Johannes Gelich
Stadtschreiber von Hermannstadt (Sibiu) vom 1. September 2008 bis 28. Februar 2009
Das Hermannstaedter Journal
weblog aus rumaenien
DIE LETZTEN SEELEN
Der Pfarrer der Gemeinde Kerz macht sich jeden Sonntag mit seinem Mikrobus auf, um die letzten noch lebenden Sachsen für den Gottesdienst aus den umliegenden Dörfern einzusammeln. Eine Fahrt durch das siebenbürgische Hinterland.
Obwohl der Rauhreif in der Früh die zu Stein gefrorene Landschaft wie Puderzucker bestaubt und sich die Hühner heute früh schon die Schnäbel auf der vereisten Erde angeschlagen haben, ist dieser Dezember ungewöhnlich schön. Am Tag unserer Fahrt durch die Dörfer wird sich untertags ein blauer Himmel über das siebenbürgische Hinterland spannen, die Sonne wird uns angenehm wärmen, eher ein freundliches Oktober- denn ein kaltes Advent-Wetter, aber die Klimaveränderung kennt keine Grenzen. Auf den kleinen Vorstadtstationen nach Hermannstadt steigen an diesem Sonntag immer wieder Angler in grünen Parkers, Military-Hosen, Tarnjacken und blauen und schwarzen Wollmützen zu und begrüßen einander mit den fröhlichen Fahnen des Frühschoppens, nachdem sie die zusammengeschobenen Angeln, liebevoll mit Gummiringen umwickelt, aus knallroten Vodafon-Rucksäcken ragend, umstädlich im Gepäckfach verstauen. Das Umland der Schienentrasse ist im Umkreis der ehemaligen Kulturhauptstadt Europas (2007) Sibiu gesäumt von Rohbauten für das traute Eigenheim. 37 000 neue Wohnungen sind im erten Dreivierteljahr in Rumänien hochgezogen worden, um 8300 Wohnungen mehr als in der Vergleichsperiode des Jahres 2007. „We are the champions“ verkündet die Aufschrift auf der gelben Renault-Kappe eines Anglers. Auf dem Brachland vor der Station Kerz (Cȋrța) grast ein frei herumlaufendes, mampfendes Pferd. Auf dem Weg zum Pfarrhaus begegne ich einem jungen Mädchen, das in dieser Hergottsfrühe eine Gasflasche in einem Kinderwagen nach Hause fährt.
Das Dorf Kerz verfügt im Gegensatz zu manch anderem siebenbürgischen Dorf schon seit längerem über eine gute Infrastrukur der Versorgung mit Energie und Wasser. Gas wurde vor acht Jahren eingeleitet, eine Wasserleitung gibt es schon länger. Mit EU-Geldern finanziert, zum Glück, meint Michael Reger, der Pfarrer, mit dem ich den Tag verbringen werde, das kostete ja ein paar 100 000 Euro. Nach der Wende bekam die Kirche das Kurienhaus, nachmals Sitz der Kolchose zurückerstattet, man gründete einen landwirtschftlichen Verein, der in diesem Jahr rumänienweit den 1. Platz für die Qualität seiner landwirtschaftlichen Produkte belegte: Weizen, Mais, Soja, Kartoffeln, Hafer – alles erste Qualität.
Bevor wir mit dem Mikrobus in die Dörfer aufbrechen, essen wir nach dem Frühgottesdienst in der Küche eine schmackhafte Jause. Die Küche ist wie immer und überall auf der Welt das soziale Zentrum. Frau Pascu und ihre Tochter sind zu Besuch bei den Regers. Frau Pascu ist eine „ganze“ Sächsin, ihre Tochter ist gerade aus Deutschland zurückgekehrt, die volle Strecke aus Bayern hierher ist sie die ganze Nacht mit dem Golf gefahren und hat Michael Reger fünf Doppelpackungen seiner geliebten Wiener Würstchen mitgebracht, Butter für die Ehefrau, das alles ist hier viel zu teuer. Auch Spülmittel, Waschmittel oder andere Gebrauchsgüter bringen sich die Mitglieder der Dorfgemeinschaft immer wieder gegenseitig mit, es gibt einen permanenten Grenzverkehr zwischen den Ländern Deutschland und Rumänien. „Ich setze mich hier in den Wagen und steige in Deutschland aus“, meint Herr Reger. „16-18 Stunden dauert die Fahrt nach Deutschland. Von hier bis zur ungarischen Grenze brauche ich so lange wie durch ganz Ungarn und Österreich zusammen! Kommt setzt euch, esst was, ach du bist fett genug, du brauchst nichts zu essen!“, fordert er seine Gäste auf, mit uns zu essen. Astrid Pascu, die Tochter, ist Lehrerin in der Sechzehner Schule bei der Kadetten Schule und studiert gleichzeitig in Hermannstadt Management – das ist die Aufbaugeneration, die vor der Wirtschaftskrise eine für Europa einzigarte Wachstumsrate von bis zu 7% erwirtschaftete. In Kerz gibt es auch einen deutschen Kindergarten, wo Deutsch gesprochen wird, 18 Kinder sind aus dem Dorf, 3 davon Sachsen. Die Frau Michael Regers ist eine Ungarin, aber zuhause sprechen sie Rumänisch.
Nach der Morgenjause zeigt er mir das Haus, die Schweine und die Hühner, die frei im Garten herumlaufen. „Ohne Fleisch kein Preisch“ (ASTERIX, Tour de France) witzelt er, während er auf die Schweine zeigt, die sehr gut aussehen, rosafarben und gesund, das Fell geradezu rosig. Das ist sein zweiter Beruf: Bauer für den Eigenbedarf, er säubert den Stall, räumt den Hühnerdreck weg, ohne Fleisch kein Preisch.
Er schüttet über die Kartoffeln im Schweinekoben ein Gemisch aus Weizen, Mais, Gerste, das er in dem landwirtschaftlichen Verein mahlen lässt. Der Winter steht vor der Tür, und wir kommen auf die steigenden Heizkosten zu sprechen. Ich erzähle, dass ich 150 Euro pro Monat für Strom und Gas ausgebe. Gas ist auch hier teuer, deswegen heizt er mit Holz, das spaltet er auch selber, das hält ihn fit. 100 – 120 RON (300 Euro) kostet das Holz für den ganzen Winter, Gas das doppelte. Im Sommer sind die Schweine auch im Hof und suhlen sich im Schlamm, jeden Tag kocht er ihnen Kartoffeln und streut sein Gemisch darüber – das schmeckt den Schweinen.
Wir steigen in den Mikrobus und machen uns auf, in den Dörfern die letzten evangelischen Seelen für den Gottesdienst einzusammeln. 1. Station: Vistea. Als wir eine schmale Schotterstraße hügelan fahren und zuhends an Höhe gewinnen und auf den gestauten Alt-Fluss (rum. OLT) blicken, der unter Ceauşescu aufgestaut wurde, deutet Michael Reger hinunter auf die Stadt Victoria: „Da lebten noch vor 20 Jahren an die 1000 Sachsen, 400 in der evang. Gemeinde organisiert, heute sind es vielleicht 20 Seelen! Die 2. und 3. Geborenen der Gemeinden umher sind früher sehr oft nach Victoria gegangen, der Erstgeborene bekam ja den Hof und blieb dort!“ Wir werden von einer Ziegenherde auf der Schotterstraße aufgehalten. Die gehört einem Aussiedler, der zurückgekehrt ist, ein Sachse, der auch eine Forellenzucht eröffnet hat. In der Tat kommen immer mehr Aussiedler wieder nach Rumänien zurück, der Wirtschaftsclub von Hermannstadt hat sogar eine Agentur für Heimkehrer eingerichtet. Der Forellenzüchter ist mit einer Rumänin verheiratet. Man sieht, die Nationalitäten haben sich längst miteinander vermischt. Das war nicht immer so. „Durchmischen war früher nicht so üblich“, erklärt Herr Reger, „weil die Kirche dagegen war. Die rhetorischen Floskeln, die die Durchmischung der Gesellschaft verboten, fraßen sich in die Köpfe: was passiert mit dem Kind? Welche Religion nimmt es an, die der Mutter oder die des Vaters? Welche Sprache spricht es, die der Mutter, die des Vaters?“ Diese Fragen wurden nach der Revolution von der Globalisierung von selbst beantwortet: es spielt keine große Rolle mehr. Ich denke an den Küster Hermannstadts, ein Deutscher, der nach Rumänien ausgewandert ist (es geht auch umgekehrt) und eine Rumänin geheiratet hat, mit der er sich auf Englisch unterhält. „Die Durchmischung war früher theoretisch denkbar, praktisch aber kaum praktiziert. Kerz war da eine Ausnahme“, erklärt Herr Reger und lenkt den Wagen unter eine über die Straße gebaute Skulptur. Wir fahren in den Kreis Kronstadt (Braşov) ein. Als ich den rumänischen Namen Braşov ausspreche, weist mich der Michael Reger zurecht: „Das heißt Kronstadt, Braşov, zur Kommunistenzeit auch Oraşul Stalin genannt.“ Wir schnallen uns hastig an, bei einer Tankstelle am Straßenrand stehen Polizisten vor einem Polizeiauto. Verkehrskontrolle. „Wie immer zu dritt“ scherzt Herr Reger, „einer kann lesen, einer kann schreiben, der Dritte bewacht die Intelligenzbestien.“
Was machen die Gläubigen, wenn er einmal zu spät kommt, will ich wissen. Die Leute warten, sie wissen, dass er kommt. Wir werden von der löchrigen Schotterstraße durchgerüttelt. „Heute sind die Straßen gut“, meint Herr Reger. Das war nicht immer so, einmal ist er bei 20 Grad Minus mit dem Mikrobus hängengeblieben, zum Glück hatte er genügend Diesel im Tank und konnte heizen. Es dauerte drei Stunden bis die Helfer einen LKW fertig hatten, da sie den Laster vorher noch mit einer Tonne Kunstdünger beschweren mussten, weil er sonst zu leicht für den Hinterradantrieb gewesen und sonst abgerutscht wäre. Dann haben sie ihn rausgeholt. Einmal ist der Wagen hängen geblieben, und er konnte niemanden auftreiben, der ihn abgeschleppt hätte, und er hat den Wagen erst nach drei Wochen, nachdem es getaut hatte, wieder abgeholt.
Fortsetzung folgt
7. Jänner 2009