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weblog teil 23



Johannes Gelich

Stadtschreiber von Hermannstadt (Sibiu) vom 1. September 2008 bis 28. Februar 2009

Das Hermannstaedter Journal
weblog aus rumaenien

Vlad und das Neuland

Vlad ist in die Jahre gekommen. Er ist ein gehetzter Untoter, und auch das Versprechen des ewigen Lichtes, dass seine gebrechliche Hütte, sein von Lastern und Lüsten gequältes Körpergestell eines Tages im großen, luftigen Dorf jenseits des Flusses Erlösung und Einlass finden könnte, hat er längst aufgegeben. Er ist nicht mehr auf Abenteuer aus, und auch wenn er bisweilen den jungen Geschöpfen auf ihre weißen, zarten Hälse blickt, hat er sich damit abgefunden, dass auf ihn nicht mehr viel Neues wartet, obwohl in seinen Adern das Blut von Abenteurern, Verführern und Eroberern fließt. Sie alle einte das Verlangen, die Angst vor dem Unbekannten zu überwinden, sich in die Welt zu werfen, neue Länder zu entdecken, Jungfrauen weiß wie Neuschnee zu deflorieren oder unerprobte Heerscharen auf unbeschrittenen Gefielden niederzumetzeln.
Für ihn gibt es kein Neuland mehr zu betreten, zu erschöpft scheint ihm seine Welt, zu erschöpft ist er von der unaufhörlichen Flucht auf rastloser Suche nach frischem Blut. Er möchte keine neuen Länder mehr bereisen, die Erinnerung an seine glänzenden Bankette ist ihm genug, in Schlachten zu ziehen, fehlt ihm die Kraft, und obendrein wüsste er nicht, aus welchem Grund und für wen er in die Schlacht ziehen sollte. Somit scheint ihm nur das Alte, Bekannte und die Erinnerung an vergangene Zeiten übrig zu bleiben.
An manchen Tagen jedoch, und er spürt das Heranrauschen dieses Verlangens wie das frühlingshafte Erwachen schon für tot erachteter Gelüste, überkommt ihn der Wunsch, Neuland zu betreten, und er wirft sich in seinen besten, schon etwas nach Mottenkugeln riechenden Anzug, spannt seine Pferde vor den Wagen und macht sich auf in die Stadt und durchpflügt ihre Straßen in der Hoffnung fündig zu werden. Er streckt dabei seine Nase in den Wind, denn er kann den Geruch des Neulands in der Stadt von weitem riechen, ein Hai der Großstadt, der das Blut der City bereits in verdünntester Form zu wittern versteht, so streift er durch die Stadt, bis ihm der Geruch nach Teer in die Nase steigt. Er nimmt die Witterung auf und entdeckt die Teermaschinen und Straßenwalzen, die ihm durch ihren köstlichen Kaffeeduft der Straßenbaumeisterei das Herz höher schlagen lassen.
Er beobachtet von der anderen Straßenseite, wie die Arbeiter einen Straßenabschnitt mit Teer begießen und mit der Walze glatt walzen, das gewonnene Stück Neuland mit Klebeband absperren und sich dem nächsten Block zuwenden, als Vlad seine Beine in die Hand nimmt, unter die Absperrung hindurchkriecht und von einer Seite der frisch geteerten Fläche zur anderen auf einem Bein springt, wobei er über die Leichtigkeit seines Körpergewichts in Verzückung gerät, da ihm dieses Abenteuer geradezu Flügel zu verleihen scheint. Ja, leicht wie ein Vogel erscheint ihm sein gequälter Körper. Trotzdem erreicht er das andere Ende der Absperrung schnaufend und ist erleichtert, wenn er wieder die alte, löchrige Asphaltstraße unter den Füßen spürt, nachdem er mit letzter Kraft unter dem Klebeband hundurchgekrochen ist.
Vlad wirft einen letzten, zufriedenen Blick auf die, ihn an das Muster einer Krähe erinnernde Vogelspur, die er glaubt auf dem Asphalt hinterlassen zu haben, als er einen der Arbeiter in seiner neongelben Jacke auf ihn zukommen sieht und sich aus dem Staub macht. Der Arbeiter bückt sich und hebt eine mit Teer verklebte Schöpfkelle auf, die er an dieser Stelle liegengelassen hat, als er die seltsamen Fußabdrücke auf dem frisch geteerten Asphalt erblickt. Schau dir dieses Schwein an, denkt der Arbeiter bei sich und starrt auf die tiefen, schweren Abdrücke im warmen und weichen Belag, dreht sich zu seinen Kollegen und schreit ihnen zu: Kommt her, ich muss euch etwas zeigen!

4. Februar 2009