Johannes Gelich
Stadtschreiber von Hermannstadt (Sibiu) vom 1. September 2008 bis 28. Februar 2009
Das Hermannstaedter Journal
weblog aus rumaenien
Vlad und die Rechnungen zwischen den Buchdeckeln
Vlad fragt sich, wie ein zusammengeknülltes Tabu aussehen könnte. In diesem Fall liegt das Tabu zwischen den Plastikrücken eines weinfarbenen Büchleins in Form einer Rechnung für das Abendessen im Restaurant, welche Vlad mitunter aufsucht, wenn er auf seinen Streifzügen durch das Land müde geworden einkehrt. Er hat die Hoffnung auf einige Liter Realität aufgegeben und sich stattdessen der Ciorba und dem Rotwein zugewandt. Er denkt an die großen Tischgesellschaften, denen er vor Jahrhunderten beigewohnt hat und bei deren Auflösung Berge von zerknüllten oder beschrifteten Scheinen in der Mitte der Tafel aufgehäuft wurden. Im Anblick der zwischen den Buchdeckeln versteckten Rechnung erscheinen ihm diese, in früheren Zeiten sorglos aufgehäuften Banknoten (als hätten Kinder aus Papierschnitzeln Kindergeld gebastelt, und vielleicht waren sie auch Kinder) gerade durch ihre überwältigende materielle Präsenz eine Parodie auf ihre im Laufe der Jahrhunderte errungene Wichtigkeit. In jenen vergangenen Zeiten war das von den Kellnern bisweilen mit Kehrbesen oder kleinen Rechen eingesammelte Geld noch eher Papier denn göttliches Tabu, doch von den großen, ausladenden Tischgesellschaften ist nichts mehr zurückgeblieben als ein unsichtbarer, melancholischer Nachgeschmack. Heute sitzt Vlad in Gesellschaft seiner Erinnerungen alleine am Tisch und starrt auf das Tabu zwischen zwei Plastikbuchdeckeln vor ihm. Er hat schon mehrere Versuche unternommen, die Pflicht zur Diskretion zu unterlaufen, indem er das Geld auf das Büchlein oder, nachdem er die Rechung herausgenommen hatte, neben das Büchlein gelegt hat. Als wäre das Plastikbüchlein mit Knoblauch bestrichen, legte er Geld und Rechnung bisweilen an das eine Ende und das Mäppchen an das andere Ende der Tafel. Doch ohne Erfolg, kam doch das Wechselgeld immer auf der Rechnung liegend zwischen den Buchdeckeln zurück. Vlad verharrt noch einige Minuten auf dieses Tabu starrend in seinen redundanten Gedankengängen, um sich schließlich zu fragen, ob es nicht auch auf ihn zuträfe, dass er, je unsichtbarer er mit den Jahren geworden war, umso mächtiger geworden sei, und was für eine Konsequenz diese Erkenntnis auf seine Existenz hätte. Er trinkt den letzten Schluck des schweren, blutroten Weines, und erhebt sich voller Dankbarkeit, denn er hat die Hoffnung wiedergewonnen, dass seine nun schon Jahrhunderte währende Abwesenheit seine Macht nicht verringert, sondern eher vermehrt hätte. Er wirft sich sein schwarzes Cape um die Schulter und lächelt der Kellnerin mit seinen Wolfzähnen ein letztes Mal zu und freut sich auf sein kaltes Bett im Keller. Nachdem er das Restaurant verlassen hat, geht die Kellnerin an seinen Tisch, um zu überprüfen, ob der seltsame Gast überhaupt ausreichend Geld zwischen den Buchdeckeln hinterlassen habe. Sie nimmt das Geld, zählt es und steckt das großzügige Trinkgeld verschämt ein, dann schließt sie das Mäppchen, auf dessen weinroter Vorderseite in goldenen Lettern geschrieben steht: Merci.
9. Februar 2009