass ich mir denke, Virgil, ein witziger Mensch, dass da ja auch ein Abenteuer sein könnte, wenn der nicht so aufdringlich wäre, und dann watscheln die Gänse und der Hund bellt und die Tante kommt, die sind ja immer zuhause, welche Tante ist denn bei uns immer zu Hause, ist sie immer bei sich auch, das ist ja so eine Frage, die hat ja nichts von Freud gehört und dem ganzen Quatsch, und freudsches Händeüberdenkopfschlagen, dass sie da über ihrem Über-Ich herumwedelt, oder das Über-Ich, dass da aus ihrem Kopf verdunstet zusammenschlägt, oder so ein Quatsch, sind doch immer zuhause, die Tanten, frag dich einmal, ist die Tante Simone in Padderborn jetzt zuhause, ist jetzt die Tante Siegrun in Alesenbrück-Langmeil zuhause, sicher nicht, die Tante, die Gänsetante Mariuscha: immer zuhause, Strauß, die Drecksau, die fragt sich gar nicht, bin ich bei mir oder ist sie bei sich oder so ein Quatsch, und sie schlägt die Hände über den Kopf zusammen, und lacht, die lacht nämlich, und da lache ich auch, und die lächelt nicht, der Hund wedelt ganz aufgeregt mit dem Schwanz, und die Gänse wedeln ganz aufgeregt mit dem Schwanz, weil alle jetzt so eine Freude haben, dass Leben in die Bude kommt, und das erste Signal, würde der Semiotiker sagen, das erste Signal ist das Schwanzwedeln, und das reicht ja auch schon, das ist ja wie ein Uhrzeiger auf der Uhr, und wenn sich der Schwanz bewegt, dann vergeht auch die Zeit, weil ansonsten dann eben nur das zuhause sein, und die Mariuscha öffnet das Tor und umarmt als erstes mich, und sie denkt vielleicht, dass ich die Neue von Virgil, dass der Virgil jetzt endlich eine Germanierin, Germanygirl, und ich umarme sie und es riecht nach Haar und Wolle und Zwiebel und Holzkohle und das ist ein Geruch von einem Menschen, der dann das aufnimmt, was um einen herum ist, und sie reißt mir meinen Rucksack aus der Hand, und streichelt mit der Hand den Rucksack und bestaunt das Material, dieses Nylon, die haben doch auch längst diese Rucksäcke aus Nylon hier, Strauß, die Drecksau, aber ihr gefällt das dicke Nylonmaterial und sie hat nur silberne Zähne, das ganze Gebiss versilbert, ein einziger Schatz im Silbersee dieses Gebiss, und sie umarmt mich wieder, und dann schleppt sie den Rucksack in die Küche, und der Virgil, lächel, lächel, und ich, lächel, lächel, aber mit Mariuscha da braucht es nicht dieses Lächel, lächel, sondern wir können uns so unsere Zähne gegenseitig zeigen, aber nici Alphatier, Betatier, so beim Lachen, und dann fragt sie, Milch, ob ich eine Milch, eine warme, die hat sie gerade aus dem Euter heruntergequetscht, und sie holt den Krug mit der warmen Milch und Virgil sagt warm cow, und ich, lächel, lächel, CALD, CALD sagt die Tante und ich cold, und Virgil, nu, nu, cald – warm, nici kalt, cald is worm, und worm cau, sagt, worm cau, und ich habe ja eine Milchallergie und eine Kuhphobie und, jetzt nix mehr lächel, lächel und Gebiss Gebiss, nix Toleranz groß, groß Toleranz, sondern nur noch panic, PANIK, wie soll das Mensch jetzt da herauskommen, und sagen: nu Milch, i no Milch, nici, nix worm cau, ich nix Stillphase, nix gestillt, i did not drink Mama, Mamamilk, ich Milchphobie, nici warm cau, aber ich kann das nicht erklären und Virgil, lächel, lächel, und ich jetzt ganz panic, kostet das Mensch halt die Milch, denkt sich die Beate, die warme Milch, die nicht heiße Milch, die kauh worm Milch, und schmeckt nicht schlimm, Toleranzschluck, ich denke, machst Du den eben einen Toleranzschluck, nur einen Toleranzschluck.

Fortsetzung folgt

17. November 2008