Johannes Gelich
Stadtschreiber von Hermannstadt (Sibiu) vom 1. September 2008 bis 28. Februar 2009
Das Hermannstaedter Journal
weblog aus rumaenien
DIE LETZTEN SEELEN
Den Wegrand säumen jetzt Männer mit Patronengürteln und Waffen in der Hand. Einer hält sich das Ziehlrohr seines Gewehrs ans Auge. An diesem prachtvollen, sonnigen Sonntag sind auch die Jäger unterwegs, sie schießen schon mal ein Reh oder einen Hirschen, wenn keiner hinschaut, manchmal machen sie auch Treibjagd auf Wildschweine. Wir nehmen die letzte Kurve vor dem Dorf Vistea, unserer ersten Station. „Hier bin ich vor 10 Jahren gemeinsam mit meinem Vater hängen geblieben.“ erinnert sich Herr Reger. „Ich stieg aus und schob hinten an, da holte ich mir nasse Füße und musste in diesen tropfenden Schuhen den Gottesdienst halten.“ Wir läuten beim Haus der Frau Alida an, die im November ihren 78. Geburtstag gefeiert hat. Nach schier endlosen Minuten öffnet sie endlich, sie hat uns nicht gehört. Frau Alida ist ganz verstimmt wegen einem Arbeiter. Sie ließ aus Schutz gegen die Nässe Beton an die Hausmauer schütten, aber der Arbeiter hat es schlecht gemacht und auch das Beet der Reebstöcke mit Beton übergossen. Nicht jeder hat in diesem Dorf fließendes Wasser, das Wasser in die Dörfer einzuleiten hat schon zwei bis drei Monatslöhne gekostet. „Es gibt welche, die haben nicht einmal ein richtiges Klo“, meint Michael Reger und spielt auf die Roma an, die einige unbewohnte und verlassene Häuser des Dorfes in Beschlag genommen haben. Wie sie mit den Zigeunern auskommen? Ganz gut, eigentlich, sie brauchen uns, und wir brauchen sie. Worfür, will ich wissen. Sie erledigen Hilfsarbeiten, Maurerarbeiten, reparieren und helfen bei der Ernte etcetera.
2. Station: Martinsberg. „Die einen sagen, es ist am A...ndern Ende der Welt, die andern meinen: am Busen der Natur.“ Zwei Seelen warten schon auf uns, ein vielleicht 55-jähriger Mann, der hier wohnt, und eine Frau, alle vier Kinder in Deutschland. 3. Station ist Braller. Wir fahren an einem besoffenen Hirten vorbei, der uns am Straßenrand entgegentorkelt. „Oje, oje, die Gais ist weg“, singt Herr Reger, das sei ein Lied, das man in Österreich und auch bei den Landlern gesungen habe. Ein herrenloses Pferd läuft uns entgegen, wir kurven durch ein Waldstück, an einem Holzlager vorbei, am Rand des Waldwegs ist das geschlagene Holz hunderte Meter lang gestapelt, es muss von einem Holzwächter bewacht werden, damit es nicht geklaut wird. 4. Station: Gürteln. Früher lebten hier über 400 Sachsen, jetzt sind es nur noch eine Handvoll.
Im Inneren des Wagens entspinnt sich eine lebhafte Diskussion über einen Spekulanten, der Gerüchten zufolge durch die Dörfer fährt und in der Gegend jeden Hof aufzukaufen versucht, den er in die Finger bekommt. 50 Millionen alte Lei, das sind 5000 neue Lei (1250 Euro), soviel hat der Spekulant einer alten Frau angeboten, ärgern sich die Alten. Unter Ceauşescu haben die Leute einen hohen Preis für ihre Ausreise bezahlt. Etwas mehr als 1000 Mark, genau 30000 alte Lei zahlte der Staat als Höchstpreis für die Übernahme des Hofes. Jetzt wollte ein Interessent einen heruntergekommenen, ausgeplünderten Hof kaufen. Er wurde bei einer Versteigerung angeboten, und das Bürgermeisteramt, das den Hof verkaufte, hat durch einen Strohmann mitgehandelt und den Kaufpreis so hoch hinaufgetrieben, dass er schließlich bei etwa 10 000 Euro lag. So verdient der rumänsiche Staat noch einmal ordentlich mit an dem Geschäft mit den verlassenen Höfen.
5. Station Tarteln. Hier wird der Pfarrer den Gottesdienst halten. Die Dachrinne der Kirche ist neu und glänzt in der Spätherbstsonne. Mir gefallen die Leder-Schnürstiefel der alten Frauen, die über die Knöchel reichen und die man heute wahrscheinlich gar nicht mehr bekommt. Die Alten tragen Kopftücher, nur ein junges blondes, hinkendes Mädchen trägt keines. Früher trugen die unverheirateten Mädchen zur Kirchentracht den Borten.
Während des abwechselnd auf Sächsisch, Deutsch und Rumänisch abgehaltenen Gottesdienstes erinnert Herr Reger an das nahe Endes des Kirchenjahres und spricht über den Schnitter Tod, der am Ende des Lebens die Ernte einbringe. Nach der Messe werden pro Person drei Lei für das Deutsche Forum, der Interessensvertretung der Siebenbürger Sachsen, eingesammelt. Tante Alida spendet anlässlich ihres Geburtstages sogar 200 Lei. Bevor die versammelte Gemeinde aus der kalten Kirche nach draußen in die warme Mittagssonne strömt, entschuldigt er sich dafür, dass er den versprochenen Liter Speiseöl im Auto vergessen hat. Pro Kopf soll jede „Seele“ einen Liter Speiseöl bekommen, das in Deutschland gespendet und über einen Hilfsverein nach Rumänien transportiert wurde, so wie der Mikrobus und auch die Winterreifen.
An der Kirchenmauer staut sich die spärliche Wärme der müden Wintersonne, und die alten sächsischen Frauen stellen sich in einer Reihe in das helle Licht, man tauscht die letzten Neuigkeiten aus und fixiert den Ort des Gottesdienstes für die letzten Wochen vor Weihnachten. Eine Sächsin beklagt sich, dass ein Aussiedler aus Deutschland im Dorf einen Hof gekauft hätte und mit den Zigeunern immer Radau mache. Der übliche Tratsch nach dem Gottesdienst.
Auf der Rückfahrt leert sich der Mikrobus genauso unscheinbar und alltäglich wie er sich gefüllt hatte. Michael Reger erzählt, dass er Angebote aus anderen Gemeinden gehabt hätte, wo er an einem einzigen Ort tätig sein und eine ruhigere Kugel schieben hätte können. Allein, er will es so, der mühsame mobile Dienst von Dorf zu Dorf gefällt ihm, er will nichts anderes machen. Und er ist mit Leidenschaft dabei.
Als einer der letzten Gläubigen im Inneren des Wagens von einem Mann aus Martinsberg erzählt, der von einem Aussiedler einen Hof gekauft und als Anreiz auch noch den Grabplatz versprochen bekommen hätte, wird Herr Reger richtiggehend wütend: „Wie kann er so etwas behaupten: ´Und meinen Grabplatz kannst du auch noch haben!´ Wie kann er das behaupten, der Grabplatz gehört ihm doch nicht, der gehört der Kirche! Das ist wie bei Christoph Martin Wielands Geschichte über den Prozess um des Esels Schatten: als sich der zufriedene Käufer eines Esels nach abgeschlossenem Geschäft unter den Schatten des Tieres gelegt hatte, behauptete der Verkäufer des Esels erbost, der Käufer müsse für den Schatten extra zahlen – vom Schatten sei nicht die Rede gewesen.“
Nachdem wir Frau Alida, die letzte Seele, wieder abgeliefert haben, ist der Arbeitstag Michael Regers noch immer nicht zuende. Zwei Geburtstage muss der Kirchenmann heute noch absolvieren, ein Sachse wird heute 89 Jahre alt, da muss er hingehen und gratulieren. Wieder zuhause muss er noch den Hühnern ihre Körner ausstreuen und sie hinterher in den Stall scheuchen. Sonst fallen sie vom Fleisch – und ohne Fleisch kein Preisch. Wenn er endlich Feierabend hat, packt er sich die Fernbedienung, und liest sich im Teletext die Neuigkeiten durch, mal sehen, was der Springer dazu sagt. Und dann sieht er fern, am liebsten Snooker, denn das ist so schön beruhigend.
Nachdem ich mich freundschaftlich verabschiedet habe, warte ich an der Station von Kerz auf den Lokalzug zurück nach Hermannstadt, während das frei herumstreunende Pferd noch immer am Brachland grast. Es ist Sonntagabend, und der Zug ist überfüllt mit jungen Studenten, die schwer bepackt mit prall gefüllten Taschen aus den Dörfern vom Land zurück in die Stadt fahren. Ihre Eltern und Großeltern haben ihre Taschen mit Wurst und Fleisch der Schweine vom Hof vollgestopft, dazu Gemüse, Milch und Wein aus den hauseigenen Kellern in umfunktionierte Zwei-Liter-Coca-Cola-Plastikflaschen gefüllt, die aus den Sporttaschen hervorlugen. Die meisten von ihnen sind Rumänen, denn die Enkel der letzten sächsischen Seelen sind zum großen Teil längst in Deutschland, während ihre Großelten indessen vergeblich darauf warten, ihnen ihre Taschen vollfüllen zu können, damit sie auf ihrem Weg in die Zukunft unterwegs nicht verhungern.
13. Jänner 2009