Johannes Gelich
Stadtschreiber von Hermannstadt (Sibiu) vom 1. September 2008 bis 28. Februar 2009
Das Hermannstaedter Journal
weblog aus rumaenien
Vlad und die kleinen Siege
Es ist gewiss, dass Vlad vom Schlaf untertags nicht ebenso erfrischt erwacht wie die Lebenden, auch wenn jene bereits zu den Toten gehören. Der Status des Untoten (wie der jedes Helden) scheint ihn über die Jahrhunderte erschöpft und nicht einmal der Schlaf bis in den Abend hinein, wenn die Sonne bereits untergegangen ist, scheint ihn so zu erfrischen, dass er ohne Hilfsmittel auszukommen scheint. Das Hilfsmittel nennt sich Kaffee, doch ist Vlad in gleicher Weise den Wesensbestimmungen der Objekte unterworfen. Stoff ist auch in seinen Händen Stoff und Glas Glas, das zerspringen kann, und so kommt es vor, dass die Glaskanne seiner Kaffeemaschine von einem Tag auf den anderen zerbrochen ist. Er weiß nicht warum, und er kann sich diese stoffliche Veränderung nicht erklären, es muss so sein, dass auch die normalen Gegenstände des Alltags ihr Eigenleben führen, das ihn nichts angeht und in das er sich nicht einmmischt, solange die Gegenstände ihre Aufgabe erfüllen (er spricht hier nicht von den Worten, die diese Gegenstände bezeichnen, denn dies ist eine andere Geschichte, mit der er sich sein Leben lang herumgeplagt hat, und jetzt, nach Jahrhunderten noch immer auf keinen grünen Zweig gekommen ist, ein neuerlicher Beweis der Unzulänglichkeit der Sprache in der diesseitigen Welt, denn was hätte es ihm eingebracht, wenn er jetzt auf einem grünen Zweig im Hofgarten seiner jahrhundertealten Burg säße und trotzdem noch immer nicht den Unterschied zwischen den Gegenständen und den ihnen hilflos zugeteilten Begriffen beschreiben könnte) und sich nicht gegen ihre Zwecke auflehnen, wie es in diesem Fall die Glaskanne der Kaffeemaschine tut, die über Nacht einen Sprung bekommen hat, sodass sich Vlad verzweifelt um einen anderen Behälter in den das köstliche Schwarz des Kaffees (es ist seine zweite Lieblingsfarbe nach der Farbe Rot) rieseln könne. Ein derartiger Gegenstand in Form einer Tasse ist leicht gefunden, doch wie kann Vlad den Filter dazu bringen das schwarze Versprechen aus seinem Palstikhals in die Kaffeetasse zu ergießen, wenn eine hinterlistig konstruierte Feder die Flüssigkeit am Ausrinnen aus dem Filter ohne die daruntergeschobenen Kanne hindert? Er muss sich jetzt, so sehr ihm die wütende Ingenieurstätigkeit des modernen Lebens zuwider ist, dazu aufschwingen eine Konstruktion zu ersinnen, um die zerbrochene Kanne zwar unter den Filter zu schieben, in die Kanne aber eine Tasse als Unterseeboot einzuschwindeln, da sonst der Kaffee in die lecke Kanne tropfen und somit seinen Küchentisch mit einer schwarzen Flut überschwemmen würde, anstatt sein ohnehin schwach pulsierendes Blut wieder in Schwung zu bringen. Schließlich gelingt es ihm eine geeignete schmale und schlanke Tasse derart in der lecken Glaskanne zu versenken, und die gesamte Konstruktion mit Deckel unter den Plastikfilter zu schieben. Schon beginnt die Kaffeemaschine zu schnaufen, und Vlad verfolgt mit einem Gefühl der Genugtuung die dicken schwarzen Tropfen Kaffee, die sich unbeirrt aus dem Plastikfilter in die in der lecken Glaskanne eingesenkte Kaffetasse ergießen. In diesem Moment des Triumphes vergisst Vlad, dass sich in diesem Fall die Kaffeetasse für den heruntertropfenden Kaffee in eine Kaffeekanne und die Kaffeekanne in eine Vitrine, durch die dieser Prozess beobachtet werden kann, verwandelt hat. In so einem Moment des kleinen Sieges jedoch, spielt es für Vlad am Ende keine Rolle, dass die Bedeutung der Objekte am Ende nicht nur bedeutungslos, sondern auch sinnlos geworden ist. Das (für Vlad ein undenkbarer Begriff) Experiment ist geglückt, auch wenn sich der schwarze Kaffee längst im roten Blut von Vlad verflüchtigt hat, und jetzt, nach Einbruch der Dunkelheit, endlich die Müdigkeit aus seinem Körper gewichen ist.
21. Februar 2009