Johannes Gelich
Stadtschreiber von Hermannstadt (Sibiu) vom 1. September 2008 bis 28. Februar 2009
Das Hermannstaedter Journal
weblog aus rumaenien
EINE VEGETARIERIN FÄHRT NACH RUMÄNIEN UND BEKOMMT EINE GANS GESCHENKT
Monolog
Teil IV
BEATE
Die Milch schmeckte ganz stark nach dem Inneren von diesem Vieh, nur ein Toleranzschluck habe ich gedacht, irgendwann muss ich meinen Yoga Lehrer um Übungen fragen, was ich in so einem Moment machen soll, bei diesem Konsumationskonflikt, wenn ich zwischen dem Konsumdruck und dem Toleranzschluck stehe, welche Atemübungen ich da am besten anwende, aber ich kann mich hier ja schwer hinsetzen auf den Boden, die denkt sich, ich bin ja nicht ganz dicht, mich einfach hinsetzen auf den Boden und Yoga machen, nici Milkfan, ich nicht, und Mariuscha lacht, und ich fühle schon die roten Pusteln im Gesicht, die Histaminpusteln, aber das Asthma kommt, I Asthma, Milkasthma, und Mariuscha lacht, Nici Lapte, nu? Asthma, und sie gibt dem Virgil, einen Klaps und frumos, frumos, Virgil lächel, lächel, und sagt: You bjutiful, Mariuscha sad, und ich nicht mehr lächel, lächel, taste nach Pustel, aber ich nici Pustel, ich danke, schön danke sagen, Mama sagen: Immer danke sagen, das ist das einzige, dass das Mensch auf Rumänisch DANKE sagen kann, Strauß, die Drecksau, mulzu mesc, danke, und danke, und Virgil lacht, jetzt lacht auch Zahnlücken-Virgil, lache, lache, Zahnlücke, hinten links auf dem 7er oder auf dem 8er, und ich denke, das Asthma kommt, das Asthma kommt, wo ist der Asthmaspray, und: was wird das kosten hier so ein künstlicher Zahn, und Virgil sagt: You only thank, und ich ganz wenig lächel, lächel, und eher röchel röchel, und Mariuscha will wieder einschenken, aber ich schneller mit der Hand über der Tasse, Toleranzschluck schön und gut, das versteht jeder, weil ich in Jugo Jugoslawien, mit dem Schnaps, jeder versteht das, ich immer gesagt Jugoslawien, für mich ist das nicht zuende gegangen, aber das war andere Mode, heute lauter Bücher über Jugoslawien, nici mehr Jugoslawien, seit sie diese Balkanmode hereingestellt haben, und Mariuscha steht auf und holt eine Flasche mit Wasser und ich sage, DA DA, das ist das richtige, und Mariuscha jetzt wieder Schatz im Silbersee, Silber, Silber, und schenkt ein das Wasser und, ich: Danke, danke, und nimmt das Mensch einen kräftigen Schluck, und was ist es, was ist es; (nimmt die Gans und würgt sie) Schnaps, glasklar, ZUIKA, sagt der Virgil, schaut aus wie Gebirgsquellwasser, als wäre es direkt von den Karpaten hier hinein in die gute Stube geronnen und nix rote Spur, aber doch rote Spur in meiner Kehle, Asthma, doch nicht so stark oder schon im Rückzugsgefecht, die füllen mich ab mit Schnaps und Mariuscha und Virgil lache, lache, und ich huste, und guter Schnaps aber viel zu starker Schluck, und sie klopfen mir auf den Rücken, hier klopfen sie ja viel sanfter als bei uns, und ich huste und deute: klopf fester, aber sie klopfen nicht fester, fest auf Rücken, in Germany, und ich schlage dem Virgil auf den Rücken, dass es ihm aufs Kreuz geht, so in Germany, so hard like work in Germany, und Virgil wieder, tätschel, tätschel meinen Rücken, und ich huste weiter, aber dann schlägt Mariuscha so richtig, weil Respekt nicht gesund, und dann ist es vorbei, und der Alkohol im Blut, ich richtig fröhlich, so richtig, taste in das Gesicht und da, nix Pustel, und dann schenkt Mariuscha nach, und ich streiche mit der Hand über den Wandteppich mit dem Fluss, wo zwei vollbusige Dunkelhaarige sich waschen und dahinter Bäume und Sonnenuntergang, und ein Boot friedlich auf dem breiten Fluss, und so hättens wir wohl gerne, Strauß, die Drecksau, nix Milch und Phobie und Nietzsche, sondern ganz ruhiger Fluss, Panta Rei, leben und leben lassen, wie er gesagt hat, und da sitzt man dann da, mit der Nicht-Milch, dem Schnaps, der herrlich brennt, der die ganzen Allergiepusteln wegbrennt, vor der Glotze und SORPRESA SORPRESA, ÜBERRASCHUNG, ÜBERRASCHUNG, jeder hat einen Wunsch frei, die verlorene Tochter wiedersehen, was für ein SORPRESA, oder den verlorenen Sohn wiedersehen, und Mariuscha hat auch ans Fernsehen geschrieben, sagt sie, SCHI JE-U, auch ich, Virgil lächel, lächel, Mariuscha not won, schi not won! Und dann schauen wir alle wieder hin auf den SORPRESA SORPRESA, und ich frage mich, was bringt die Anti-Fernsehdebatte, was bringt denn das, außer den Semiotikern, oder die Pro-Fernsehe-Debatte, kein hygienisches Überleben ohne Fernseher, das bringt doch alles nichts, und dann fragt sich die Beatrice, soll ich sie jetzt fragen, warum sie den ganzen Tag in diese Glotze starrt, was soll denn das bringen, sollen die Deutschen jetzt wieder die Untermenschen im Osten missionieren, bringt nichts Beate, bringt nichts, aber die hängt ja schon ordentlich drinnen in der Glotze, aber dann sagt der Virgil: Mama, und ich frage mich, was nennt der die jetzt Mama, ist doch seine Tante, und er nennt doch glatt die Tante Mama, und die Mama-Tante die steht sofort auf, und dann ist sie überhaupt nicht mehr SORPRESA SORPRESA Kandidat, sondern Mama-Tante, mehr Mama-Tante als SORPRESA, zuerst Mama-Tante dann Sorpresa und da denke ich, da wäre mir das SORPRESA auch lieber, weil da kann sie ja wenigstens umschalten, aber den Neffen kann man ja nicht umschalten, wenn er plötzlich was haben will, da kannst du ja nicht sagen, nix jetzt, nici, anderes Programm. Anderes SORPRESA. Und die besprechen etwas, und die Mariuscha streichelt dem Neffen über die Haare wie einem Sohn, und ich denke, das wird er auch haben wollen, der Virgil von seiner Ehefrau, dass ihn die wie eine Mama behandelt, auch wenn sie höchstens nur die Tante sein will, und das hätte ich ja ahnen können, dass die in dem Moment die Gans besprechen, mein SORPRESA SORPRESA, aber (streichelt die Gans und spricht zu ihr) woher hätte ich das denn wissen sollen, dass sie mir mit dir eine Überraschung, eine SORPRESA SORPRESA machen wollten, und da wäre es viel besser gewesen, wenn Mariuscha nicht zum Neffen hinausgegangen wäre, denn der Neffe denkt schon ans Halsumdrehen, dann lieber doch der Fernseh-SORPRESA; und als sie zurückkommt, stehe ich auf, und dann umarmt sie mich wieder, diese lesbischen Umarmungen, da ist ja die Hierarchie total implizit drinnen, und sagt EAT EAT, und ich, Nu, nu, und Mariuscha, Da, da, Yes, umarmt mich wieder wie die Alice Schwarzer, und: HAI FOAME, und ich versteh nix, das klingt wie Haiformen, und sie: Hai FOAME, und dann wird es draußen im Hof laut und das Gänse-Geschnatter hysterisch und ich denke mir ja nici dabei, und sage DA DA, Jaja, und sie umarmt mich wieder, und sagt: ZUIKA ZUIKA, und noch ein Schnaps, und dann denke ich, auch schon egal, besser als diese warme Allergie-Milch, und wir schauen wieder in das SORPRESE SORPRESE, und dann fragt sie wieder HAI FOAME, und ich blätter, blätter in meinem RICHTIG REISEN, und sie wieder Hai FOAME, und dann steht der Virgil in der Tür und übersetzt: HUNGERY, HUNGERY? Und ich blätter, blätter (liest aus dem Wörterbuch): HAI FOAME: Haben Sie Hunger? NU, MULTZU MESC, ICH DANKE SEHR, Strauß, die Drecksau, (streichelt die Gans) da hält mir doch der VIRGIL die tote Gans hin, hält mir einfach die tote Gans hin, und sagt: SORPRISA SORPRISA! No BLAT sagt er, No Blat und dreht der Gans noch einmal DEMONSTRATIV den Hals um, er einfach lächel, lächel.
Arschloch!
Fortsetzung folgt
26. November 2008