Johannes Gelich
Stadtschreiber von Hermannstadt (Sibiu) vom 1. September 2008 bis 28. Februar 2009
Das Hermannstaedter Journal
weblog aus rumaenien
EINE VEGETARIERIN FÄHRT NACH RUMÄNIEN UND BEKOMMT EINE GANS GESCHENKT
Monolog
Teil VI
BEATE
(Während des Essens, laufen Dias mit Motiven ihrer Rumänien-Reise über ihr Gesicht, bzw. drückt sie immer wieder die Fernsteuerung für das nächste Dia. In einer Ecke des Zimmers steht ein Beleuchtungskörper in Form einer Gans, die sogenannte “Lichtgans”)
UND EIN BISSEN FÜR VERGIL UND BEATRICE
(stopft sich einen Bissen hinein)
Danke Virgil!
(nimmt einen Schluck Wein)
UND EIN BISSEN FÜR DIE WÄLDER
(Stopft sich einen Bissen hinein)
Auf die Wälder vor den Klöstern
UND EIN BISSEN FÜR DIE KLÖSTERMALER
Auf Euch und eure Farben die 500 Jahre gehalten haben ...
UND EIN BISSEN FÜR DIE BUNTEN TEUFELN
Dass wir doch alle zu den bunten Teufeln gehören, wer leugnet denn das, Virgil, nu!
(trinkt einen Schluck Wein)
die bunten Teufelchen, die nicht „Nein“ sagen können!
UND EIN BISSEN AUF DIE HÖFLICHKEIT
UND EIN TOLEANZSCHLUCK AUF DIE TOLERANZ
UND EIN BISSEN FÜR DAS VORONETZ BLUE like Veronesegreen like Tizianred
Auf dass ein roter Plastikstuhl niemals 500 Jahre überdauert, da wär nici mehr RED!!!
PROST
UND AUF DIE BLUTIGE SPUR VON OST NACH WEST UND ADAM UND EVA UND MÖBELIX NIX MÖBELIX!
UND EINEN BISSEN AUF DAS KLEINE SCHWEINCHEN AUS GERMANY
Jaja, auf dass wir doch alle die kleinen deutschen Schweinchen sind mit dem Scheckbuch unter der einen Achsel und dem Hakenkreuz unter der anderen Achsel, und mit dem Wirtschaftswunder als Oberlippe und der herunterhängenden Unterlippe der
Jahrtausendwirtschaftsflaute! Jaja.
(stopft sich einen Bissen hinein)
AUF DAS KLEINE GERMANYSCHWEINCHEN BEATE! STRAUß, DIE
DRECKSAU.
AUF DIE WATSCHELNDEN GÄNSE UND DEN HUND AN DER KETTE
(stopft sich einen Bissen hinein, trinkt)
UND EIN BISSEN FÜR DICH MARIUSCHA
Auf Dich Tantchen, dass du immer zuhause bist und deine Haut glatt wie eine
Billardkugel!
NOROG NOROG NOROG!!! Und dass du riechst wie nach Holzofengrill und Wolle und nach Oma.
(stopft sich einige Bissen hinein, trinkt)
Zum Fressen habe ich euch gern, zum Fressen! Da schmeckt die Gans noch wie zuhause bei Großmuttern. Immer zuhause Gänsetante Mariuscha. Immer zuhause.
UND AUF MICH UND VIRGIL
Auf die OST-WEST-HEIRAT
Auf den Fall des Eisernen Schleiers
Auf das Germanygirl und den Wolle-Zwiebel-Holzkohle-MANN
(stopft sich einen Bissen hinein, trinkt schneller, aggressiver)
Mariuscha.
UND AUF DICH FRANZ JOSEF UND AUF DICH NICOLAI, AUF EURE BÄREN, SIE MÖGEN EUCH MUNDEN UND PLATZ FINDEN AUF EUREN KLEINEN TELLERN und AUF DICH -
(prostet der Gans zu)
UND EIN BISSEN FÜR DEINE SCHATZ-IM-SILBERSEE-ZÄHNE
(Isst immer schneller, trinkt, wie mechanisch, immer aggressiver)
UND EIN BISSEN FÜR die frische Milch und ein Bissen für den Toleranzschluck, und LÄCHEL LÄCHEL ein Bissen für das Lächel Lächel und auf die Zahnlücken und den Zuika und die Karpaten
(Spricht und isst und trinkt immer schneller)
Und Schnaps und Gans und Rückenklopfen und Rücken und Schnaps und SORPRESA SORPRESA SORPRESA
Übergibt sich.
Sie beruhigt sich etwas, geht zum Telephon und wählt zögerlich
Hello, Virgil? Hello? No, Virgil, no please, lächelt Im happy that you, nu, no, good, bine, nu, I couldn’t, no please, don’t hang up, no, im sorry, no please, Virgil, please no, you don’t understand, I had to leave, I felt, nu, nu bine, felt, nu against you, nu, I liked very much, nu, Virgil, don’t hang up, don’t hang up, please say to Mariuscha, nu, no, please, say to her, im sorry, nu, I liked her very much, Virgil, nu, please, don’t hang up, nu, please i, i didn’t want to … didn´t want to hurt, I didn’t want to hurt …
(Virgil hat aufgehängt.)
PAUSE.
I didn`t want to hurt, i did not want to hurt
Sie legt rumänische Folklore Musik, am besten Blechbläser auf. Sie schaltet die Lichtgans ein, setzt sich auf den Boden, umarmt die Lichtgans und wiegt sie wie ein Kind. Steht auf und tanzt mit ihr.
Aus dem Off erklingt der Anfang der Göttlichen Komödie:
„Als ich auf halbem Wege stand unsers Lebens,
Fand ich mich einst in einem dunklen Walde,
Weil ich vom rechten Weg verirrt mich hatte;
Gar hart zu sagen ist`s, wie er gewesen,
Der wilde Wald, so rau und dicht verwachsen,
Daß beim Gedanken sich die Furcht erneuert;“
Ende.
15. Dezember 2008