Johannes Gelich
Stadtschreiber von Hermannstadt (Sibiu) vom 1. September 2008 bis 28. Februar 2009
Das Hermannstaedter Journal
weblog aus rumaenien
Vlad und die Dreharbeiten
Er ist ruhelos wie alle Untoten, doch sein Inneres scheint perforiert wie die Ränder all der Filme, die über ihn gerollt sind. Kaum sieht er etwas Bemerkenswertes, kommt ihm eine Szene aus einem Film in den Sinn, und so scheint seine Ruhelosigkeit im tiefsten Inneren wie eine Verfolgungsjagd der bereits vorgefertigten, von Bildschirmen und Leinwänden flatternden Erlebnissen, die der unmittelbaren Empfindung und Wahrnehmung hinterherjagen wie in einem Slapstickfilm von Buster Keaton. Wird ihm diese innere Raserei endlich unerträglich, drängt es ihn schließlich nach draußen, um auf Spaziergängen, die für ihn in Wirklichkeit Irrgänge sind, Ruhe zu finden. Doch wie schockiert ist er, als er auf dem großen, alten historischen Platz im Zentrum der Stadt – er erschien ihm schon immer wie eine behutsam geöffnete Schatulle, die im Gegensatz zu der von Rohbauten und Betonruinen gesäumten Vorstadt wie eine historische Filmkulisse für einen Kostümfilm wirkt – die klobigen Scheinwerfer eines Filmsets erblickt. Das Entree eines barocken Palastes, in dessen Erdgeschoss sich die Touristeninformation befindet, wurde von den Filmleuten in den Eingang eines Kinos (über der Tür hängt ein von grellen Glühbirnen gesäumtes CINEMA-Schild) umfunktioniert. Davor steht ein weinroter Oldtimer, der immer wieder vorfahren muss, wodurch er die ganze Szenerie ins Lächerliche zieht. (Zum Ärger des Regisseurs ist auch noch zu wenig Rauch vor das Kino geblasen worden.) Doch wie erschüttert ist Vlad, als er – nach unzähligen erfolglosen Anläufen – den Dracula-Darsteller an der Seite einer weiß gekleideten Blondine aus dem Oldtimer steigen sieht. Er fühlt sich beleidigt, als hätte ihn jemand nachgeäfft und kehrt dem Set erbost den Rücken. Als er sich von dem Drehort enfernt, hört er hinter sich den Regisseur, begleitet von hektischen künstlichen Stimmen aus dem Walkie-Talkie, mit einer kratzenden Stimme durch ein Megafon schreien. Für einen Moment beschleicht ihn das Gefühl, er würde einen Exerzierplatz oder einen von der Polizei abgeschirmten Tatort hinter sich lassen, und er beschleunigt seine Schritte, da er Uniformen noch nie ausstehen konnte.
Die folgende Nacht schläft er unruhig und dreht sich immer wieder in seinem Sarg um, er wird den Verdacht nicht los, er sei längst ein Simulacrum seiner Selbst, und seine Kopie sei nicht nur wirklicher, sondern auch aktiver als er selbst.
Als er auch am nächsten Tag keine Ruhe findet, flüchtet er sich in den Wald, da er sich vor den Kabelschlingen der elektrisierten Welt zwischen den Bäumen in Sicherheit wähnt. Doch wie erschüttert ist er beim Anblick des Tisches, den er mitten auf einer lichten Anhöhe im Wald entdeckt – wie gerne wäre er tatsächlich zu Tode erschrocken, damit ihm endlich solche Erlebnisse erspart blieben: Der hohe Kaffeehaustisch ist mit einer langen, weißen Tischdecke bedeckt, auf der zwei Teespender aus Aluminum stehen. Er kommt näher heran und blickt sich um, schon sieht er wieder von weitem die weiß leuchtenden Scheinwerfer neben schwarzen Stellwänden und hört das Gebrüll des Regisseurs. Er gerät beim Anblick der Dreharbeiten, die ihn zu verfolgen scheinen – diese Verfolgungsjagd ist spannender als die in dem Film gezeigte – derart in Rage, dass er die Anhöhe hinaufsteigt und die unbeobachtet gelassenen Teespender wütend umstößt, sodass sie auf den gefrorenen, schneebedeckten Waldboden fallen. Doch als aus einem der Hähne die rote Flüssigkeit des Früchtetees in den Schnee tropft, gewinnt er auf einmal seine alte, jahrhundertealte Ruhe wieder und geht ruhiger und gelassener seiner Wege, nachdem er den blutroten Tee im Schnee so lange beobachtet hat, bis er satt geworden ist.
Sibiu, 11. Februar 2009