Wer ist Opfer? Macht und Ohnmacht eines Rollenbildes

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RADIOKOLLEG, ORF, Ö1
6.-9.4.2020

Gestaltung: Johannes Gelich

In Zeiten von Populismus, Klimakrise, Geschlechter- und Generationenkampf geistert ein Begriff durch die einschlägigen gesellschaftspolitischen Debatten: das Opfer. In den letzten Jahren ist, so scheint es, ein regelrechter Opfermarkt entstanden: das Volk ist Opfer einer von außen gesteuerten Migrationspolitik, sagen rechte Populisten. Der Arbeitnehmer von heute ist Opfer der Profit-Interessen von Kapital, Konzernen und politischen Eliten auf dem Schlachtfeld des Neoliberalismus, sagen linke Populisten.
Frauen sind Opfer von sexistischen Übergriffen in Beruf und Medien, sagen Frauenrechtlerinnen. Männer sind Opfer von blindwütigen Feministinnen, sagen Männerverbände. Dritte-Welt-Länder sind Opfer neokolonialistischer Politik des reichen Westens, sagen Globalisierungskritiker. Wachstumsideologie, Umweltzerstörung und die Ausbeutung von Ressourcen geschehen auf dem Rücken der Kinder, sagen Ökologen. Eltern werden von ihren Kindern in Altersheime abgeschoben und vernachlässigt, sagen Pensionisten-Verbände.

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Das abenteuerliche Leben des Tonmeisters Herbert Prasch

Herbert Prasch, der Tönesammler im Afrika der 1950er Jahre.

Feature von Johannes Gelich.

Hörbilder
Zur Sendereihe
30 11 2019

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Für den Sohn einer traditionsreichen Wiener Musikerfamilie ist ursprünglich eine Karriere als Sänger klassischer Arien oder als Pianist vorgesehen. Doch der 1934 in Wien geborene Herbert Prasch interessiert sich zum Leidwesen seiner Eltern mehr für Radios, Mikrofone und Tonbandgeräte als für das Singen und Musizieren.

Mitte der 1950er Jahre bricht er zum ersten Mal nach Nordafrika auf, erforscht und dokumentiert die dort praktizierenden Musiker und verspürt den Wunsch, die Klänge und Lieder aus Afrika aufzuzeichnen. Es folgen zwei große Afrika-Expeditionen, zu denen sich Herbert Prasch gemeinsam mit anderen Abenteurern im Rahmen der „Österreichischen Afrika-Expeditionen“ aufmacht.


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ALI MAHLODJI – 7000 Geschichten von der Arbeit

SWR2 LEBEN
7000 Geschichten von der Arbeit – gesammelt von Ali Mahlodji
Von Johannes Gelich

Ali Mahlodji weiß, wovon er spricht. Der gebürtige Iraner, dessen Familie 1983 nach Österreich flüchtete, wusste selbst lange nicht, was er einmal werden wollte. Als Kind stotterte er, die Schule brach er vor der Matura ab, kaum jemand glaubte an ihn. Heute ist der 40-Jährige ein gefragter Mann. Als Buchautor, Trend- und Zukunftsforscher hält er weltweit Vorträge zum Thema: „Menschen und ihre Potentiale“. Eines seiner Vorzeigeprojekte ist die Berufsorientierungsplattform „Whatchado“ – mit inzwischen mehr als 7000 kurzen Videos, die persönliche Einblicke in die unterschiedlichsten Berufe geben.

Mit Barbara Gassner

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M. BLECHER

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Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit.

Der jüdisch-rumänische Dichter M. Blecher. Feature von Johannes Gelich

Er gilt als der große Unbekannte der rumänischen Moderne: M. Blecher. Geboren 1909 im Nordosten Rumäniens, verbrachte der bereits mit 29 Jahren verstorbene Dichter den Großteil seines Erwachsenenlebens in Sanatorien. Der Sohn eines jüdischen Keramikwarenhändlers litt an Knochentuberkulose, einer Wirbelsäulenentzündung, die im fortgeschrittenen Stadium zu Knochenabbau führt. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er nahezu unbeweglich in der immergleichen Position: Er lehnte ein Brett mit schräg angeschnittenen Stützbeinen gegen die Knie, las, schrieb und aß in der gleichen Stellung, in der er auch schlief. Versorgt mit Büchern und Post von führenden Schriftstellern und Philosophen, hielt er sich so über das intellektuelle Geschehen Europas auf dem Laufenden.

Auf diese Weise entstanden seine drei Prosawerke, von denen der 1936 erschienene Band „Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit“ heute als Meilenstein der rumänischen literarischen Moderne gilt. In Ermangelung einer tatsächlich erlebten, ereignisreichen Wirklichkeit begeben sich Blechers Texte in immer wieder anhebenden introspektiven Gedankenströmen auf die Suche nach einer Wirklichkeit in den Erinnerungen, Empfingungen und der Sprache über den absterbenden Körper.

Völlig unsentimental und mit viel Sinn für die absurde Komik des menschlichen Verfalls erforscht der Dichter mit all seinen Sinnen den eigenen Körper und das eigene Leben wie eine labile Seelenlandschaft. Damit stellt er sich in die erste Reihe moderner literarischer Seelenforscher wie Proust oder Kafka.

Redaktion: Alfred Koch

Gestaltung: Johannes Gelich

Das Ashanti-Fieber. Peter Altenberg und die Wiener Völkerschau 1896.

Das Ashanti-Fieber. Peter Altenberg und die Wiener Völkerschau 1896.

Feature von Johannes Gelich.

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Im Sommer 1896 wird die Stadt Wien von einem regelrechten Ashanti-Fieber erfasst. Tausende Besucher strömen an den Sonntagen in den Tiergarten am Schüttel, um dort die 60 „ausgestellten“ Menschen aus dem afrikanischen Stamm der Ashanti zu bestaunen. Im Vorfeld wurde für die Völkerschau eigens ein afrikanisches Dorf mit strohgedeckten Hütten und offenen Werkstätten aufgebaut. 

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DAVID GEGEN GOLIATH – Wenn Einzelkämpfer ins Rad der Geschichte greifen

Radiokolleg – David gegen Goliath
Gestaltung: Johannes Gelich

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Wer kennt sie nicht, die alttestamentarische Geschichte vom jungen israelitischen Hirten David, der den schier unbezwingbaren Riesen Goliath im Kampf bezwingt. Der Mythos vom kleinen, schwachen, unbeirrbaren Kämpfer, der einen scheinbar übermächtigen Gegner in die Knie zwingt, hat in vielerlei Gestalt Eingang in die abendländische Kultur gefunden und bis heute in der populären Kultur überlebt:

ob Charlie Chaplin, Inspektor Columbo oder Asterix und Obelix – all diese Geschichten leben von den kleinen Außenseitern, die sich mit den Mächtigen dieser Welt anlegen. Auf das Narrativ vom siegreichen David wird von Umweltaktivisten, die vom wackligen Schlauchboot aus gegen Riesentanker ins Feld ziehen, genauso zurückgegriffen wie von Rechtspopulisten wie Trump oder Orban.

Doch unabhängig von der politischen und ökonomischen Verwertbarkeit des dramaturgischen David-gegen-Goliath-Schemas, liegt es wohl in der Natur des Menschen, dass sich immer wieder Einzelkämpfer aufschwingen, um gegen einen übermächtigen Gegner und ein dahinterstehendes System aufzubegehren.

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DAS MASSAKER VON MARIKANA – Südafrikanische Minenarbeiter und die Verantwortung der BASF

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Am 16. August 2012
wurden in der südafrikanischen Bergbauregion Marikana 34 Minenarbeiter während eines Streiks von der Polizei erschossen. Die Kommission zur Aufarbeitung des Massakers offenbarte das Desinteresse des Staates und ihres Präsidenten Jacob Zuma, die wahren Schuldigen des Verbrechens zu finden.

Fünf Jahre später sind die Opfer des Massakers oder ihre Angehörigen in Mannheim, um den Chemiekonzern BASF an seine Lieferkettenverantwortung zu erinnern. BASF ist heute wie damals der Hauptabnehmer des Bergbauunternehmens LONMIN und bezieht aus den Minen von Marikana den wertvollen Rohstoff Platin – im Wert von zwei Millionen Euro täglich.

Das Edelmetall findet etwa in PKW-Katalysatoren Verwendung, während die Minenarbeiter das Platin unter gesundheitsgefährdenden Bedingungen schürfen. Der Konzern BASF bekennt sich in einer Selbstbeschreibung ausdrücklich zu seiner sozialen Verantwortung: „We create chemistry for a sustainable future“. Ob damit auch eine nachhaltige Zukunft der Bergarbeiter von Marikana gemeint ist, darf bezweifelt werden.

DAS MEDIALISIERTE KIND

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Von klein auf verkabelt mit der Welt

Die Eroberung kindlicher Erfahrungswelten durch die Medien wurde spätestens Ende der 1980er Jahre ein breit diskutiertes Thema, nachdem Neil Postman in seinem gleichnamigen Bestseller das Verschwinden der Kindheit prognostiziert hatte. Postman argumentierte bereits vor 30 Jahren, dass sich durch die Medialisierung der Kindheit die Grenze zwischen Kindern und Erwachsenen zunehmend auflöse.
Durch das Fernsehen sei der gesamte Inhalt der Erwachsenenwelt auch jedem Kind zugänglich geworden. Eine Folge davon sei, dass sich auch Gewalt von Kindern von denen der Erwachsenen immer weniger unterscheiden würde. Auch dreißig Jahre danach sprießen populärwissenschaftliche Sachbücher aus dem Boden, in denen vor der medialen Verblödung der Kinder gewarnt wird: Titel wie „Digitale Demenz“, „Die Lüge der digitalen Bildung: Warum unsere Kinder das Lernen verlernen“ oder „Wer hat unseren Kindern das Töten beigebracht“ künden von der grassierenden Sorge um die Auswirkungen von brutalen Computerspielen oder der Allgegenwart des Handys und der sozialen Netzwerke.

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HOMO NARRANS – Wie das Erzählen unser Leben organisiert

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Das Erzählen ist so alt wie der Homo sapiens, und doch stellt sich die Frage: Wann begann der Mensch mit dem Erzählen? Oder sollte man besser sagen: Woher kommt der menschliche Erzählinstinkt? In seinem gleichnamigen Sachbuch beschreibt der Biologe und Hirnforscher Werner Siefer, wie das Lausen der Affen von der Sprache und dem Erahnen der Absichten anderer abgelöst wurde.
Das Gedankenlesen und Phantasieren von Intentionalität waren im Keim schon Vorformen kleinster Erzählungen, die sich in tausenden von Jahren weiterentwickelten. Der soziale Aspekt des Erzählens ist seitdem nicht mehr aus dem menschlichen Leben wegzudenken, wie auch die ungebrochene Begeisterung für alte Erzählungen und Mythen aus aller Welt belegen.

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